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Britain's Home Secretary Priti Patel (C) and French Interior Minister Gerald Darmanin (R), wearing face masks, look at French police equipment during their visit in Calais on July 12, 2020.

APA/AFP/DENIS CHARLET

ROBERT ROTIFER

Simple Simon & Priti Patel - gemeinsam auf Flüchtlingsjagd

Die BBC verfolgt Gummiboote im Ärmelkanal - und die Innenministerin holt die Navy zur Verstärkung. Über das Zusammenspiel von Medien und Politik bei der Erzeugung fremdenfeindlicher Paranoia.

Eine Kolumne von Robert Rotifer

Eine kleine Rückblende vorweg: 2004 stand Großbritannien im zweiten Sommer des Irak-Krieges und seinem dritten Jahr als Besatzungsarmee in Afghanistan. Die Berichte über die katastrophalen Kollateralschäden der angeblich doch so präzisen Bombardements und die Misshandlung von Kriegsgefangenen begannen sich zu häufen.

Robert Rotifer moderiert FM4 Heartbeat und lebt seit 1997 in Großbritannien, erst in London, dann in Canterbury, jetzt beides.

Es war das Jahr, als J und ich, damals mit zwei kleinen Kindern, beschlossen, unseren Lebensmittelpunkt von London südöstlich ins nicht allzu weit entfernte Canterbury zu verlegen. Einer von vielen Gründen dafür war auch die spürbare Spannung auf den Straßen Londons, die Ahnung, dass die exzessive Gewalt, die das Land in jenen Teilen der Welt säte, in irgendeiner Form wieder zurück kommen würde (die Bomben, die dann im Juli 2005 in der Londoner Underground explodierten, kamen nicht überraschend).

Die Attraktivität von Canterbury lag unter anderem darin, dass man dort bei voller Grätsche mit einem Bein in London und dem anderen an der Küste von Kent stehen kann. Ich erinnere mich genau, wie wir auf dem grünen Dach der weißen Klippen standen, aufs Meer hinaus blickten, die Fähren kommen und gehen sahen und einander sagten: „Und wenn hier alles danebengeht, setzen wir uns in ein kleines Boot und fahren rüber.“

Noch war die Kettenreaktion nicht im Gange, die so viele andere Umwälzungen, vor allem im arabischen Raum und im Gefolge die Flüchtlingsströme des letzten halben Jahrzehnts auslösen sollte. 16 Jahre später drehe ich den Fernseher auf und sehe einen Bericht der BBC, in dem ein Reporter mit Mikro in der Hand an Bord eines auf dem Ärmelkanal fahrenden Motorboots steht, im Bildhintergrund ein Schlauchboot voller Menschen in orangen Schwimmwesten. Wie sich herausstellt, sind das Leute, die genau das tun, was uns damals als möglicher letzter Ausweg im Katastrophenfall vorgeschwebt war, bloß in die andere Richtung.

„Wo kommen Sie her?“, brüllt der Reporter in Richtung des Boots. „Syria!“, rufen die Insassen zurück. „From Syria!?“, brüllt der Reporter, damit das Publikum zuhause auch Bescheid weiß. Der Mann heißt Simon Jones und ist zweifellos ein Profi. Ich hatte sein Gesicht damals Mitte des letzten Jahrzehnts zum ersten Mal registriert, als wir in unserem neuen Zuhause die örtlichen Lokalnachrichten sahen. Ein Beschwerdefall im Krankenhaus, chronisch überfüllte Pendlerzüge, ein Konflikt im Kent County Council, was immer es zu berichten gab: Simon Jones vom BBC Newsroom Southeast war verlässlich „vor Ort“, bei Wind und Wetter, und sprach gut dosierte Mischungen aus Presseaussendungsfutter und Gemeinplätzen in die Kamera, die er genauso gut im Studio erzählen hätte können. Auf Twitter postete er immer Bilder außergewöhnlicher Wetterereignisse in Canterbury, bevorzugt Schneefall.

Später dann sah ich ihn hin und wieder auf dem Bahnsteig für den Zug nach London stehen. Er tauchte nun auch immer wieder in den echten, sprich nationalen BBC-Nachrichten auf. Ein Reporter auf dem Weg nach oben, immer fehlerfrei banal, immer sicher im Rahmen des Erwarteten.

Und jetzt stand also genau jener Simon Jones da in voller Aktion an Deck, den Fahrtwind im schütteren Haar, und kommentierte die Fahrt eines überladenen Flüchtlingsboots von Calais in Richtung Dover wie eine Sportübertragung.

Meine Twitter-Timeline füllte sich bald mit Empörung darüber, was aus der BBC geworden war. Anstatt den Flüchtlingen Hilfe anzubieten, beschrieb dieser Reporter lieber wortreich, wie jene ständig mit einem Plastikbehältnis Wasser aus dem Gummiboot über Bord schaufeln, um sich vor dem Absaufen zu retten.

Die Leute hatten natürlich völlig recht, aber ein Teil von mir sah auch bloß Simon Jones, den Mann ohne eigenen Standpunkt, wie er tat, was er immer tat. Es wäre sehr überraschend gekommen, wenn er von menschlichen Regungen heimgesucht ausgerechnet hier seine über Jahrzehnte geprägte Lebensrolle verlassen hätte.

Nein, die Maschine Simon Jones schnurrte weiter, lieferte gute Bilder, und der Einsatz war auch nicht umsonst. Die Sequenz wurde gestern in allen BBC-Nachrichten eifrig wiederholt, gegengeschnitten mit Luftbildern der Innenministerin Priti Pratel im weithin sichtbaren blitzblauen Kleid mit ihrem Fotografen an Bord eines die Kanalküste patrouillierenden Boots der Border Force.

Patel hatte in den letzten Tagen immer schärfere Kommentare dazu abgeliefert, dass mehr und mehr Flüchtlinge – man spricht von tausend im Monat, dann hundert pro Tag, dann mehr - „illegal“ auf dem Seeweg das Vereinigte Königreich erreichen.

Das heißt, sie sprach dabei natürlich nie von „refugees“, sondern stets von „migrants“, schließlich können das unmöglich Flüchtlinge sein, wenn sie aus dem sicheren Frankreich kommen.

Tatsächlich entspricht diese Logik nicht der Genfer Flüchtlingskonvention, sondern den berüchtigten Dublin-Regeln der EU, die einiges damit zu tun haben, dass in Großbritannien als am nordwestlichen Rand Europas gelegenem Inselstaat nur ein Bruchteil der Zahl von Asylanträgen in anderen europäischen Ländern gestellt wird.

Trotzdem wird in den britischen Medien aus allen Rohren der Mythos einer migrantischen Invasion Britanniens befeuert.

Patel ging sogar so weit, die britische Marine zur Verteidigung der Küste gegen die Bedrohung der Gummiboote auf den Plan zu rufen und einen ehemaligen Royal Marine namens Dan O’Mahoney in den eigens erschaffenen Posten des „Clandestine Channel Threat Commander“ zu hieven.

Hinter der schieren, infantilen, von paranoider Durchgeknalltheit zeugenden Dummheit dieses tatsächlich ernst gemeinten Berufstitels steht die offensichtliche Frage, was zur Hölle die Navy im Kampf gegen die Flüchtlings-Armada tun will. Die Boote versenken? Sie in französische Gewässer ablenken? Falls dies der Erwähnung bedarf, legal wäre das jedenfalls nicht.

Aber wie bei allem, was diese britische Regierung tut, ging es auch hier wohl nicht um Taten und deren tatsächliche Folgen, sondern ausschließlich um Gesten. Und deshalb ließ man gestern auch die Royal Air Force eine riesige Propellermaschine des Typs Atlas über der britischen Kanalküste Schlaufen fliegen. Weil nichts den Little Englander in der Badehose mehr beruhigt als die Silhouette eines fetten Kriegsflugzeugs am Himmel.

Inzwischen hat übrigens auch Sky News zur BBC aufgeschlossen und sich mit ins Boot der Live-Berichterstattung vom Flüchtlingselend gesetzt. Und wieder hat sich etwas, das vorgestern noch undenkbar schien, ganz schnell normalisiert.

Dabei kann ich mich noch gut an den April erinnern, als es angesichts des viel publizierten Einsatzes von Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen ausländischer Herkunft hieß, dass das zu Zeiten der intensivsten Brexit-Propaganda so hochgespielte Thema der Einwanderung fast völlig aus dem Sorgenindex der Fokusgruppen verschwunden sei. Dass die Brit*innen in der Coronavirus-Krise ihre Lektion erhalten und ihre Fremdenfeindlichkeit gegen Dankbarkeit getauscht hätten.

Aber das war natürlich nie mehr als eine Illusion. Xenophobie und die dahinter steckende Menschenverachtung sind stets latent vorhanden, und in einer Hitzewelle, begleitet von Geschichten der Korruption im Zentrum der Macht und Zahlen, die belegen, dass die führende Todesrate im Vereinigten Königreich tatsächlich bloß im makabren Einklang mit dem sozialen Gefälle bei anderen Todesursachen steht, lassen sie sich aufdrehen wie ein Gartenschlauch.

Gern auch auf Kosten der Verzweifelten, die Schutz auf just jener Insel suchen, von der einst Schiff um Schiff aufbrach, um sich den Rest der Welt zu unterwerfen. Britannia rules the waves, wieder einmal.

Die größte Ironie liegt übrigens darin, dass Großbritannien nächstes Jahr mit dem Ende der Übergangsperiode auch das Dublin-Abkommen verlassen wird. Wenn die Verhandler*innen kein neues Abkommen ähnlicher Art mit der EU abschließen können, wird Britannien nach vollzogenem Brexit das Recht verlieren, Flüchtlinge umgehend über den Kanal nach Frankreich zurückzuschicken.

Boris Johnson wird das allerdings keine Sorgen machen. Ganz im Gegenteil, hier zeichnet sich bereits die nächste Gelegenheit zum Spinnen eines neuen Opfermythos ab.

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