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RA The Rugged Man

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RA The Rugged Man ist das Enfant Terrible der Rap-Welt

Der New Yorker Rapper RA The Rugged Man hätte dort sein können, wo Eminem heute ist. Der „Legendary Loser“ hat sich aber konsequent Steine in den Weg gelegt. Mit „All My Heroes Are Dead“ präsentiert er jetzt sein drittes Album, das von schonungsloser Selbstreflexion geprägt ist und einmal mehr unterstreicht, dass er zurecht als einer der besten und meist unterschätzten MCs der Welt gilt.

Von Alex „DJ Phekt“ Hertel

RA The Rugged Man ist ein asoziales Arschloch. Oder besser gesagt war er es die längste Zeit seines Lebens.

Das behaupte nicht ich, er macht selbst keinen Hehl daraus. Wobei ich seinen schlechten Ruf aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann. 2015 bin ich kurzfristig als sein DJ beim Headliner-Slot im Rahmen der „Bubble Days“ in Linz eingesprungen, hab eine 90 Minuten Show (die wir davor rudimentär im Hotelzimmer besprochen haben) mit ihm gespielt und hautnah erlebt, wie er als stimmgewaltiger MC mit Charisma einerseits tausende Menschen in seinen Bann ziehen konnte und gleichzeitig manche dieser euphorisierten Fans von der Bühne gestoßen und beschimpft hat.

RA The Rugged man und DJ Phekt bei den Bubble Days

DJ Phekt

RA The Rugged Man und DJ Phekt live bei den Bubble Days in Linz 2014

An ein anschließendes, durchaus angebrachtes Danke für die spontane musikalische Begleitung in guter alter 1 MC & 1 DJ-Manier kann ich mich nicht erinnern. Von seiner Gage hat er ebenfalls keinen Cent mit mir als DJ geteilt. Fairerweise muss ich aber zugeben, dass ich ungefähr wusste, worauf ich mich einlasse und die Neugier, mit diesem legendären „Rap-Biest“ eine Show zu spielen, größer war als die Zweifel. No regrets.

Als „Enfant Terrible der Rap-Welt“ hat mein Kollege Trishes ihn unlängst treffend bezeichnet. In den 90er Jahren wurde der Rapper aus Suffolk County, NY, aufgrund seiner Rap-Skills zuerst von Major Labels hofiert, dann gefürchtet und mit Hausverboten belegt. Rüpelhaftes, respektloses Verhalten, Provokationen, Schlägereien mit Fans, Alkohol-Exzesse, Sex-Eskapaden in Backstage-Räumen... RA The Rugged Man hat nichts ausgelassen, um seinen Ruf zu ruinieren und wurde als Künstler schon oft abgeschrieben. Doch mit jeder via Indie-Labels (z.B. Rawkus Records) veröffentlichten Single oder jedem Album hat er seinen Ruf als begnadeter Rapper mit Ausnahme-Talent und einzigartiger Stimme zementiert und dabei nie mit Selbstkritik oder schmerzhaft persönlichen Einblicken in sein Leben gespart.

My family snort heroin and smoke pipes
Criminals, biker gangs, drug addicts, lowlifes
Agent orange homicide robberies
My life makes Shakespeare tragedies
Look like Adam Sandler comedies

(aus dem Song „Legendary Loser“)

Das treibt er auf seinem jetzt erschienenen dritten Album „All My Heroes Are Dead“ auf die Spitze. Dabei wird er von einer eindrucksvollen Liste von Hip Hop-Helden, die zum Glück noch nicht verstorbenen sind (z.B. Ice T, Chuck D von Public Enemy, DJ Jazzy Jeff, Kool G Rap, Mitgliedern des Wu-Tang Clan, u.v.m.) unterstützt, eine Bestätigung, in welcher Liga er als MC einzordnen ist.

Vom sozialen Sumpf auf die Bühne

Der Start ins Leben war für RA The Rugged Man kein leichter. Sein geliebter und mittlerweile verstorbener Vater war Vietnam-Veteran mit Agent Orange-Vergiftung. Das hat die Familie brutal getroffen. Der Bruder war vor seinem frühen Tod schwerst behindert, psychische Krankheiten und Dramen in der Familie allgegenwärtig.

In a house of disease and handicap blind cripples
I watched half my family die, the shit we been through
I lost my brother, my sister, my cousin, my nephew
I watched the hearse come when my sister lost her first son
The tragedies in life are the lessons that we learn from

(vom Song „Wondering“)

Als Zwölfjährigen erfasst ihn die Hip Hop-Welle und 80er-Jahre MCs wie Rakim, Big Daddy Kane, RUN DMC oder der Sound von Public Enemy ziehen ihn in seinen Bann. Er schreibt selbst Texte, hat Talent und orientiert sich an den Besten des Genres.

Bald spricht sich herum, dass da dieser „White Boy“ ist, der unfassbare Flows und Punchlines hat. Anfang der 90er Jahre zeigen diverse Major Labels Interesse und RA unterschreibt einen 1,8 Millionen Dollar Deal bei JIVE Records. Es entstehen Features mit angehenden Rap-Stars wie Notorious B.I.G. oder Mobb Deep und kurz schaut alles so aus, als ob es das Leben endlich gut mit ihm meint. Doch aus dem sich anbahnenden Hollywood-Märchen wird ein Streifen, der eher aus der Feder von Stanley Kubrick, Quentin Tarantino oder David Lynch stammen könnte.

In folgendem Video erinnert sich Method Man.

Der Film-Vergleich macht insofern Sinn, weil RA The Rugged Man neben seiner Tätigkeit als Rapper auch ein passionierter Cineast ist, der sich schon als Filmregisseur und Drehbuch-Autor betätigt hat.

Diese Liebe zum Film hat seit jeher großen Einfluss auf die Art und Weise wie er Texte schreibt und seine Musikvideos gestaltet. Nach dem Hören seines neuen Albums hat man das Gefühl, einen unfassbar dichten, abwechslungsreichen Film gesehen zu haben, der Splatter, Porno, Sozial-Reportage, Thriller und Musikdoku in einem ist.

Punchlines, Storytelling, Lichtgeschwindigkeit-Flows

„All My Heroes Are Dead“ klingt wie die Antithese zu gegenwärtig erfolgreichen Rap-Alben. Die Songs dauern meistens länger als 4 Minuten, die Platte beinhaltet mit Skits insgesamt 22 Tracks und hat eine Spieldauer von fast 80 Minuten. Auf einem Song featured er gleichzeitig Brand Nubian, ONYX, Chino XL, Chris Rivers (den Sohn von Big Punisher), Ice T, Vinnie Paz & M.O.P. Mehr muss man nicht sagen um zu sehen, welchen Respekt RA in der Szene genießt.

Albumcover von RA The Rugged Man's "All My Heroes Are Dead"

Nature Sounds

Mit seinen „double- oder triple-time“-Lichtgeschwindigkeits-Reimexzessen können nur wenige mithalten. Er sagt in einer Strophe teilweise mehr als viele Rapper heutzutage in einem ganzen Song. Selbst wenn man parallel den Text mitliest, ist es schwer, seine schnellen Reim-Flows nachzuvollziehen. Ihr könnt das gerne selbst testen:

The heroin, the medicine, the venom with the menacing
A regiment of better men, they better get ’em in the tenement
I hit ’em in the head again
And Lennon with the Beatles singing ‚Let it be‘, the legacy
The enemy to ‚live a little‘, bit and when I hit ‚em
With the minigun: the penalty to get them beheaded
The son of zebedee with the negative energy identity
They wanna get rid of us, I get it keeping it coming, the vigilante
Get it the medical, the beat’ll be drumming
Gimme the record, the sicker the wigga deliver the gunnin, militant

(aus „Gotta Be Dope“)

Der Papa aus der „Golden Era“

In den letzten Jahren wurde RA The Rugged Man Vater einer Tochter und eines Sohnes. Das hat ihn, wie er selbst betont, milde und reifer gemacht.
Die Beziehung zur Mutter, einer Lehrerin, ist leider gescheitert. Die Gründe dafür erzählt er selbstkritisch im Song „First Born“, den er seiner Tochter gewidmet hat.

I’m used to knife fights, big guns and shit startin’
Now I shed a tear dropping you off at the kindergarten

Eine große Stärke von „All My Heroes Are Dead“ ist die Themenvielfalt. Im wesentlichen vereint RA auf dieser Platte alles, was ein gutes Rap-Album, kreiert nach dem Strickmuster von Genre-Klassikern aus der „Golden Era“, ausmacht: anspruchsvolle, abwechslungsreiche Reim-Flows, Kopfkino-Storytelling, lyrische Punchlines, Themenvielfalt, großartige Gast-MCs, pointiert gesetzte Scratches, gute Instrumental-Auswahl etc. Die einzige merkbare Schwäche der Platte sind die vereinzelt schmerzhaft kitschig-anmutenden gesungenen Refrains in Songs wie „The After Life“.

Beats von Prince Paul, Mr. Green & Psycho Les

Wie viele gute Rap-Alben der Geschichte haben schon unter schlecht ausgewählten Beats gelitten? NAS hat diesbezüglich seit Jahren den Ruf, nicht immer ein glückliches Händchen für Instrumentals bewiesen zu haben. Das trifft allerdings nicht auf seine ersten beiden Alben „Illmatic“ und „It was written“ zu.

RA The Rugged Man kann man das nicht vorwerfen. Ähnlich wie bei der A-Liste seiner Feature-Gäste hat er sich Beats von Menschen besorgt, die ganz genau wissen, was sie tun: ob der frühe Stetsasonic- und De La Soul-Producer Prince Paul, Psycho Les von den Beatnuts, Mr. Green oder The Kickdrums: die Instrumentals von „All My Heroes Are Dead“ können sich allesamt hören lassen und unterstreichen die Stimmung der Themen.

Ob im Song „Who do we trust“, in dem er gemeinsam mit Immortal Technique die zynische US-Doppelmoral analysiert, der Kapitalismuskritik „Malice of Mammon“ mit Chuck D oder der „New York der 80er Jahre“-Hymne „E.K.N.Y“ mit Inspektah Deck & Timbo King: der Soundtrack/Score seines Albums ist absolut gelungen.

In „Angelic Boy“ beschreibt er schonungslos in 3 Strophen den Werdegang eines jungen Mannes vom Outsider und Bullying-Opfer hin zum Schulmassaker-Amokläufer, der nach seinem Tod durch Polizeikugeln auf sein Leben zurückblickt.

I got what I wanted, attention, fame, I’m on TV
No one cares about the names of the victims or their family
I’m the super star, the ratings booster, I’m media friendly
And all the glorification is helpin‘ to create the next me

(aus „Angelic Boy“)

Mit „All My Heroes Are Dead“ hat RA The Rugged Man sein bisher bestes Album veröffentlicht. Sein menschlicher Reifeprozess in Kombination mit der Rotzigkeit des „alten“ RA sind eine Wohltat und machen diese Platte zu einem Anwärter für die „Best of“-Listen am Ende des Jahres.

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