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APA/AFP/Behrouz MEHRI

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Wo könnte Todor jetzt sein, wenn er ein guter Sportler gewesen wäre?

Ich kann nicht schwimmen, nicht fliegen und nicht schießen. Und doch berührt mich Sport im Fernsehen jedes Mal. Sportler als Politiker eher weniger.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Ich habe eine lange Geschichte mit Sport. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich einen Schwimmkurs gemacht. Meine Oma hat mich in einem Schwimmverein in Varna angemeldet. Ehrlich gesagt, erinnere ich mich kaum an den Kurs selbst. In meinem Gedächtnis ist nur das warme Wasser übrig geblieben, mit dem ich mich nach dem Kurs geduscht habe. Es roch nach Schwefel, weil es aus einer lokalen Thermalquelle kam.

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Der Kurs endete abrupt, als mich meine Oma einmal alleine hinfahren ließ. Ich wollte die Straße hinter dem anhaltenden Bus überqueren und ein Auto fuhr mich an. Zum Glück hatte ich einen großen Rucksack mit einem Handtuch drinnen, der meinen Fall abfederte. So ist mein Schwimmkurs zu Ende gegangen und ich hab nie schwimmen gelernt. Ich schaue mir seither jedes Mal die Schwimmwettbewerbe bei den olympischen Spielen an und stelle mir vor, ich wäre an der Stelle von Michael Phelps und mir kommen die Tränen.

Danach habe ich im Berliner Bezirk Neukölln mit Basketball angefangen. Unsere Mannschaft bestand vor allem aus Kindern aus Migrantenfamilien. Doch keiner von uns war so groß wie Michael Jordan oder so schnell wie Kobe Bryant. Langsamer als ich war eigentlich nur Ahmed, der Sohn eines kurdischen Gemüseverkäufers. Ahmed war so langsam und schwitzte so sehr, dass wir alle Angst hatten, dass er auf seinem eigenen Schweiß ausrutscht. Diese Periode meiner sportlichen Karriere endete nach einem Turnier, bei dem unser Team Vorletzter wurde. Letzte wurde eine andere Mannschaft, die nicht angetreten ist. Das war ziemlich demotivierend. Ich weiß nicht, was mit Ahmed passiert ist, ob er abgenommen hat und ob er im Gemüsestand seines Vaters arbeitet. Ich schaue mir Basketballspiele immer noch an und weine jedes Mal bei einem spektakulären Dunk.

Es gab eine Zeit, in der mich mein Vater für das Sportschießen begeistern wollte. Er kaufte mir eine Pistole, die mit blauen Plastikbällchen schoss. Infolgedessen füllte sich unsere Wohnung mit diesen Plastikbällchen, die man in allen Ecken fand. Meine Mutter schmiss die Pistole weg, als unsere Katze eines dieser Bällchen schluckte und fast daran erstickte. Seitdem schaue ich auch Schießwettbewerbe, neulich sogar Bogenschießen und freute mich so sehr, als jemand die Mitte getroffen hat, dass ich fast geweint habe.

Also: Ich kann nicht schwimmen, ich kann nicht fliegen und ich kann nicht schießen. Das ist gut, denn es kann mir egal sein, dass die Olympischen Spiele verschoben wurden. Ich denke mir oft, wäre ich ein besserer Sportler gewesen, hätte ich heute vielleicht eine Karriere in der Politik. In Osteuropa sind viele ehemalige Sportler Abgeordnete oder Minister geworden. Die politischen Parteien wollten gerne ihre glorreiche sportliche Vergangenheit nutzen. Das ist aber oft lächerlich. Denn es ist das eine, am Podest zu stehen, und was ganz anderes, auf Kommando für oder gegen etwas im Parlament zu stimmen. Es ist hart, ein Profi im Sport zu sein und ein Amateur in der Politik.

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