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Leder Handtasche ausgeleert Inhalt: Handy, Notizbuch, Stift

Pixabay / CC0

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Der Inhalt einer Handtasche erzählt mehr über das Leben als ein Selfie

Würde jemand in der Zukunft unsere Zeit anhand der Fotos in den sozialen Medien erforschen, würde er glauben, wir hätten prima gelebt.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Neulich sah ich eine junge Dame, die extrem vertieft in den Bildschirm ihres Handys war. Offensichtlich las sie etwas. Aber was? Nachrichten oder Sport? Oder doch vielleicht Sonette von Shakespeare, oder Plutarch im Original?

Sie hat ihre Augen so lange nicht vom Bildschirm gelassen, dass ich es am Ende nicht mehr aushielt. Unter dem Vorwand, mir noch einen Kaffee zu holen, schlich ich mich hinter ihren Rücken und blickte auf den Bildschirm. Nein, sie las nicht Shakespeare. Eigentlich las sie gar nicht. Sie sah sich selbst an. Sie nutzte die Handykamera als Spiegel. Ich hatte geglaubt, dass sie in irgendetwas zum Lesen vertieft sei, eigentlich hat sie aber nur sorgfältig alle Details ihres eigenen Gesichts studiert. Sie berührte den Bildschirm nicht, um die Seiten eines Buches umzublättern, sondern um die Formen ihres Gesichts in einer App zu verändern. Sie verwandelte ihr Gesicht von dem, was es wirklich war, in etwas, was sie gerne hätte.

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Nach dem langen Werken erreichte sie irgendwann eine Harmonie mit sich selbst und drückte auf den Knopf, der ihr verändertes Gesicht für ewig zum Teil des Internets machen würde. Vielleicht sehnte sich jemand irgendwo nach ihrem Gesicht und ihr Anblick würde ihm Kraft geben in diesen schwierigen Zeiten. Vielleicht.

Ich will nicht über sie urteilen. Seit Ewigkeiten malen Menschen Porträts. Und ein Selbstbildnis ist eine wunderbare Form, in der ein Maler sich und seine Welteinstellung ausdrücken kann. Alle kennen die Selbstbildnisse von Rembrandt oder van Gogh.

Als ich darüber nachdachte, fiel mein Blick auf ihrer Handtasche, die neben ihr lag. Die Tasche war offen und ein Teil des Inhalts war auf dem Stuhl gefallen. Ein bisschen Kleingeld, eine Jahreskarte für die Öffis, ein Werbekugelschreiber einer Baufirma, eine halbleere Packung mit Schmerzmitteln, ein Schlüsselanhänger mit Mickey Mouse und Pfefferminzkaugummis. Ich fragte mich, was wohl wäre, wenn sie den Inhalt ihrer Handtasche fotografiert und ins Internet gestellt hätte anstatt ihr durch Photoshop verändertes Gesicht. Auf dem Stuhl nebenan lag ihr ganzes Leben, so wie es wirklich ist und nicht so, wie sie es sich vorstellte.

Aber der Sinn unseres virtuellen Daseins ist nicht das Leben, so wie es ist, sondern eine Art Flucht vor dem Leben, wie es ist. Auf dem Großteil der Fotos in den sozialen Medien sehen wir Menschen essen, trinken und Spaß haben. Würde jemand in der Zukunft unsere Zeit anhand dieser Fotos erforschen, würde er glauben, wir hätten prima gelebt. Niemand macht ein Selfie beim Schieben eines mit Beton gefüllten Schubkarren, oder wie er oder sie schweißgebadet Krapfen bäckt oder Insulin spritzt. Leiden, Sorgen und Schmerz werden nicht in sozialen Medien gezeigt.

Ich zahlte meinen Kaffee und die junge Dame machte sich auch auf dem Weg. Sie sammelte den Inhalt ihrer Handtasche auf, steckte ihr Handy ein und ging weg. Die Wahrheit über ihr Leben war nicht mehr da, ihre Vorstellung von ihrem Leben in Gestalt eines Foto machte schon seine Runde um die Welt.

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