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MARC CARNAL

Ein neuer Zweig der Ahnenforschung

Statt immer nur langweilige Stammbäume zu zeichnen, könnte sich die Genealogie dem Feld der Ex-Mieter-Forschung widmen.

Eine Kolumne von Marc Carnal

Ich stell es mir ganz schön vor, als Ahnenforscher zu arbeiten. Man geht morgens ins Ahnenforschungsbüro und drückt sich erstmal schön einen Kaffee aus der Kapselmaschine. Dann macht man es sich am Diwan bequem und ballert sich gepflegt eine Tafel Schogetten o.ä. rein, bis plötzlich das Telefon läutet. Frau von Bröckelsmarck begehrt zu wissen, ob ihre adelige Urgroßmutter um 1880 wirklich den Bäcker Schnidelwitz geheiratet hat und ob eine entfernte Verwandtschaft zum Geschlecht der Geipelsbacher in Franken besteht. “Geld spielt keine Rolle”, meint Frau von Bröckelsmarck und legt auf.

Fortan geht man tagelang seinem Handwerk nach, stöbert also in staubigen Registern, konferiert mit Archivaren, gleicht Stammbäume ab, sucht detektivisch nach Indizien, Quellen und Beweisen und legt der adeligen Kundin dann ein Gutachten vor, das sich sowohl genealogisch als auch finanziell gewaschen hat. Mit einer abwechslungsreichen, teilweise sogar tatsächlich spannenden Arbeit hat man eine Kundin zufriedengestellt und bekommt dafür ein angemessenes Honorar. So stell ich mir das zumindest vor! Sicher gibt es branchenspezifische Tücken, lähmende Misserfolge, eintönige Tage und schreckliche Klienten. Aber verglichen mit Jobs wie Atomstrom-Lobbyist, Dudelsacklehrer, Spam-Mail-Autor oder Kulturstaatssekretärin ist die Genealogie bestimmt ein wunderschönes Metier.

Ich möchte der Ahnenforschung deshalb kostenlos eine Geschäftsidee zur Verfügung stellen. Oder besser gesagt eine Geschäftszweig-Idee. Die Geschichten meiner mütter- und väterlicherseitigen Familien sind ja nicht komplett uninteressant. Die fragmentarischen Infos, die mir meine Eltern erzählt haben, reichen mir aber. Was, wie und wer genau meine Ururgroßeltern waren, muss ich jetzt nicht sooo dringend wissen.

Buchcover "Die sieben Säulen des Glücks"

Milena Verlag

Alleine der liebe Schweinemensch auf dem Cover ist es wert, das Buch namens „Die sieben Säulen des Glücks“ sogleich im FM4 Shop zu bestellen. Außerdem sind relativ gute Texte drinnen!

Ich habe aber bis vor Kurzem ausschließlich in Altbauwohnungen residiert. In den letzten Jahren wurde mir zusehends bewusst, wie viele verschiedene Menschen im Laufe der Jahrzehnte schon in den selben vier Wänden gewohnt haben müssen. Nicht nur einmal lag ich im Bett und dachte mir, dass in genau diesem Zimmer in einem Bett auf demselben abgeranzten Parkettboden schon vor 75 Jahren geschnarcht, geträumt und gevögelt wurde.

Beim Kochen musste ich öfter daran denken, dass genau hier - sogar am selben alten Gasherd - schon über Generationen Krautfleckerl, Leberknödel und Palatschinken, vielleicht aber auch Pasulj, Köfte und böhmische Rinderrouladen zubereitet wurden, von irgendwelchen mittlerweile steinalten oder längst toten Ex-Einwohnern. Und immer wieder fragte ich mich am Klo, wer wohl schon alles genau hier beim Scheißen auf dieselbe Wand gestarrt haben mochte. Wie viele Geburten, Feste, Tragödien, Dramen, Haustiere, Heiratsanträge, Unfälle oder gar Morde wohl die dicken Gründerzeitmauern erlebt haben mussten, bevor sie mich beherbergen sollten.

Wie gern hätte ich ein Dossier über all die Menschen, mit denen ich schon zeitlich getrennt meine Wohnungen geteilt habe. Ahnenforscher müssten das mithilfe von Melderegistern und ihren üblichen Skills doch locker herausfinden. Sie könnten ohne den Anspruch auf Vollständigkeit recherchieren und sich auf die geilsten Facts beschränken. Die Forschungsergebnisse werden dann natürlich anonymisiert überreicht. Und könnten circa so lauten:

1892-1899
In den ersten Jahren wohnte das Ehepaar Friedhelm und Theodora M. zur Miete in Ihrer Wohnung. Friedhelm M. war Chirurg im Kaiser-Franz-Joseph-Spital, wo er für zahlreiche misslungene Operationen am offenen Gehirn verantwortlich zeichnete. Seine Frau Theodora war zeit ihres Lebens Hausfrau, erlitt zwei Totgeburten und veröffentlichte 1900 unter Pseudonym einen Lyrikband, der von der Kritik weitgehend unbeachtet blieb. In dem Raum, der Ihnen als begehbarer Kleiderschrank dient, hielt das Ehepaar exotische Papageien und Kanarienvögel. Mehrere Anzeigen der direkten Nachbarn wegen Lärmbelästigung durch die Vögel wurden im Nachlass von Dr. M. gefunden.
1899 wurde Dr. M. nach Salzburg versetzt.

1899-1905
Für die nächsten sechs Jahre lebte das Geschwisterpaar Silvester und Josefa B. in Ihrer Wohnung. Josefa arbeitete in einer Weberei und Silvester in den kaiserlichen Hofstallungen. 1905 wurde Silvester tot in der Donau gefunden, Josefa zog daraufhin wieder zu ihren Eltern in Neulengbach. Aus Zeitungs-Annoncen von Josefa geht hervor, dass Silvester eine Fotokamera besessen und in der Wohnung eine primitive Dunkelkammer eingerichtet hatte.

1905-1944
Das Ehepaar Rudolph und Anna P., Besitzer einer Fabrik für Lokomotiven-Karosserien in Simmering, bekam in Ihrer Wohnung zwischen 1910 und 1926 vier Töchter. Anna P. war entfernt mit Sigmund Freud verwandt und pflegte zeit ihres Lebens intensiven Kontakt zu ihm. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass Freud des Öfteren bei ihr zu Gast war.
1944 wurde die Fabrik der Familie P. bei einem Luftangriff zerstört. Das Ehepaar P. zog daraufhin nach Oberösterreich zu ihrer ältesten Tochter und deren Familie.
Die jüngste Tochter von Rudolph und Anna P. hatte übrigens ab 1959 eine kurze Schlagerkarriere in Deutschland zu verbuchen, ihr einziger Hit war das Lied “Sie sind ein dummes Schwein, Monsieur”.

Ich würde nicht alles dafür geben, aber zumindest einen kleinen Batzen Geld, um zu erfahren, dass in meiner Wohnung bereits Papageien gehalten wurden oder Freud hier Kaffee soff. Ein originelleres Geschenk als Marsgrundstücke, Pfefferpralinen oder Lavalampen wäre so ein genealogisches Wohnungsgutachten allemal.

Nachdem die Autoindustrie meine Weiterentwicklung der Hupe bisher sträflich ignoriert und auch die Versicherungsbranche meine Ideen nicht umzusetzen bereit scheint, hoffe ich, dass wenigstens die Ahnenforschung geschäftstüchtig genug ist, auf mich zu hören.

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