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Autorenbild Roman Markus

Jennifer Fetz

„Dings oder morgen zerfallen wir zu Staub“ ist ein Anti-Selbstfindungsroman

In seinem Debut erzählt Roman Markus vom heißen Sommer im Wien der frühen Neunziger. „Dings oder morgen zerfallen wir zu Staub“ plätschert dahin, genauso wie das Leben des Protagonisten, der alles daransetzt, dass ihm seines nicht durch die Finger rinnt.

Von Alica Ouschan

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Vor zwei Jahren stand der Kärntner Autor Roman Markus auf der Shortlist des FM4 Wortlaut Kurzgeschichtenwettbewerbs mit einem Text der den klangvollen Titel „Meyer“ trug. Klangvolle Titel, Namen und weit hergeholte Analogien scheinen voll Roman Markus’ Ding zu sein, denn auch in diesem Buch ist der Protagonist namens Dings - ja, der heißt wirklich so - die meiste Zeit eigentlich ziemlich „Meyer“ (auch „maja“, „meier“ geschrieben; umgangssprachliches Wienerisch für „superfertig“).

„Auf dem Tisch mit dem rot-weiß karierten Wachstuch stehen ein halbvoller Aschenbecher und mehrere Biertulpen. So beginnt mein Sommer in den Neunzigern. Vielleicht beginnt er aber auch ganz anders und ich bin bloß ein schlechter Erzähler.“

Sudern und saufen

Dings ist Mitte zwanzig und rutscht, während er versucht in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung und Veränderung irgend eine Form von Beständigkeit zu finden, volle Kanne in eine klassische Sommer-Sinnes-Krise – Freundin weg, Job weg, Wohnung weg. Was bleibt ist ein langweiliges Leben als arbeitsloser Vollversager. Denn wer wird schon beim Teletext gefeuert, weil er zu unkreativ ist?

Buch Cover

Droschl Verlag

Dings oder morgen zerfallen wir zu Staub hat 232 Seiten und ist im Droschl Verlag erschienen.

Trotz der Unzufriedenheit mit seiner mangelnden Spontanität und Risikofreudigkeit suhlt sich Dings lieber in der heißen Wiener Sonne, im tropfenden Fett des Würstelstands und im eigenen Selbstmitleid, als etwas zu verändern. Er betrinkt sich andauernd und jammert dann über die Konsequenzen, sowieso ist er überhaupt eigentlich die ganze Zeit nur am Sudern. Weil es viel einfacher ist, sich vom Leben treiben zu lassen, als es selbst in die Hand zu nehmen, plätschert das Leben des Protagonisten also nur so dahin und er muss allmählich aufpassen, dass es ihm nicht durch die Finger rinnt.

Wozu hat man Freunde?

Zum Glück gibt’s Dings besten Freund JC und die überaus spontane und risikofreudige neue Bekannte Jo, die ihm seine Spießigkeit vorwerfen und ihn zur ungeahnten Höchstform seines tristen Daseins treiben: Dings bekommt einen Sommerjob als Filmvorführer in einem heruntergekommenen Kino (das übrigens von einer ziemlich heuchlerischen Gruppe möchtegern-kommunistischen reichen Bobos besetzt wird) und darf vorübergehend auch dort wohnen.

Diese neue Situation verschafft ihm etwas Puffer, bevor im Herbst der Ernst des Lebens beginnt, was bedeutet, dass er sich wirklich Gedanken darüber machen muss, was er mit seinem Leben anfangen will. Doch selbst nachdem er beginnt, sich nur noch auf seinen Bauch zu verlassen, spontan nach Berlin fährt und eine unüberlegte Aktion nach der anderen abzieht, holen ihn seine Minderwertigkeitskomplexe immer wieder ein.

„Die letzte Zeit war gespickt mit herben Niederlagen, ganz wie Kuchen und Strudel, in denen man beim Kauen plötzlich diese widerlichen Rosinen findet. Nie war was für mich dabei, alles ist im Mistkübel gelandet.“

Bemitleidenswert aber sympathisch

Die Erzählungen springen hin und her zwischen durchzechten Nächten inklusive betrunkener Autofahrten und Diebesgut aus dem Schönbrunner Tiergarten, alltäglichen Beobachtungen aus dem heruntergekommenen Kino und den wirren, inneren Monologen des Protagonisten.

Die Erzählweise lebt von Dings kreativen Vergleichen und macht ihn trotz seiner bemitleidenswerten Art - und obwohl er eigentlich ständig am Saufen, Speiben oder Sudern ist - erstaunlich sympathisch und nahbar. Drüber gestreute Wiener Begriffe wie „Heast“ oder „Beidl“ sorgen für zusätzliche Schmunzler bei einem ohnehin schon sehr kurzweiligen, unterhaltsamen Leseerlebnis.

„Dings oder morgen zerfallen wir zu Staub“ ist eine Geschichte über das gestörte Selbstbild eines vermeintlichen Versagers. Ein Anti-Selbstfindungsroman übers „Sich-selbst-zurückhalten“. Roman Markus’ Roman erzählt davon, wie Dings sich langsam von seinen Selbstzweifeln zu lösen beginnt und sich unbewusst darauf vorbereitet, nach dem Sommer ein neues Kapitel zu beginnen.

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