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Szeme aus Vatermilch

Uli Oesterle, Carlsen Verlag

Comic

Heldenreise in die Gosse

In „Vatermilch“ zeichnet Comicautor Uli Oesterle den fiktiven Absturz seines Vaters, der in den 70er-Jahren als Jaguar fahrender Frauenheld durchs Münchner Nachtleben stolpert, bis er alles verliert und als obdachloser Alkoholiker untertaucht.

Von Paul Pant

“Papa Was a Rollin’ Stone”. Der Motown-Hit spielt im Autoradio, Hauptdarsteller Rufus Himmelstoss trinkt sich mit Champagner warm für seine erste Kundin. Er verkauft Markisen und bringt sich auch gleich selbst an die Vorstadtfrau. Szenen- und Farbwechsel, Jahrzehnte später: Ein offener Sarg. Darin liegt Rufus Himmelstoss noch immer in seinem 70er Jahre-Anzug, Langarmhemd mit Dackelohrkragen und Schlaghose. Es ist ein Outfit für einen Discobesuch, aber nicht für eine Beerdigung. Sein Sohn Victor nimmt Abschied. Er hat seinen Vater seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen. So beginnt „Vatermilch“.

Szene aus Vatermilch

Uli Oesterle, Carlsen Verlag

Comicautor Uli Oesterle zeichnet auf zwei Erzähl-Ebenen die fiktive Geschichte eines „Taugenichts“ nach, der ein reales Vorbild hat: Peter Oesterle. Der eigene Vater ist verschwunden und abgetaucht, nur noch Gerüchte über Obdachlosigkeit und Alkoholabhängigkeit sind geblieben. Mit den Bruchstücken der Biografie seines eigenen Vaters hat Oesterle eine rasante und dichte Geschichte geschrieben. Für die Recherche hat der Münchner Illustrator sogar drei Tage auf der Straße gelebt. In „Vatermilch“ zeigt er eine tragische Heldenreise nach unten. Rufus Himmelstoss fährt sein Leben buchstäblich an die Wand. Mit One-Night-Stands, Drogen und Alkoholexzessen. Auf der Strecke bleibt seine Familie. Als er betrunken einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht, beginnt sich die Abwärtsspirale zu drehen. Er landet auf der Straße.

Szene aus Vatermilch

Uli Oesterle, Carlsen Verlag

2010 hat Uli Oesterle mit dem Schreiben für den Comic angefangen. Am Anfang stand ein offizieller Brief von der Stadt Karlsruhe. Oesterle wusste sofort, dass es um seinen Vater ging, den er jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Noch bevor er das Kuvert öffnete, habe er gewusst das sein Vater gestorben ist, schreibt Oesterle im Nachwort seines Comics.

Cover von Vatermilch

Uli Oesterle, Carlsen Verlag

„Vatermilch Band 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss“ von Uli Oesterle ist im Carlsen verlag erschienen.

Der Endpunkt war der Anfang für eine Spurensuche zu einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung. Das Resultat daraus ist eine schonungslos tragisch-komische Geschichte über geplatzte Träume und unerfüllte Hoffnungen zwischen familiärer Verantwortung und der eigenen Selbstverwirklichung, ein Anknüpfungspunkt für Uli Oesterle zur Geschichte seines Vaters, sagt er. In „Vatermilch“ bringt diese Erkenntnis einer seiner Charaktere auf den Punkt: „Kunst und Familie vertragen sich nicht.“

Der Comic wirft aber auch die Frage auf, woher man kommt und wie sehr man davon für sein späteres Leben geprägt wird. Ob man sich von der eigenen Familiengeschichte lösen, und wie man sich auch ein stückweit damit versöhnen kann. „Vatermilch“ ist ein bildgewaltiges, spannendes Buch mit dem einzigen Manko, dass es erst der erste Band der vierteiligen Serie ist. Mit dem zweiten Buch hat Uli Oesterle gerade erst angefangen. Wir müssen uns also mindestens ein Jahr gedulden, um zu erfahren, wie die Geschichte von den Irrfahrten des Rufus Himmelstoss weiter geht.

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