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Stills aus der Serie "Unorthodox"

Netflix

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FM4 in Serie: „Unorthodox“

Die bemerkenswerte Miniserie über die Flucht einer jungen Jüdin aus einer verschlossenen Welt mitten in New York. Angelehnt an Deborah Feldmans autobiographischen Roman „Unorthodox“.

Von Gersin Livia Paya

Der Begriff „Unorthodox“ kann ebenso negativ wie positiv konnotiert sein. „Das ist ein bisschen unorthodox“, sagt man und meint exzentrisch, kreativ, originell und erfindungsreich. Wie es in der so betitelten Miniserie und den Vorlage-Memoiren der Autorin Deborah Feldman gemeint ist, bleibt uns Rezipient*innen in der Interpretation überlassen.

Jedenfalls ist die aus vier Folgen bestehende Serie die persönliche Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin Deborah Feldman. Das Buch „Unorthodox“ ist ein Bestseller und Hollywood wollte schon lange Feldmans Geschichte verfilmen. Mit der Netflix-Produktion, bei der die Autorin mitgearbeitet hat, ist dies endlich geschehen.

Stills aus der Serie "Unorthodox"

Netflix

Die Autorin Deborah Feldman schrieb in ihrem Debüt „Unorthodox“ ihre unfassbare Lebensgeschichte nieder. Nun wurde dieses Buch für eine Serie verfilmt. Hier im FM4-Gespräch mit Christian Pausch zum Nachlesen und zum Nachhören als Podcast.

Die Serie „Unorthodox“ erzählt die Geschichte der Selbstermächtigung der 19-jährigen Esther „Esty“ Shapiro, die aus ihrer ultraorthodoxen Gemeinde in Williamsburg, New York, nach Berlin flieht.

Sonne, Sabbat, Beischlaf

Es werden zwei Geschichten gleichzeitig erzählt. Die eine zeigt die penibel aufgearbeitete Vergangenheit, in der Esty mit gerade einmal siebzehn Jahren zwangsverheiratet wird, im Kreis der strenggläubigen ultraorthodoxen Glaubensgemeinschaft der Satmarer. Regeln, Rituale und sehr klare Rollenbilder prägen dort das Zusammenleben. Eine Parallelgesellschaft, in der nur Männer studieren, Streimels (hohe Fellhüte) tragen und den Talmud lesen dürfen, während die Ehefrauen möglichst viele Kinder gebären sollen.

Die arrangierte Ehe, der Schmerz beim Geschlechtsverkehr, die ausbleibende Schwangerschaft und der damit verbundene Druck der Community treiben die junge Jüdin zur Flucht aus New York und nach Berlin, wo ihre Mutter lebt. Ohne Koffer, mit nichts als ihren Dokumenten und wenig Bargeld, bricht sie aus der Parallelwelt aus. Die gedemütigten Männer der Glaubensgemeinschaft wollen Esty unbedingt wieder nach Hause bringen, wo sie ihrer Meinung nach hingehört, und verfolgen sie.

Stills aus der Serie "Unorthodox"

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Das ideale Berlin

Die andere Zeit spielt in der Gegenwart und ist der fiktive Teil der Serie, also nicht mehr getreu der Lebenserfahrung der Autorin. Das spielt im hochstilisierten Berlin, das vor allem von jungen Hipster-Bohemians, Techno-Clubs und Musik geprägt ist. Es ist Estys Eintritt in eine fremde Welt. Dort findet sie Freiheit. Und ein neues Leben. Sie legt ihre Perücke ab, trägt zum ersten Mal Jeans und findet ihre neue Identität. Die Jeans sind ein Symbol für viele Frauen, die sich emanzipiert haben. In ihrem Fall in der ironischerweise geschichtsträchtigen Hauptstadt. Allerdings wird dabei ein viel zu idealisiertes Berlin ohne Antisemitismus erzählt. Das ist die Schwäche der Serie: Entertainment braucht wohl auch Utopien.

Stills aus der Serie "Unorthodox"

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Berlin ist aber in der Realität auch von Antisemitismus geprägt. Die Stimmung bei Berliner Jüdinnen und Juden pendelt immer wieder zwischen Bestürzung und Kampfbereitschaft. Der Senat, die Polizei und die Staatsanwaltschaft haben inzwischen jeweils einen eigenen Beauftragten für das Thema Antisemitismus. Außerdem gilt es zu erwähnen, dass die in der Serie dargestellten Sekten-Ansichten der Satmarer Juden nicht typisch für das gesamte Judentum sind.

Trotzdem ist die Serie „Unorthodox“ eine Seltenheit. Nicht nur, weil sie in jeder Folge bildlich und emotional überrascht und einen sehr seltenen Einblick in eine streng religiöse Welt gibt, sondern vor allem, weil sie auf Jiddisch gezeigt wird. Also in jener Sprache, die heute nur von wenigen Menschen gesprochen wird, weil die meisten Sprecher ermordet wurden. Vor der Shoa waren es mehr als 11 Millionen Menschen die Jiddisch gesprochen haben, heute gibt es Schätzungen die zwischen 100.000 und einer Million variieren. Um die Hybridsprache getreu einzusetzen, haben die Serienmacher*innen mit Übersetzer*innen, Rabbinern und ehemaligen Chassiden zusammengearbeitet.

Stills aus der Serie "Unorthodox"

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Der Streaminggigant Netflix zeigt neben der Miniserie „Unorthodox“ auch andere Geschichten zum Judentum, zum Beispiel „Shtisel“ oder „One Of Us“. Dabei ist „Unorthodox“ aber die mit dem stärksten Hollywood-Narrativ. Ein bisschen Thriller, Verfolgungsjagd, Liebesdrama und dann die Fantasiestadt: Berlin.

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