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Cancel Culture: Online Bullying oder popkulturelles Korrektiv?

Nach kontroversen Aussagen oder Handlungen von Prominenten wird meist über Konsequenzen diskutiert. Mit Cancel Culture hat diese Debatte einen Namen.

Von Philipp Emberger

Die Liste der verhaltensauffälligen Prominenten ist in den letzten Jahren sukzessive gestiegen. Da wäre zum Beispiel Kevin Hart, der mit homophoben Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht hat oder die Schauspielerin Roseanne Barr, die nach einem rassistischen Tweet ihre Sitcom beim amerikanischen Fernsehsender CBS abgeben musste. In diese Runde hat sich zuletzt die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling mit einem transfeindlichen Tweet eingereiht. Dafür erhielt sie viel Kritik - angeführt von den Harry-Potter-Stars Daniel Radcliffe und Emma Watson. Was ebenfalls folgte: eine Debatte darüber, ob Joanne K. Rowling als Person in Zukunft „gecanceled“ und ihre Bücher boykottiert werden sollen.

Vor allem im angloamerikanischen Raum gibt es mit Cancel Culture für diese Art der Debatte einen Begriff. Der Ursprung dieses Terminus mutet mit dem heutigen Wissensstand fast schon kurios an und hat mit den heutigen Absichten wenig gemein.

Misogyne Ursprünge der Cancel Culture

Es ist paradox, denn die erste Erwähnung des Konzepts, eine Person zu „canceln“, geht auf eine frauenfeindliche Aussage zurück. Im Film New Jack City spielt Wesley Snipes den Gangster Nino Brown. Nach einem Streit mit seiner Freundin will der Drogendealer Brown diese canceln und durch eine neue ersetzen. Knapp 20 Jahre später, im Jahr 2010, ist im Song „I’m Single“ von Lil Wayne diese Phrase in Form einer Referenz auf New Jack City wiederaufgetaucht.

Heute hat sich das Konzept ins Gegenteil gekehrt, denn hinter Cancel Culture steht die Intention, Prominente mit kontroversen Ansichten oder gar straffälligen Handlungen in die Schranken zu weisen, ihr Verhalten mit Konsequenzen zu versehen oder gar ihre öffentlichen Karrieren zu beenden. Die Debatte läuft meist nach demselben Muster ab. Zu Beginn steht eine kontroverse Aussage. Es folgt Kritik, öffentliche Distanzierung ehemaliger Weggefährt*innen und das Ganze setzt sich dann im Aufruf zum Boykott der jeweiligen Werke fort.

Popkulturelles Korrektiv?

Angeheizt wird die Debatte durch soziale Netzwerke. Die User*innen wollen meist ein popkulturelles Korrektiv sein, wie sich im Fall von Joanne K. Rowling zeigt. In den sozialen Medien ist die Diskussion entstanden, ob Rowling nicht mehr als Autorin der Harry-Potter-Bücher angesehen werden soll. Dahinter stecken viele enttäuschte Fans, die mit der Zauberwelt groß geworden sind und wesentlich zu Rowlings Erfolg beigetragen haben. Von Rowlings Aussagen sind sie nun enttäuscht und wollen ihre frühere Unterstützung ein Stück weit rückgängig machen, auch in dem Wissen, dass sie das große System nicht ändern können.

Dabei hat es in den letzten Jahren viele Künstler*innen quer über die Kunstgenres hinweg gegeben, die sich im Zentrum dieser Debatte wiedergefunden haben. Auch im deutschsprachigen Sprachraum poppt diese Debatte von Zeit zu Zeit auf, wenn sie dort auch (noch) nicht als Cancel Culture benannt wird, sondern meist im Spannungsfeld von Künstler*in und Werk debattiert wird.

In der Filmindustrie stehen mit Harvey Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen vor allem Männer im Zentrum von Cancel Culture Debatten. Die Vorwürfe ihnen gegenüber sind schwerwiegend und strafrechtlich relevant, denn sie alle sind mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Harvey Weinstein wurde im März 2020 zu 23 Jahren Haft verurteilt. Und doch ist das einer der seltenen Fälle, der wirkliche Konsequenzen nach sich gezogen hat.

Harvey Weinstein

APA/AFP/LOIC VENANCE

Weinstein wurde im März 2020 zu 23 Jahren Haft verurteilt

Werkzeug der sozialen Gerechtigkeit?

Selten haben Cancel Culture Debatten wirkliche Konsequenzen. Nur in den schwerwiegenden Fällen werden die Karrieren der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigt wie im Fall Woody Allen. Nach den Missbrauchsvorwürfen gegenüber Allen hat sich Filmverleiher Amazon Studios von dessen letzten Film „A Rainy Day in New York“ distanziert und die Zusammenarbeit beendet. In vielen anderen Fällen wird zwar eine Zeit lang über die Aussagen und die Personen diskutiert, Folgen gibt es aber meist nur kurzfristig. Comedian Kevin Hart verlor nach homophoben Aussagen zwar die Moderation für die Oscarverleihung 2019, er kehrte aber schnell wieder auf die Stand-Up-Bühne zurück. Die fehlende Wirksamkeit ist auch ein wesentlicher Kritikpunkt von Gegner*innen der Cancel Culture. Denn Kritiker*innen fordern, dass Cancel Culture gecanceled wird.

Ihr Hauptargument ist, dass sich dahinter keine Culture verbirgt, sondern sie das Tor für Online Mobbing und Bullying ist. Ein Argument, das zumindest bei straffällig gewordenen Personen wohl nicht gelten kann. Das Online-Medium „Jubilee“ hat in einem Youtube-Video Gegner*innen und Befürworter*innen der Cancel Culture miteinander diskutieren lassen.

Am Ende bleibt die Streitfrage: Wie umgehen mit den Werken von auffällig gewordenen Künstler*innen? Und auch die Frage, ob Cancel Culture ein Werkzeug für Gerechtigkeit ist oder den Künstler*innen durch erhöhte Aufmerksamkeit sogar noch hilft, wird leider nicht beantwortet.

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