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Doja Cat

Doja Cat / Youtube

Der FM4 HipHop-Lesekreis

Zum ersten Mal in der Geschichte gab es in der Woche vom 23. Mai eine weibliche Rap-Doppel-Doppelspitze in den US-amerikanischen Billboard-Charts.

Von Natalie Brunner

Vier afro-amerikanische Frauen stehen also an der Spitze. Nicht etwa an der Spitze der HipHop- oder R’n’B-Charts, sondern auf Platz eins und Platz zwei der US-Billboard-Top-100. Auf Platz eins ist Doja Cat featuring Nicky Minaj mit „Say So“ und auf Platz zwei Megan Thee Stallion und ihr „Savage Remix“ mit Beyoncé.

Im ersten Moment ist das ein Grund zur Freude. Im zweite Moment ergeben sich daraus einige Fragen: Was bedeutet es identitätspolitisch, wenn vier schwarze Frauen an der Spitze der Billboard-Charts, im Olymp des Popgeschäfts thronen? Was haben Charts im Allgemeinen - und die Billboard-Charts im Speziellen - für eine kulturelle Bedeutung? Kann sich dadurch strukturell im Musikgeschäft für weibliche HipHop-Artist etwas ändern?

Haben die Songs außer TikTok-Fame irgendetwas gemeinsam oder ist das Besondere, dass vier Frauen mit unterschiedlichen Identitätsentwürfen sich die Spitze teilen? Der HipHop-Lesekreis aus Dalia Ahmed, Stefan Trischler, Sebastian Seidl und Mahdi Rahimi über das historische Ereignis:

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Die Billboard Hot 100 sind die quasi offiziellen Charts der Musikindustrie für Songs in den Vereinigten Staaten. Die Hot 100 werden wöchentlich von der Zeitschrift Billboard veröffentlicht. Die Chart-Ranglisten basieren auf physischen und digitalen Verkäufen sowie auf Online-Streaming in den USA. Der diese Woche mit „Gooba“ auf Platz drei eingestiegene 6ix9ine hat aufgrund seiner bisherigen Nicht-Platzierung letzte Woche ein beleidigtes Pseudo-Aufdeckervideo veröffentlicht, in dem er eine Verschwörung der Musikindustrie gegen ihn postuliert und sich auch über Unregelmäßigkeiten bei der Auswertung der Streams und Klicks beschwert: „Explain this to the millions of artist who never got #1 because you guys play favorites.“ Das altruistische „Millions of Artist“ kann in diesem Fall locker durch ein „ME“ ersetzt werden.

Wenn wir interne Charts hätten, die Artists nach ihren Vorkommen rangieren würden, dann wäre Meghan Thee Stallion bei den Lesekreis-Folgen auch an der Spitze. Sie ist eine Rapperin aus Texas, die seit zirka eineinhalb Jahren viel Staub aufwirbelt.

Im März diese Jahres gab sie bekannt, dass sich ihr Debütalbum „Suga“ aufgrund ihres Versuchs, ihren Vertrag mit 1501 Certified Entertainment neu zu verhandeln, verzögert habe. Sie startete den Hashtag #FreeTheeStallion, um das Bewusstsein für das Thema zu schärfen, und bemerkte, dass sie „einiges von dem Blabla nicht verstanden“ habe, als sie den Vertrag mit ihrem Label 1501 unterzeichnete. Gleichzeitig veröffentlichte Megan Thee Stallion gegen den Willen des Labels die EP „Suga“, nachdem ein Richter eine einstweilige Verfügung gegen das Label erlassen hatte. Der Remix der Nummer „Savage“ mit Beyoncé wurde am 29. April 2020 veröffentlicht und der Erlös des Songs geht an eine gemeinnützige Organisation in Houston, Bread of Life, die Katastrophenhilfe für die von Covid-19 betroffenen Einwohner leistet.

„Say So“ ist ein Song von Doja Cat, ursprünglich die fünfte Single aus ihrem zweiten Studioalbum „Hot Pink“. Erst nach dem Erscheinen des Remix mit Nicky Minaj ging der TikTok-Hit auch auf die Spitze der Billboard Hot 100 und war für beide Künstlerinnen die erste Nummer eins.

Co-produziert wurde Doja Cats gesamtes Album von einem gewissen Lukasz Sebastian Gottwald unter dem Namen Tyson Trax. Gottwald agierte zuvor unter dem Namen Dr Luke. Ein Name, der nicht mehr Konjunktur hat seit 2014, als Kesha amerikanischen Gerichten detaillierte Aufzeichnungen darüber vorgelegte, wie ihr Produzent Gottwald sie ein Jahrzehnt lang, seit sie 17 war, sexuell, physisch und psychisch missbraucht hatte. Gottwald reagierte darauf mit einer Gegenklage, in der er behauptete, Keshas Klage sei ein Versuch, ihn zu erpressen, damit er sie aus ihrem Vertrag entließe.

2016 behauptete Kesha, ihr sei angeboten worden, sie aus dem Vertrag mit Gottwald zu entlassen, wenn sie ihre Vergewaltigungsvorwürfe widerriefe. Musikerinnen wie Taylor Swift, Adele und Lady Gaga solidarisierten sich mit Kesha. Keine von Keshas Klagen hat vor Gericht gehalten und Dr Luke ist zurück an der Spitze der Charts als Trevor Trax, ein Schatten auf die vierfache Spitze. Ein Umstand, der die Verdienste von Megan und Queen B nicht trübt, aber vielleicht auch ein Anstoß, dass analog zum Filmbuisness endlich gefragt wird, wer die Männer in der zweiten Reihe und was ihre Praktiken sind. Doja Cat ist ebenfalls per Vertrag an Dr Luke gebunden. Ein Vertrag, den sie mit 17 unterschrieben hatte, noch bevor Kesha an die Öffentlichkeit ging.

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