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MARC CARNAL

Dieses neue Programm erleichtert Besuche bei den Eltern

Sämtliche Dateien am Desktop, fünf Virenscanner installiert und halbstündiges Hochfahren - Mit parents-uninstall.exe sind Eltern-PCs im Handumdrehen repariert!

Eine Kolumne von Marc Carnal

Ich habe ein Programm entwickelt. Oder besser gesagt: Ich habe mir eins ausgedacht. Programmieren müsste man es noch, aber das dürfte für eine informatische Fachkraft mehr Fingerübung als ernsthafte Challenge sein.

Ausgeheckt habe ich das Programm kürzlich, als ich meine Eltern besucht habe. Ich beschreibe nun eine Situation, die alle Twenty- oder Thirty-Somethings kennen dürften, deren Eltern nicht gerade greise Hacker oder betagte Programmierer sind. Also die allermeisten.

Man kommt nach Wochen bis Monaten der fahlen Ausreden und halbseidenen Beschwichtigungen endlich wieder mal “nach Hause”. Die Eltern freuen sich alle vier Haxn aus, man säuft Kaffee, labt sich am Zwetschkenfleck, datet einander up und quatscht recht nett. Aber nach 35 Minuten wird der Gesprächsstoff zusehends dünn. Plötzlich ist ein Babyelefant im Raum. Man spürt, dass “es” gleich so weit ist und auch die Eltern können sich kaum mehr zurückhalten. Bis endlich Mutter oder Vater ihr unvermeidliches Flehen anstimmen: “Kannst du dir dann später mal den Computer anschauen? Der is in letzter Zeit irgendwie so langsam.”

Zwischen zwei der unzähligen zwangsverabreichten Mahlzeiten geht man dann mit Widerwillen und böser Vorahnung zum Computer. Man startet ihn. Zehn Minuten nach Betätigen des Startknopfs ist der verstaubte XL-Kübel noch immer nicht hochgefahren. Wenn man endlich das undurchschaubare Passwort eingeben darf (familienname2017), dauert es weitere fünf Minuten, bis sich das Betriebssystem mit der klebrigen Rollkugel-Maus wenigstens ansatzweise bedienen lässt. Und immer noch rattert und knattert und stöhnt der arme Rechner. Die Ursache wird schnell klar: Nachdem sämtliche Word-Dateien am übervollen Desktop geladen sind, welche größtenteils das beliebte Textverarbeitungsprogramm als Diashow-Generator zweckentfremden, beginnt der Autostart-Irrsinn. Fünf konkurrierende Virenscanner scannen parallel nach Viren, ein dubioses Tool nach dem anderen poppt in der Task-Leiste auf, Skype sowie mehrere Konkurrenzprodukte, von deren Existenz bzw. Installation die Eltern garantiert nichts wissen, starten untermalt von grellen Signaltönen, unzählige weitere Soundmixer, vermeintliche System-Booster, Grafik-Steuerungen sowie Spotify öffnen sich und zum Drüberstreuen poppen auch noch besorgniserregende Fehlermeldungen auf. Dass der PC überhaupt noch funktioniert, ist ein Wunder des technischen Zufalls.

Buchcover "Die sieben Säulen des Glücks"

Milena Verlag

Die fidele Textsammlung namens „Die sieben Säulen des Glücks“ ist das ideale Mitbringsel für Eltern! Dieses Buch verbindet die Generationen und ist im FM4 Shop erhältlich.

Fassungslos öffnet man die Systemsteuerung und stellt erstaunt fest, dass die Festplatte zu bersten droht und nur noch 2,5 MB freien Speicherplatz bietet, den die Eltern ohne das dringend nötige Eingreifen sicher auch noch mit irgendeiner Freeware zuspamen würden. Die Liste der installierten Programme liest sich, als hätten sich mehrere Computerzeitschrift-Redaktionen auf die Top 100 Sinnlos-Software geeinigt. Alleine die Deinstallation einer einzelnen Anwendung bringt den PC an seine Grenzen. Verzweifelt möchte man den Eltern raten, sich doch am besten einen neuen Computer zu kaufen. DOCH DAS MUSS NICHT SEIN!

Hier kommt parents-uninstall.exe ins Spiel! Mein superpraktisches All-in-one-Tool ist auf einem USB-Stick gespeichert, den man nach Start des Eltern-Computers einfach in den in den ratternden PC reinsteckt, um kurz zu bestätigen, dass man parents-uninstall.exe tatsächlich ausführen möchte. Dann lässt man das Programm seine Arbeit tun und beschwichtigt unterdessen die Eltern.

Drei Stunden später hat parents-uninstall.exe selbstständig erkannt, welche der zahlreichen Anwendungen selten oder nie genutzt werden, und sie sogleich deinstalliert, hat zudem die meisten Autostart-Einstellungen unterbunden, den gesamten Inhalt des Desktops in den Ordner desktop-archiv verbannt, einen sinnvollen Standard-Browser festgelegt, vier von fünf Virenscannern deaktiviert, die Festplatte defragmentiert und zum Drüberstreuen das Fotobearbeitungs-Tool gelöscht, mit dem die Eltern ihre grässlichen Erinnerungsbücher erstellen, sowie die Übergangs-Effekte im Videoschnitt-Programm gesperrt.

Alle sind glücklich. Niemand wird auch nur irgendein Programm vermissen. Der Computer läuft bis zum nächsten Besuch wieder für einige Wochen wie neu (also wie 2006). Grenzenloser Dank wird einem zuteil. Dabei hat man nur parents-uninstall.exe sein magisches Werk vollbringen lassen. Für nur 29,99 Euro ist mein superpraktisches Eltern-Bevormundungs-Tool schon bald in allen gut sortierten Fachmärkten und Versandhäusern erhältlich. Nur programmieren müsste es noch jemand. Ich bitte um Bewerbungen.

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