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Eine Szene aus der Serie "Normal People": Die Hauptdarstellerin Daisy Edgar-Jones und ihr Serienpartner Paul Mescal tragen Schuluniformen und stehen nah beieinander

Element Pictures/Enda Bowe

Serie

„Normal People“: So normal ist das doch nicht

Sally Rooneys Buch „Normal People“ ist ein Bestseller im englischsprachigen Raum. In der Serie sind die schwierigen Charaktere des Romans allerdings weichgezeichnet, aus der Geschichte einer Kränkung wurde eine melancholische Teen-Soap. Das ist nicht bieder, sondern ein durchaus begrüßenswerter Versuch.

Von Maria Motter

Die irische Autorin Sally Rooney ist 29, sie lebt in Dublin und hat auch am Skript für die Serie nach ihrem zweiten Roman „Normal People“ mitgearbeitet. Und auch während der Dreharbeiten ist sie grundsätzlich für die Hauptdarsteller*nnen erreichbar gewesen. „Ich habe Sally zwei Mal auf einen schnellen Kaffee vor dem Drehstart getroffen und sie war jederzeit ansprechbar via E-Mail oder Telefon, wenn wir etwas besprechen wollten. Sie ist ziemlich unglaublich!“, streut ihr Paul Mescal Blumen. Der 24-jährige Ire ist erstmals vor der Kamera gestanden.

Mit Daisy Edgar-Jones als Mescals Serienpartnerin hat die Produktion ein zweites, noch unbekanntes Gesicht für die Beziehungsgeschichte zweier young adults gewählt. Nicht nur Edgar-Jones’ Frisur erinnert an Dakota Johnson in Fifty Shades of Eh-schon-wissen.

Auch „Normal People“ erzählt eine Beziehungsgeschichte, die aus dem späten 19. Jahrhundert stammen könnte, der Bürgerliche Realismus ließe grüßen, wären nicht die Sex-Szenen explizit und der Schauplatz Irland in den Jahren um 2010. Schön ist das anzusehen, aber auch wie eine penibel arrangierte Frühjahrskollektion hinter Schaufensterglas.

Filmszene aus "Normal People": drei Freunde auf einer Party

Element Pictures/Enda Bowe

Paul Mescal - in der Mitte - stand für „Normal People“ erstmals vor der Kamera. Die Serie ist via Amazon Video verfügbar.

Sechs Episoden bisschen schmusen und erster Sex

Manche feierten „Normal People“ gar als „Studie von Liebe und Macht“ - Sally Rooney erzählt zentral von Kränkungen, die Menschen erfahren, und wie die sich fortschreiben können. Psychischer und physischer Missbrauch waren Themen, das Bild von Liebe höchst problematisch.

Doch mit all dem belastet sich die Serie „Normal People“ erstmal gar nicht. Die ersten sechs Folgen vergehen, um Marianne Sheridan und Connell Waldron miteinander und dem Publikum vertraut zu machen.

Die Marianne aus dem Buch ist in der Serie kaum wiederzuerkennen. Der komplexe Charakter der jungen Frau, der die Handlung doch maßgeblich bestimmt, ist genauso weichgezeichnet wie der ihres männlichen Gegenübers. In einem Interview mit dem Hollywood Reporter beschreibt Autorin Rooney Connell als „taciturn, borderline sullen“. Doch der Connell im Serien-Stream zieht höchstens die Zornesfalte kurz zusammen, um noch cuter zu schauen. Raum bekommt außer den beiden niemand.

Boy-meets-girl-but-it’s-oh-so-complicated

Sie ist die snobby-sophisticated Außenseiterin aus einer wohlhabenden, aber missbräuchlichen Familie. Er ist ein umschwärmter Sportsfreund, aufgewachsen bei seiner Mutter und mit Gerüchten kleinkrimineller Verwandter. In der Schule wechseln die beiden nur die notwendigsten Worte miteinander. Doch Connells Mutter putzt bei Mariannes Familie.

Liebliche Songs erklingen, wenn die beiden in ihren Schuluniformen einander verliebt-verzückte Blicke zuwerfen und die Schmusegeräusche nur kurz die Lautstärke des Soundtracks überbieten. Das Gras auf den umliegenden Hügeln ist grün, das ist jetzt keine sexuelle Metapher, auch wenn es nicht die Liebe sein wird, die Marianne und Connell immer wieder auseinanderbringen wird. Im Buch hören die beiden Vampire Weekend bei einer Überlandpartie. Ezra Koenigs Band kommt im Soundtrack zwar nicht vor, doch die Musikwahl trägt die verträumte, wie unter Wasser getauchte Atmosphäre über weite Strecken. Wenn Marianne etwa einmal weint, sieht man das nur und hört einen guten Song.

Das Licht, die herzigen Gesichter der Hauptdarsteller*innen, die der modernen Welt den Rücken zukehrenden Locations - es ist, als hätte Regisseur Lenny Abrahamson ein Best-of der Frauenzeitschriftenempfehlungen für den perfekten Moment abgedreht. Doch bei all dem Eifer ist „Normal People“ wie ein Cover von Joy Divisions bekanntestem Hit: bei aller Anstrengung ein glatter Nice-Try. Die Serie versucht so sehr, erinnerungswürdige Szenen zu schaffen, aber das künstlerische Aufgebot reicht nicht aus, um große Entzückung auszulösen. Jede Episode dauert nur knapp 30 Minuten. Man will wissen, wie lange das so vor sich hinblubbert.

Dabei ist Lenny Abrahamson mit Literaturverfilmungen eigentlich bekannt geworden, als Meisterwerk gefeiert wurde zuletzt das Drama „Raum“ über eine Frau und ein Kind, die jahrelang gefangen gehalten wurden.

Filmszene aus der Serie "Normal People": eine junge Frau und ein junger Mann sitzen auf einem grünen Hügel

Element Pictures/Enda Bowe

Vom Versuch, ein großer romantischer Wurf zu werden: Lenny Abrahamson hat bei den ersten sechs Episoden à dreißig Minuten Regie geführt. Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal sind herzig in ihren Rollen, doch von den Charakteren der Romanvorlage ist kaum was über.

Ab der siebten Folge wechselt mit der erfahrenen Theater-, Film- und Serien-Regisseurin Hetti MacDonald der Ton. Auch wenn der zunehmend schwer bemüht verträumte Stil nicht schwindet, Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal artig vor Duchamps „Sad young man on a train“ im Guggenheim in Venedig stehen, so blitzt doch der harte, teils richtig wütend machende, weil so hingeklatschte Stoff des Romans immer wieder auf.

„We could even talk on the phone“, stellt Connell Marianne in einer Krisensituation in Aussicht. „Du bist wertlos“, sagt ihr ein anderer. Und da kommt der starke Bruch mit der Herzschmerzwelt der young adults, da legt ein Künstlerfreund Mariannes ihr die Bondage-Bänder an. Was war denn das, könnten sich sehr junge Zuschauer*innen fragen, aber die Szene ist zum Glück kurz gehalten.

Denn anders als der Roman lässt sich die Serie nicht auf das gefährliche Spiel mit gar eigenwilligen Andeutungen pseudo-sado-masochistischer Ideen ein. Dass die Serie „Normal People“ so melancholisch-verträumt, ja verklärend daherkommt, muss man den Macher*innen anrechnen. Es ist durchaus radikal, 2020 eine derart langsam-verträumte Erzählung zu versuchen. Und zumindest die Zuschauer*innenzahlen sprechen für sie, für BBC Three ist die Serie ein Riesenerfolg.

Marianne tut sich schwer, wenn jemand sie gut behandelt. Im Roman gibt sie Connell gegenüber an, dass ein Freund sie beim Sex würgt. Verstört hatte das nicht nur Connell. In der Serie sind nicht unbedeutsame Details; wie dieses und anderes grenzwertig bis missbräuchliches Verhalten; nur zaghaft angedeutet, wenn überhaupt.

Sally Rooney lässt im Roman offen, ob Marianne das Erdulden von Demütigungen für Hingabe hält oder sado-masochistisch geneigt ist. Und das ist ein Problem.

Todesursache: „Rough sex“

Denn in Großbritannien sind in den vergangenen Jahren Frauen beim Sex ums Leben gekommen, weil sie von ihren Freunden erwürgt worden sind. Laut der Organisation Woman’s Aid stirbt in Großbritannien im Durchschnitt alle zwei Wochen eine Frau durch die Hände des Partners bei „Choking“.

Eine falsche Darstellung von „Rough sex“, Bondage und SM, wie sie Populärkulturprodukte wie „Fifty Shades of Grey“ vorangetrieben haben, ist gefährlich. Bestseller-Autorin Sophie Morgan hat schon dargelegt, wie sie ihre Erfolgsgeschichte verstanden wissen will: ihr wäre es um eine Abbildung von Missbrauch gegangen, schrieb sie vor Jahren im Guardian.

Wenn im August erstmals eine deutschsprachige Übersetzung von „Normal People“ erscheint, könnte das auch Thema sein. Die Serie „Normal People“ lässt sich auf solche Diskussionen nicht ein.

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