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Wie geht’s weiter mit der Clubszene?

Clubs und Lokale können langsam wieder aufsperren, aber zahlt sich das finanziell überhaupt aus? Und wie sollen die zahlreichen Schutzmaßnahmen in die Praxis umgesetzt werden? Wenn nicht schnell und unbürokratisch geholfen wird, steht ein österreichweites Clubsterben vor der Tür. Wir haben uns umgehört.

Von Daniela Derntl

Die jüngsten Entwicklungen bei Neu-Infektionen und Covid-19-Krankheitsfällen sind laut Gesundheitsminister Rudi Anschober sehr gut, und deshalb hat die Regierung nun Pläne für das langsame Hochfahren des Kulturbetriebes vorgelegt.

Ab Freitag, den 29. Mai, gelten neue Regelungen, damit die Publikumszahlen in den nächsten Monaten schrittweise erhöht werden können. Zunächst können maximal 100 Personen – bei Einhaltung der Abstandsregeln (ein Meter im Stehen bzw. ein Sitzplatz) – in einen Saal, ab Juli 250, und ab August 500 Personen. Veranstaltungen mit über 1.000 Menschen brauchen eine Sonderregelung. Wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann, hat das Publikum einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Bei Veranstaltungen im Freien liegt die Obergrenze ab Juli bei 500 und ab August bei 750 Menschen. Mit Sicherheitskonzept bei 1.250. Zugewiesene Plätze sind dabei verpflichtend, allerdings fällt bei Open-Air-Events das obligatorische Tragen der Maske weg.

Doch was bedeuten diese Lockerungen nun für die Clubszene?

Wenn man sich umhört, sind viele Club-Betreiber*innen noch relativ ratlos, wie es weitergehen soll. In der Linzer Stadtwerkstatt setzt man über den Sommer nur auf den Barbetrieb im Cafe Strom und den Schanigarten, die Konzert- und Club-Location soll erst wieder im Herbst eröffnen. In der Tante Emma in Innsbruck hat man noch keinen Plan, wie man die neuen Abstandsregeln umsetzen soll: „Ich kann mir das nicht vorstellen“, sagt der Tante-Emma-Booker Georg Hundsbichler, „das widerspricht ja dem ganzen Partykonzept. Das Abstandhalten ist ja das genau Gegenteil davon. Vielleicht gibt es auch Locations, die groß genug sind, wo alles ein bisschen weiter ist und so. Aber speziell in der Tante Emma ist das nicht möglich. Allein die WC-Situation mit dem Gang - da sind die Abstände nie zum Einhalten. Das geht gar nicht.“

„Das widerspricht ja dem ganzen Partykonzept.“

Auch die anderen Kollegen in Innsbruck blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. In einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung sagt Fred Lordick vom Dachsbau: „Wenn wir aufmachen verlieren wir deutlich mehr Geld, als jetzt. Für uns ist die einzige Chance, so lange geschlossen zu halten, wie nur möglich – bis quasi Normalität herrscht. Wenn man eine Öffnung probiert, ist man womöglich in zwei Monaten am Ende.“

Leere Bar

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Wann in den Clubs wieder getanzt werden kann wie früher, ist noch unklar.

In Wien ist die Situation ähnlich dramatisch. Lokale wie das Werk, das Fluc und das B72 versuchen mit Crowdfunding über die Runden zu kommen. Martina Brunner von der Vienna Club Commission berichtet, dass die ersten Clubs bereits aufgeben, nennt allerdings noch keine Namen: „Wir bekommen immer öfters Mails, dass die Clubs kurz vor der Schließung stehen. Wir kennen alle den Wiener Gürtel. Dort gibt es relativ viele Lokale und Musikspielstätten, und da haben wir gehört, dass die Umsatzeinbußen seit dem Wiederaufsperren Mitte Mai zwischen 80 und 90 Prozent liegen. Da braucht man jetzt keine große Rechnung anstellen, um zu sehen, dass das kein Lokal lange durchhalten wird. Das heißt, wenn von der Politik keine Maßnahmen gesetzt werden, und die Zuschüsse nicht schneller zu den Betreibern und Betreiberinnen gelangen, dann müssen sie in letzter Folge zusperren.“

„Da braucht man jetzt keine große Rechnung anstellen, um zu sehen, dass das kein Lokal lange durchhalten wird.“

Clubs und Bars als Corona-Cluster

Die Zeiten des sorglosen Eskapismus im Club sind bis auf Weiteres wohl vorbei, denn immer wieder hört man, dass sich das Covid-19-Virus in Bars und Clubs sehr leicht verbreitet. Es ist eng, man schwitzt, man schreit einander – wegen der lauten Musik - ins Ohr. Die Belüftung ist schlecht. Clubs und Bars als Corona-Cluster kennt man bereits aus Ischgl, Berlin oder Seoul, wo vor kurzem ein 29-Jähriger feiern war und danach 250 Neuinfektionen auf ihn zurückgeführt werden konnten.

Das gilt es zu verhindern, doch viele Clubbetreiber*innen wissen noch nicht, wie sie die Schutzvorschriften in Zukunft umsetzen sollen. Günther Brodtrager von der Postgarage Graz hat gerade einen Übergangskredit beantragt und könnte sich vorstellen, dass man – nach der Wiedereröffnung – die Temperatur des Publikums am Eingang misst und das Personal auf das Virus testet. Allerdings könnten diese Maßnahmen auch keine hundertprozentige Sicherheit gewährleisten. Generell tut man sich in der Postgarage – wie überall anders auch – sehr schwer mit der Situation. Der Betrieb eines Veranstaltungslokals ist personal- und kostenintensiv. Und die im Kulturbetrieb so wichtige Planungssicherheit gibt es momentan einfach nicht, meint Brodtrager: „Gott sei Dank gibt es einen Fixkostenzuschuss, aber 25 Prozent davon sind Selbstbehalt, und das ist bei der langen Dauer auch nicht gerade wenig. Es würde da speziellere Regelungen brauchen. Bei einer schrittweisen Öffnung werden wir versuchen, kleinere Veranstaltungen zu machen. Aber ob sich das finanziell ausgeht, wird schwierig werden.“

Neue Party-Realität

Der umtriebige Wiener DJ und Veranstalter Gerald van der Hint (Meat Market, Mutter, F*cken Plus) hat die neue Party-Realität in Gedanken schon durchgespielt: „Man könnte zum Beispiel nur Vorverkauf machen. Die Leute registrieren sich mit einer E-Mail-Adresse und wenn die Infektionskette wirklich zu der Party zeigt, dann kannst du diese Leute über die E-Mail-Adresse erreichen und die gehen dann in Quarantäne.

Es gibt aber auch andere Ansätze. Wir warten darauf, dass die Tests billiger werden, die sind jetzt noch sehr teuer, dann könnten wir die Leute auffordern, sich vorher selbst zu testen und mit dem Testergebnis zu kommen. Man kann auch beim Eingang Temperatur messen und die Leute können auch mit Masken tanzen. Aus diesem Strauß der Möglichkeiten kann man dann ja schauen, welche Sachen sinnvoll sind. Aber einfach zu sagen – geht gar nicht – ist halt zu wenig.“

Gerald van der Hint ist es auch wichtig, zu betonen, dass Parties für viele Menschen viel mehr bedeuten, als reinen hedonistischen Zeitvertreib – vor allem in der queeren Szene: „Ich mache LGBTIQ-Partys, und wir sind ein Safer Space für Leute. Das ist nicht nur ein Schlagwort, das ich sage, damit ich lustig bin. Da geht’s um Leben und Tod. Das ist auch keine maßlose Übertreibung. Von wegen, der Homo übertreibt wieder. Das ist tatsächlich so. Wir haben gerade eine Statistik gehört, in der 40 Prozent der LGBTIQ-Menschen in Österreich angeben, dass sie sich nicht in ihrem Leben zu hundert Prozent frei bewegen und offen leben können, und die brauchen so einen Ort, wo sie das können. Da geht’s ums Eingemachte. Da brauchen wir eine Lösung, dass wir das auch wiederhaben können.“

„Let’s Continue“

Am Samstag, den 30. Mai gibt es unter dem Motto „Let’s Continue“ auch eine Demo für die Clubkultur am Wiener Heldenplatz, und am 27.5. haben die Veranstalterin Fredi Ferkova vom sexpositiven Party-Kollektiv Hausgemacht und der DJ, Veranstalter und Szene-Kenner Rudi Wrany aka Crazy Sonic in der FM4 Homebase über die mögliche Zukunft der heimischen Clubszene.

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