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Pride-Parade, darüber eine Stempel: "Cancelled"

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Was die weltweiten Pride-Absagen für die LGBTIQ-Community bedeuten

Die vielen Absagen von Veranstaltungen wegen des Coronavirus treffen auch die Regenbogenparaden. Jetzt gilt es die LGBTIQ+ Community mit anderen Mitteln zu stärken, zum Beispiel durch Online-Proteste.

Von David Riegler

Konzerte, Messen, Demonstrationen werden momentan nach der Reihe abgesagt und auch die Regenbogenparade in Wien teilt dieses Schicksal.

Absage

Vienna Pride

Das ist selbstverständlich die richtige Entscheidung und gilt auch für sämtliche andere Proteste, Kundgebungen und Kulturveranstaltungen. Trotzdem trifft diese Absage die LGBTIQ-Community hart, denn vor allem junge Menschen erleben oft auf der Pride zum ersten Mal den Zusammenhalt der Community.

Moritz Yvon, Obmann der HOSI Wien sagt dazu: „Die Pride bedeutet Sichtbarkeit und Zusammengehörigkeit. Sie ist vor allem für junge LGBTIQ-Menschen sehr wichtig, denn bei der Pride geht es darum, dass man endlich sieht, ich bin nicht alleine auf der Welt.“ Die Absage habe man sich daher nicht leicht gemacht.

„Die Pride bedeutet Sichtbarkeit und Zusammengehörigkeit."

In manchen Ländern hat man die Parade nicht abgesagt, sondern auf unbestimmte Zeit verschoben, doch das war für Moritz Yvon keine Option. Einerseits sei es unmöglich abzuschätzen, wie lange die Ausgangsbeschränkungen gelten und andererseits sei der Pride-Monat nicht zufällig im Juni, sagt Moritz Yvon: „Die Pride ist auch dazu da, das Jubiläum von Stonewall zu feiern, denn das war der Beginn der modernen LGBTIQ-Bewegung. Und das war eben Ende Juni.“

Auch Europride abgesagt

Mit der Absage ist Wien keine Ausnahme. Über 150 Paraden wurden abgesagt, die meisten davon in Europa. Besonders bitter ist die Situation für die griechische Stadt Thessaloniki, denn dort hätte die diesjährige Europride stattfinden sollen, die letztes Jahr in Wien war und knapp 500.000 Teilnehmer*innen verzeichnen konnte.

Menschen auf der Regenbogenparade mit PRIDE-Schrift

APA / Herbert Neubauer

Katharina Kacerovsky von der Stonewall GmbH hat letztes Jahr die Europride mitorganisiert und weiß, was das für eine Stadt bedeutet: „Eine Europride ist noch einmal eine ganz andere Sache, die für eine Stadt und eine LGBTIQ-Community sehr viel bedeutet und auch bringt.“ Knapp drei Jahre dauert die Planung für eine solche Europride.

Für einen Überblick über den aktuellen Status aller Paraden, hat die „European Pride Organisers Association“ kurz EPOA, eine interaktive Karte erstellt:

Demonstration für LGBTIQ- Menschenrechte

Eine Pride-Parade ist immer bunt und laut, doch für Katharina Kacerovsky ist es mehr als nur eine Party: „In der Öffentlichkeit mag die Parade oft nach einer Spaßveranstaltung aussehen, tatsächlich ist sie jedoch eine wichtige Demonstration für LGBTIQ- Menschenrechte.“

Das gilt besonders für Länder, in denen die queere Community noch immer den Anfeindungen aus der Bevölkerung und auch aus der Politik ausgesetzt ist. Ein Beispiel dafür ist Georgien, wo letztes Jahr die lokale LGBTIQ-Community die erste georgische Pride genutzt hat, um auf sich aufmerksam machen und für mehr Rechte zu demonstrieren.

Pro-russische und neo-faschistische Gruppen haben versucht, die Aktivist*innen mit Morddrohungen und Gewalt an der Durchführung der ersten Pride in Georgien zu hindern. Nach einer Absage wurde die Pride einige Wochen später im kleinen Rahmen durchgeführt - ein wichtiger Erfolg für die Community in Georgien.

Auch in Tunesien sind queere Aktivist*innen Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt. Trotz allem haben die religiösen Institutionen und radikalen Gruppen es nicht geschafft, das erste nordafrikanische queere Filmfestival zu verhindern. Unter massiven Einschüchterungsversuchen und Drohungen hat die NGO Mawjoudin (“We Exist”) 2018 das queere Filmfestival in einer geheimen Location durchgeführt. Das hat der queeren Bewegung in Tunesien weltweite Aufmerksamkeit gebracht und einen Diskurs über LGBTIQ-Menschenrechte ausgelöst. Dieses Jahr musste die dritte Ausgabe des Festivals wegen der Coronakrise auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Botswana Pride Parade

APA/AFP/Monirul Bhuiyan

Virtueller Protest als Alternative

Veranstalter*innen stehen nun weltweit vor der Herausforderung, die Communities anders zu stärken, zum Beispiel über Online-Proteste und Solidaritätsaktionen auf Social Media, ähnlich wie es die Fridays-for-Future Bewegung macht.

In einigen Städten, zum Beispiel in der englischen Stadt Norwich, haben die Veranstalter*innen dazu aufgerufen, Ideen für virtuelle Proteste einzureichen. Von Bildern mit Regenbogenfarben, bis zu Online-Events mit Livestream ist vieles vorstellbar. Und das bringt einen Vorteil mit sich: Überall wo es Internet gibt, können diese Botschaften und Protestformen Menschen erreichen.

Möglicherweise erreicht man damit also sogar Menschen, die es nicht geschafft hätten zur Parade in die Stadt zu fahren. Vor allem in Ländern, in denen queere Menschen Diskriminierung ausgesetzt sind, ist das Internet der einzige Zugang zu queerer Protestkultur.

Auch in Österreich wird darüber nachgedacht, wie man online für LGBTIQ-Rechte demonstrieren kann. Außerdem gibt es die Überlegung, eine kleine Demonstration im Herbst zu veranstalten, jedoch nur, wenn die Bedingungen es zulassen, sagt Moritz Yvon: „Wenn es sinnvoll umsetzbar ist, fassen wir eine Demonstration mit Abschlusskundgebung im September ins Auge."

Außerdem kann man sich auf nächstes Jahr freuen, wenn in Wien das 25. Jubiläum der Regenbogenparade nachgeholt wird. Ideen und Projekte für heuer werden einfach in das nächste Jahr mitgenommen, sagt Katharina Kacerovsky: „Im Grunde haben wir jetzt 14 Monate, um noch mehr daraus zu machen. Es wird sicher eine große und gebührende Feier und Demonstration werden.“

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