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KitschKrieg

Das KitschKrieg Album ist ein Abbild der aktuellen Deutschraplandschaft

KitschKrieg aus Berlin hat sich in den letzten Jahren zu einem der einflussreichsten Kollektive in Deutschland entwickelt - im Rap und darüber hinaus. Auf ihrem Album sind über zwanzig Feature-Gäste vertreten. Mit unerwarteten Highlights und ultimativen Übeltätern erschafft KitschKrieg ein Abbild der Deutschraplandschaft.

von Alica Ouschan

Cover

KitschKrieg/SoulForce Records

KitschKrieg ist am 7. August bei SoulForce Records erschienen.

Als °Awhodat°, Fiji Kris und Fizzle im Jahr 2014 das DIY-Projekt KitschKrieg ins Leben rufen, haben sie außer großer Ideen und einem klaren Konzept noch nichts vorzuweisen. Sechs Jahre später haben sie eine ganze Reihe an Charterfolgen und Kollaborationen mit großen Deutschrap-Namen zu verzeichnen, sind die Chef*innen ihres eigenen Labels und das Kollektiv, mit dem alles was Rang und Namen hat zusammenarbeiten möchte.

Nach dem massiven Erfolg des Trettmann Albums aus dem letzten Jahr, für dessen Produktion und Vermarktung KitschKrieg verantwortlich war, und einem Entstehungs- und Aufnahmeprozess von über zwei Jahren ist nun endlich das hauseigene KitschKrieg Album erschienen. Von Fans und Beobachter*innen der deutschen HipHop Szene mit angehaltenem Atem erwartet, hat die Tracklist und angekündigte Feature-Gäste die Erwartungen sogar noch höher geschraubt.

Minimalismus als große Stärke

Kein Wunder - immerhin kommt es nicht alle Tage vor, dass der Stadtaffe himself, Peter Fox, wieder ganz ohne Seeed einen Track released. Und wer hätte gedacht, dass Nena jemals auf einem deutschen HipHop Album drauf sein würde? Ist das dann überhaupt noch HipHop? Eigentlich egal, denn wie die drei KitschKriegs im FM4 Interview erzählen, sind Genres für sie eher wie Trickkisten, aus denen man sich das nehmen kann was man braucht. Mit genügend Feingefühl und einem Sinn für Ästhetik klingt dann jede Kombination geil - und das beweisen KitschKrieg mit so ziemlich jedem alten und neuen Song.

„Wir sind ganz gut darin, Sachen auf ihre Essenz zu reduzieren. Zu erkennen, was wirklich gut ist, was ein Gefühl auslöst, was schön aussieht - das erkennen und dem dann seinen Platz geben. Minimalismus ist unsere große Stärke: die Lupe auf den richtigen Punkt halten.“

Die schwarz-weißen Videos, die Mischung aus reduziertem Afrobeat, Techno und Trap - KitschKrieg haben sich ihre eigene Klang- und Bilderwelt erschaffen, ihren eigenen 360° Kosmos, aus dem sie in Deutschraps Herzen herumoperieren. Und sie sind richtig gut darin.

Die Crème de la Crème trifft auf den heißesten Scheiß

Das Album, das sich am besten der Reihe nach, von vorn bis hinten durchhören lässt, schwankt zwischen harten Brettern und sanften Melodien, ist aber trotzdem in sich stimmig. Denn auf dem KitschKrieg Album trifft die Crème de la Crème auf den heißesten Scheiß: Gleich der zweite Track des Albums ist eine Hommage an einen der größten Dancehall Klassiker aller Zeiten. In „Unterwegs“ wird Seeeds „Aufstehen“ gesamplet. In Kombination mit dem 23-jährigen Newcomer Jamule haben KitschKrieg einen Song kreiert, der mehrere Generationen von Musikfans gleichzeitig abholt und sich mit Sicherheit in den nächsten Wochen zum Sommerhit hochschrauben wird.

Neben dem Song „Titanik“ mit Miss Platnum und Marteria, der sich perfekt in deren bestehende Feature-Diskografie einreiht, findet sich ein stimmiger, reduzierter Track namens „Sonora“ mit Max Herre und Skinnyblackboy, den man bereits von früheren KitschKrieg Releases kennt. „Keine Angst“, das Feature von Trettmann und Alli Neumann, knüpft ebenfalls an „Zeit steht“ vom Tretti-Album an und klingt musikalisch sowie textlich fast nach dessen Fortsetzung. Im Brett „Oh Junge“ bekommt RINs famous Ad-Lip einen eigenen Song und bringt mit Kool Savas eine echte Deutschrap-Ikone aufs Album.

Auf dem Techno-Track mit den legendären Modeselektor ist durch Crack Ignaz sogar ein österreichischer Rapper vertreten. Und er ist nicht der einzige! Falls jemandem die Gitarrenmelodie in „Irgendwo“ bekannt vorkommt, liegt das vermutlich an ihrem österreichischen Dialekt: Mizzy Blue von Bilderbuch hat sie beigesteuert. Außerdem ist mit „Irgendwo“ natürlich eine der großen Überraschungsgäste dabei: Nena ist auf dem KitschKrieg Album. Damit hätte das Kollektiv nicht einmal selbst gerechnet: „Wir hatten unsere Wunschliste, die haben wir konsequent abgearbeitet und irgendwann kam Nena auf uns zu und sagt, dass sie mit uns arbeiten will. Dann stand sie irgendwann im Studio, man hat sich musikalisch verstanden und der Vibe hat gepasst“, erzählt °Awhodat°. Raus gekommen ist ein wundervoller Track, den man On-Repeat bei heruntergelassenem Fenster am Weg in den Sommerurlaub hören kann.

Die vorab veröffentlichte Single „17:30“ mit Jan Delay war nicht so umwerfend wie erwartet, was vielleicht aber auch daran liegt, dass alle Augen auf das Feature mit the one and only Peter Fox gerichtet waren. Jetzt ist „Lambo Lambo“ endlich da und kann den Erwartungen mehr als standhalten. Zwar gingen Peter Fox und Trettmann in eine völlig andere Richtung (statt heftigem Banger gibt’s was zum Nachdenken), dafür haben sie ein echtes Highlight auf die Platte gebracht. „Lambo Lambo“ ist eine Abrechnung mit Deutschrap, vielleicht der inhaltslastigste und kritischste Song des Albums. Überraschenderweise kann Trettmann mit der Legende Peter Fox nicht nur mithalten, die beiden ergänzen sich sogar gegenseitig und profitieren vom Stil des jeweils anderen.

Das absichtliche Verschwimmenlassen von Genregrenzen, die Kombination aus melancholisch-nachdenklichen Nummern und ballernden Hits, eingebettet in die audiovisuelle schwarz-weiße KitschKrieg Ästhetik: All das könnte auf einen heißen Tipp für das Deutschrap-Album des Jahres deuten - wäre da nicht diese eine Sache, die KitschKriegs ultimatives Erfolgskonzept und Achillesferse zugleich ist.

Wenns um die Feature-Gäste geht, ist dann doch nicht alles schwarz/weiß...

KitschKrieg sind Deutschrap-Fans und haben sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, die deutsche Raplandschaft mit all ihren Facetten und Figuren in ihren Kosmos aufzunehmen und sie genau so widerzuspiegeln wie sie ist, egal wie sich diverse Künstler*innen gegenseitig finden, ob sie Beef miteinander haben, wie ihr allgemeines Standing oder ihr Strafregister ausschaut.

KitschKrieg ist quasi neutral wie die Schweiz. Das bedeutet, dass alle einen Platz finden, die in ihre Ästhetik reinpassen und sich irgendwo im Deutschrap-Universum bewegen. „Sowohl die Lyriker, als auch die Gangster“, sagen KitschKrieg. „Die Gangster wegzulassen würde sich einfach falsch und unehrlich anfühlen.“

Dieser Standpunkt sorgt für Kritik: Einer der sogenannten „Gangster“ ist zum Beispiel GZUZ, dessen Feature mit Trettmann, Ufo361 und Gringo bereits 2018 als Single-Auskopplung mit dem Titel „Standard“ veröffentlicht wurde, mittlerweile über 50 Millionen Klicks auf YouTube verzeichnen kann und so einigen Kritiker*innen den Magen umgedreht hat.

GZUZ ist Teil der 187 Straßenbande und hat eine enorme Fanbase vorzuweisen. Ihm wird sexuelle Belästigung und häusliche Gewalt vorgeworfen, wegen ersterer gibt es sogar einen Strafbefehl. Sein Kollege Bonez MC ist ebenfalls auf dem KitschKrieg Album vertreten und macht sich auf Social Media über die Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt lustig. Auf dem Feature mit Bonez MC mit dem passenden Titel „International Criminal“ ist außerdem der jamaikanische Dancehall-Star Vybz Kartell zu hören, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt.

Obwohl so manche*r der Meinung ist, diese Kollaborationen seien ein Grund, KitschKrieg zu canceln, geht das Kollektiv, das bis zu diesem Zeitpunkt keine Interviews gegeben hat und nun zum ersten Mal seit dem Release mit GZUZ 2018 Stellung dazu bezieht, mit der Kritik relativ gelassen um: „Man kann nicht alles so schwarz/weiß sehen, vereinfachen und verkürzen. Auf die Headline, dass alles was Vybz Kartell ausmacht die Tatsache ist, dass er wegen Mord im Gefängnis sitzt. Klar, das ist eine Seite. Aber andererseits bringen wir die Musik von einer der größten jamaikanischen Dancehall-Legenden nach Deutschland. Für uns steht die Kunst im Vordergrund.“

Die Freiheit, zusammenzuarbeiten mit wem sie wollen haben, können KitschKrieg sich getrost herausnehmen. Erstens, weil sie nach wie vor ein DIY-Projekt sind und vom Online-Shop bis zum Management alles selbst machen und ihnen dementsprechend niemand irgendwas vorschreiben kann. Und zweitens, weil sie durch ihre Bandbreite an unterschiedlichen Kollaborationen vielleicht ein paar vereinzelte Hörer*innen verlieren, gleichzeitig aber seit Jahren eine immer weiter wachsende Fanbase hinter sich haben.

„Natürlich geht es uns darum, immer mehr Leute auf uns aufmerksam zu machen. Aber das mit den vielen verschiedenen Feature-Gästen war jetzt kein typischer Major Label A’n’R Move - im Gegenteil, wir erhoffen uns dadurch, dass vielleicht ein paar unserer Fans Modeselektor kennenlernen oder Nena Fans zu KitschKrieg finden. Das wäre wirklich schön.“

KitschKrieg Pressefotos

KitschKrieg

Deutschrap-Album des Jahres?

Bei der aktuell wieder sehr relevanten Debatte, ob Werk und Künstler*in trennbar sind, entscheiden sich KitschKrieg also um der Kunst willen FÜR eine mögliche Trennung und stellen sich auch bereitwillig der Kritik. Ob man das nun als gut oder schlecht findet sei dahingestellt. KitschKrieg ist es aufgrund ihres klaren Ziels, die deutsche Raplandschaft mit all ihren Teilen - guten und schlechten - abzubilden jedenfalls defintiv gelungen, einen Meilenstein zu legen. Die mangelnde Distanzierung von Deutschraps ultimativen Übeltätern könnte sie aber den Titel „Deutschrap-Album des Jahres 2020“ kosten.

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