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Zeichnung von Ossi Rohr, wie er gerade einen Fußball schießt

Julian Voloj & Marcin Podolec / Carlsen Verlag

Ossi Rohr: Comic-Hommage für einen vergessenen Jahrhundertstürmer

Oskar „Ossi“ Rohr hat Bayern München zum ersten Deutschen Fußballmeister geschossen. Dann kam der 2. Weltkrieg und das Vergessen. Seine Geschichte steht für das Verlorene einer ganzen Generation. Eine Graphic Novel erzählt, was von Ossi geblieben ist.

Von Paul Pant

Der Junge mit dem Torinstinkt, der sich nicht die Schnürsenkel binden kann, dessen Mama beim Probetraining am Seitenrand steht und ihm die Schuhe binden muss. Ein paar Jahre später steht dieser nun 20-jährige Rohr am Elfmeterpunkt im Spiel seines – noch jungen - Lebens. Es ist das Finale der 25. Deutschen Meisterschaft und der Gegner Eintracht Frankfurt. Ossi Rohr tritt den Ball, der Elfmeterpunkt staubt, der Fotograf drückt ab. Das Foto schafft es in die Archive. Am Ende krönt sich der FC Bayern München mit 2:0 zum ersten Mal zum Deutschen Meister. Das war im Jahr 1932.

Ein halbes Jahr später ist der Jubel und der Triumphzug der Bayern in München vergessen. Nun wird Adolf Hitler und seinen braunen Kameraden zugejubelt. Der Judenklub FC Bayern München und der englische Fußball wird von den Nazis geächtet, nur noch geduldet. Turnvereine und militärischer Drill sind der bessere Nährboden für die Erziehung des künftigen Kanonenfutters. So sieht totalitärer Nationalsozialismus aus. Fußball wird aussortiert.

Cover: Ein Leben für den Fußball

Carlsen

Die Grapic Novel „Ein Leben für den Fußball: Die Geschichte von Oskar Rohr“ ist bei Carlsen erschienen.

Das alles ist heute vergessen. Genauso wie Oskar Rohr, der zum „Verräter“ wird, weil er weiter seinen geliebten Sport und seinen Traum leben will und nach Frankreich auswandert. Dort wird er zur unvergessenen Legende. Torschützenkönig und Meistermacher bei Racing Straßburg. Allerdings nur so lange bis ihn die Nazis einholen und Ossi ins KZ und an die Ostfront schicken.

Was wäre, wenn…?

„Zu einer anderen Zeit, unter anderen Umständen, wäre Oskar Rohr wohl als einer der größten Stürmer seiner Generation in die Fußballgeschichte eingegangen“, schreibt Autor Julian Voloj im Nachwort. Er wolle ihn und andere Fußballpioniere seiner Generation mit dieser Graphic Novel posthum würdigen.

Als Zeichner hat sich Voloj ebenfalls einen der jungen Talente seiner Generation an Bord geholt. Marcin Podolec, geboren 1991 in Jarosław , Polen. Nach seinem Animation-Studium ist Podelec das erste Mal mit der bemerkenswerten Graphic Novel „Fugazi Music Club“ in Erscheinung getreten. Die Geschichte eines Warschauer Undergroundclubs, der in den 90er Jahren wichtiger Umschlagplatz für Subkultur aller Art war. Auch Julian Voloj hat mit seinen Graphic Novels „Basquiat“ und „Joe Shuster“ – über den vergessenen Superman-Zeichenvater – Publikum und Kritiker begeistern können.

In der Hommage „Ein Lebe für den Fußball - Die Geschichte von Oskar Rohr“ gibt es ebenfalls viel zu entdecken. Dass der Meistertrainer der Bayern und „Trainervater“ von Ossi Rohr, der Wiener Richard „Little Dombi“ Kohn war. Auf Kohns aktives Spielerkonto geht der erste Sieg eines kontinentalen Fußballklubs (Wiener AC) gegen eine englische Mannschaft (Sunderland AFC). Erfolge im Österreichisches Nationalteam folgen, dann wird er Meistertrainer in München und bei Feyernoord Rotterdam. Weitere Stopps als Trainer: Grasshoppers Zürich, Racing Straßburg und FC Barcelona. Auch Dombis Karriere ist geprägt von der Flucht vor den Nazis. Allerdings nicht nur wegen der Liebe zum Fußball, wie bei Ossi Rohr, sondern auch wegen seiner jüdischen Herkunft.

Bild aus der Graphic Novel: Ein Leben für den Fußball

Carlsen

Ossi Rohr ist so wie Kohn und viele andere seinen Weg gegangen. Das politische Umfeld und die unsicheren Zeiten haben ihnen den ganz großen Durchbruch, so wie wir es aus dem heutigen Superstar-Kult im Sport kennen, verwehrt. Den Eintrag in die Archive und Geschichtsbücher allerdings nicht. Diesen Schatz hat Julian Voloj mit Marcin Podelec gehoben und wiederentdeckt. Gezeichnet mit Bleistift und Buntstift, stimmungsvollen Farbwechseln und harten kantigen Strichen. Im Storytelling reduziert auf die Momente der Biografie von Ossi Rohr, die seine bedingungslose Liebe zum Fußball dokumentieren. Ein kleines, unaufgeregtes Meisterwerk, das einlädt zum Weiterforschen und Erinnern. Aber auch zum Träumen, wie es hätte sein können, wenn die Geschichte einen anderen Lauf genommen hätte.

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