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Obdachlos spielen im Game „Change: A Homeless Survival Experience“

Die Lebenssimulation „Change: A Homeless Survival Experience“ wirft einen differenzierten Blick auf ein reales gesellschaftliches Problem.

Von Rainer Sigl

Der Tag war ziemlich lang. Zuerst habe ich Dosen und Kartons gesammelt, um beim Recycling dafür ein paar Münzen zu bekommen. Auf das Vorstellungsgespräch morgen habe ich mich nicht vorbereitet, dafür bin ich zu deprimiert, und meine Gitarre, mit der ich mir auf der Straße ein bisschen was verdienen konnte, ist mir nachts im Obdachlosen-Asyl gestohlen worden. Mein Magen knurrt, meine Jeans sind dreckig und wenn mich der Polizist nochmal beim Betteln erwischt, verbringe ich die Nacht schon wieder im Gefängnis.

Das Leben auf der Straße ist hart im Videospiel „Change: A Homeless Survival Experience“. Dabei ist der Weg raus aus der Obdachlosigkeit eigentlich ziemlich geradlinig: Schauen, dass man nicht verhungert und eine Arbeit suchen, dann kann ich mir eine kleine Wohnung mieten. Wenn es doch nur so einfach wäre.

Lebenssimulation mit ernstem Thema

„Change: A Homeless Survival Experience“ ist eine Lebenssimulation im Pixellook. Die Stadt besteht hier aus einer Straße, die sich in der Seitenansicht als Abfolge von Häusern und Geschäften darstellt, Passanten spazieren herum, in einem Park trifft sich die kleine Community der Obdachlosen und Kleinkriminellen. Diebstahl und Überfälle werden thematisiert, Gewalt und Drogenkonsum, aber auch Einsamkeit, Depression und der Kampf gegen die Gleichgültigkeit und Ablehnung der Mitmenschen. Zufallsereignisse können mühsam Errungenes sofort zunichte machen und zum Absturz führen, von dem man sich nicht mehr erholt.

„Change“ wirft keinen falsch romantisierenden, sondern einen recht realistischen Blick auf das Leben auf der Straße. Ich muss mit meinen Ressourcen gut haushalten: Geld, Hunger, psychische Verfassung und Sauberkeit gilt es hier zu jonglieren, wenn ich zu krank oder depressiv werde, heißt es Game Over. Dann wartet dank Rogue-like-Struktur eine andere freispielbare Spielfigur mit geänderten Startbedingungen - ein Veteran, eine vor häuslicher Gewalt auf die Straße geflüchtete Frau, ein Junkie. Abgesehen von der Monotie des Überlebens auf der Straße spielt sich das immer wieder anders.

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Walk a mile in my shoes

„Change: A Homeless Survival Experience“ schafft es durch seine Spielmechaniken, eine ganze Reihe an realen Teufelskreisen aufzuzeigen und entgeht so der Gefahr, die von Spielen in dieser Hinsicht immer ausgeht: Wenn sich ans entspannte Optimieren von per Design lösbaren und Spaß machenden Aufgaben gewohnte Spieler*innen siegreich durch eine derartige Simulation gekämpft haben, kann das in echt doch auch nicht so schwer sein - oder?

„Change: A Homeless Survival Experience“, entwickelt und vertrieben vom britischen Studio Delve Interactive, ist für Windows, Mac und Linux erschienen. Ein Fünftel der Einnahmen soll an wohltätige Einrichtungen gespendet werden.

„Change“ entgeht diesem Dilemma nicht nur durch einen hohen Schwierigkeitsgrad, sondern auch durch differenzierte Darstellung und einfühlsame Beschreibungen; seine Macher haben gründlich bei Obdachlosen und Hilfsorganisationen recherchiert. Dass ihr Spiel in gewisser Weise ein realistisches Bild zeichnet, bestätigen auch Steam-Rezensensionen von Menschen, die angeben, selbst obdachlos gewesen zu sein.

Wer obdachlos ist, kommt nur schwer wieder nach oben - und das hat oft eher mit Pech oder der Ungerechtigkeit des System zu tun als mit persönlicher Schuld oder Unfähigkeit. Mit einfachen Mitteln schafft es „Change: A Homeless Survival Experience“, dass man ein reales gesellschaftliches Problem gewissermaßen durch eigene Erfahrung mit anderen Augen sieht. Keine kleine Leistung.

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