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Datenverkehr Anstieg Kurve plus Coronavirus Grafik

De-Cix / Pixabay

Erich Moechel

Warum Netflix und Co gedrosselt wurden

Engpässe sind weder an Internet-Exchanges noch bei den großen Netzprovidern zu erwarten. Probleme können vielmehr an den letzten Knoten vor den Kunden auftreten, wenn eine Funkzelle oder ein DSLAM zu schwach angebunden ist.

Von Erich Moechel

Mit Netflix, Youtube und Amazon werden die größten drei Videoplattformen die Streams drosseln, indem die Übertragungsqualität gesenkt wird. Netflix war bereits 2018 für etwa 15 Prozent des weltweiten Datenverkehrs verantwortlich, während Youtube mit 35 Prozent Anteil die mobilen Datentransfers dominiert. Europaweit ist das Gesamtvolumen seit den Restriktionen um durchschnittlich 20 Prozent gestiegen.

So auch an der Vienna Internet Exchange (VIX). „Derzeit ist alles im grünen Bereich. Wir haben zwar deutlich erhöhten Datendurchsatz zu verzeichnen, sind aber in der Lage, jederzeit zu skalieren“, sagte Christian Panigl vom VIX zu ORF.at. Die zentralen Knoten sind auch bei weiterem Anstieg des Verkehrs absolut kein Problem, Probleme sind vielmehr an der Peripherie zu erwarten.

Bandbreiten

public domain

Ganz ähnlich wie auf der Wiener Internet Exchange sieht es auch am DeCIX in Frankfurt aus.

Am letzten Knoten vor der letzten Meile

An denselben Knoten, die Datenströme zu den Endbenutzern bündeln, sitzen neben den Konsumenten nun viele neue Teleworker, die von Zuhause arbeiten sollen.

"In einer solchen Situation sind die ersten Probleme auf der sogenannten ‚Last Mile‘ zu erwarten. Am letzten Netzknoten vor dem Kunden könnte die Praxis der „Oversubscription" an solchen Knoten schlagend werden, wenn sie zu schwach angebunden sind,“ sagte Michael Kafka, Netzwerk- und Sicherheitsexperte zu ORF.at. Eine Überbuchung des letzten Knotens bis zum Ausmaß von 1:50 sei dabei gängige Praxis. Im bisherigen Alltag sei das auch kein Problem, da nie sehr viele Kunden zugleich massive Datensätze herunterladen, so Kafka weiter.

Porträt-Foto von Michael Kafka

Erich Moechel/FM4/CC BY 3.0

Michael Kafka ist Sicherheitstechniker, Auditor und Pentester, sowie zertifizierter Cisco-Trainer seit 1997.

Die allermeiste Zeit sei das Gros der User mit „Surfen“ beschäftigt oder mit Chats und Postings in Sozialen Netzwerken, sagt der Netzwerkexperte. Der weitaus meiste Verkehr komme von etwa zehn Prozent der User, die bis zu 80 Prozent der verbrauchten Bandbreiten ausmachten. „So war das wenigsten bis jetzt, nun sind allerdings andere Bedingungen gegeben,“ so Kafka abschließend. Konkret bedeutet das: Der Anstieg des Datenverkehrs ist am VIX ziemlich egal, auch die großen Provider dahinter sind dafür gerüstet, kleinere können das durch ein Upgrade ihrer Leitung zum VIX und anderen Knoten einfach abfedern. Weiter draußen im Netz, wo Bandbreite zunehmend Mangelware wird, sieht es schon etwas anders aus (siehe unten).

Zwei Faktoren für den Anstieg

Der sprunghafte Anstieg des Datenverkehrs überall in Europa, nachdem einschneidende Maßnahmen getroffen worden waren, ist im Wesentlichen auf das Zusammentreffen zweier Faktoren zurückzuführen. Zum einen sind da die vielen neuen Teleworker, die statt aus direkt an große Knoten angebundenen Firmennetzen nun über vergleichsweise schwachbrüstige private Internetanschlüsse von daheim arbeiten müssen. Damit wurde viel Datenverkehr an die Netzwerkperipherie verlagert, wobei ein Gutteil davon über die Mobilfunknetze läuft.

Der zweite Zuwachsfaktor ist die große Zahl von Beschäftigten, die zwar nach Hause geschickt wurden, bei denen aber Telearbeit aus verschiedenen Gründen (noch) nicht in Frage kommt. Sämtliche Freizeitangebote wie Cafés oder Heurige, Erlebniswelten, Sportstätten, Fitnesscenter, Thermen oder Ausflugsfahrten und Verwandtenbesuche sind weggefallen. Selbst Spaziergänge sind auf die Mitglieder eines Haushaltes reduziert. Dadurch steigt der Videokonsum überproportional an und diese Videos gehen über dieselben Knoten, an denen auch die neuen Teleworker hängen.

Bandbreiten

Cloudflare

Der Großanbieter Cloudflare verfügt über große Mengen an Traffic-Metadaten aus jedem Land. Diese Statistik zeigt nur den Datenverkehr von Kunden aus Italien, die Cloud-Dienste dieses Anbieters benützen. Auch hier ist dieselbe Steigerungsrate von 20 bis 25 Prozent zu verzeichnen.

EU-Kommissar, Ex-CEO von France Telekom

Der neue Binnenmarktkommissar Thierry Breton hatte nach Videokonferenzen mit Google-Chef Sundar Pichai und Netflix-CEO Reed Hastings am Freitag die Entscheidung der Konzernchefs begrüßt. Die Einigung auf Bandbreitenbeschränkungen von 25 Prozent war wohl nicht ganz so harmonisch gewesen, wie es nun dargestellt wird. Breton ist in der IT-Branche schon lange bekannt als harter Sanierer, der als Konzernchef rasch entscheidet und auch vor tiefgreifenden Veränderungen nicht zurückschreckt. Auf diese Tour hatte Breton nacheinander die wichtigsten vier IT-Konzerne Frankreichs vor dem Crash gerettet und mit harten Maßnahmen langfristig saniert.

Mehr über den neuen Binnenmarktkommissar Thierry Breton. Hier beim Hearing durch das EU-Parlament im Herbst 2019

Darunter war auch die französische Telekom, die nach einem viel zu teuren Merger mit dem britischen Mobilfunker Orange Schlagseite bekommen hatte. Breton brauchte nur drei Jahre, um den Großkonzern, der nun Orange hieß, zu sanieren, ein Drittel der Schulden abzubauen und den Aktienkurs zu verdreifachen. Wie bei den Unternehmen davor geschah dies ohne Massenentlassungen, vielmehr wurden neue Produktlinien geschaffen und unprofitable eingestellt.

Netflix DL Geschwindigkeiten

Netflix

Aus diesen technischen Bedingungen geht hervor, dass in der Standardeinstellung „automatisch“ von Netflix für HD-Abonnenten, der Download automatisch auf 5 Mbit/sec ansteigt, sobald 5 Mbit volle Bandbreite zur Verfügung stehen. Mehrere davon gleichzeitig in einer schwach angebundenen Funkzelle zusätzlich zum Surf- und Chatverkehr sind ein ungutes Szenario für Business-User, die gerade an Videokonferenzen teilnehmen.

Remember Napster Times?

Das Zeitalter der Tauschbörsen in der ORF-Futurezone in 980 [sic!] Artikeln, Meldungen und Analysen von 1999 bis 2010

Kommissar Breton weiß also ganz genau, wo die Flaschenhälse für Daten in Telekomnetzen sind und wo quer durch Europa analog zur Eskalation Probleme auftreten sollten. Als Breton sein Amt als CEO von Orange 2002 antrat, spielten die Tauschbörsen dieselbe Rolle, die heute HD-Videos spielen. Die damals schwach aufgestellten TCP/IP-Netze der Telekoms gingen unter dem Ansturm quer durch Europa laufend in die Knie. Der Grund dafür war, dass die Peer-to-Peer-Protokolle der Tauschbörsen massive Uploads verursachten.

Die brachten die Netzwerke der Telekoms ins Wanken, denn große Uploads waren technisch einfach nicht vorgesehen. Wer 2002 des Abends über schwachbrüstige Leitungen „interaktiv arbeiten“ musste - wie es damals hieß - also Tools im Web bedienen musste, war arm dran. In der ORF-Futurezone, wo kaum etwas verboten war, gab es zu dieser Zeit nur eine wichtige Weisung: Es ist verboten, Texte direkt im Webtool zu verfassen. Ansonsten galt das Motto: „Was nicht explizit verboten ist, ist explizit erlaubt.“

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