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Als wir tanzten, levan gelbakhiani

Edition Salzgeber

International gefeiert, in der Heimat Georgien bekämpft: „Als wir tanzten“

Der in schwedisch-georgischer Koproduktion entstandene Film „Als wir tanzten“ erzählt von der ersten Liebe des georgischen Tanzschülers Merab. Der queere Coming-of-Age-Film ist ein hoffnungsvoller Film mit einer starken Botschaft und wurde besonders in der georgischen Heimat stark bekämpft.

Von Philipp Emberger

„Als wir tanzten“ zeigt bereits in den ersten Minuten, dass die georgische Tanzwelt unbarmherzig ist. Der strenge Tanzlehrer will von seinen Schüler*innen, dass sie stramm wie ein Denkmal stehen und verführerische Blicke vermeiden. Mit Archivaufnahmen von Tanzauftritten zeigt Regisseur Levin Akin, dass hier - politisch betrachtet - noch ein eiserner Wind aus vergangenen sowjetischen Zeiten weht. Die Kompromisslosigkeit wird mit Sätzen wie „Der georgische Tanz basiert auf Männlichkeit, im georgischen Tanz ist kein Platz für Schwäche“ noch unterstrichen.

In dieser strengen Tanzwelt zu Hause ist der jugendliche Merab. Mit Mutter, Großmutter und seinem Bruder lebt er in ärmlichen Verhältnissen in der Hauptstadt Tiflis. Als Tanzschüler an der Akademie des georgischen Tanzensembles könnte sein größter Traum - im Hauptensemble zu tanzen – bald wahr werden, denn das Hauptensemble ist auf der Suche nach einem männlichen Tänzer.

Queere Coming-of-Age-Story mit beeindruckendem Hauptdarsteller

Eine weitere Weisheit des Tanzlehrers: „Im georgischen Tanz gibt es keine Sexualität“. Das mag für den Tanz stimmen, aber nicht für die Tänzer*innen. Und so verliebt sich Merab in den neuen Tanzschüler Irakli. Obwohl die beiden Konkurrenten um den Platz im Hauptensemble sind, kommen sie sich näher. Zuerst durch Blicke, dann durch Berührungen – stets meisterhaft von der Kamera eingefangen.

An dieser Stelle wird der Film zu einer Coming-of-Age-Geschichte über die erste Liebe in einer konservativen Umgebung. Obwohl Georgien eines der fortschrittlichsten Länder in der Kaukasus-Region ist, wird Homosexualität von der Gesellschaft weitgehend abgelehnt. Diese bedrückende Stimmung vermittelt der Film ohne dabei pessimistisch zu sein.

Als wir tanzten

Edition Salzgeber

Merab (Levan Gelbakhiani) und Irakli (Bachi Valishvili)

Es wäre unrichtig, den Film nur auf die Liebesstory zu reduzieren. „Als wir tanzten“ zeigt auch in neorealistischer Manier die täglichen Herausforderungen Merabs wie Leistungsdruck und familiäre Konflikte. Speziell letzterem Punkt räumt der Film viel Zeit ein und überrascht mit unerwarteten Storylines. Dass „Als wir tanzten“ eine schwedisch-georgische Koproduktion ist, merkt man vor allem an der Soundkulisse. Die traditionell-georgische Musik wird von schwedischen Superstars wie Abba und Robyn durchbrochen.

Levan Gelbakhiani spielt den Tanzschüler Merab mit herausragender Ausdruckskraft. Weit mehr als über die Dialoge vermittelt der georgische Jungschauspieler über seine Mimik. Gefunden hat Regisseur Levan Akin den Schauspieler auf Instagram. Die Rolle musste Akin ihm aber erst schmackhaft machen. Mehrmals hat Gelbakhiani aus Angst vor den öffentlichen Reaktionen die Rolle abgelehnt. Ein Glücksfall, dass der zeitgenössische Tänzer Gelbakhiani doch zugesagt hat, schließlich brilliert er in dem Film. Der Vergleich mit Timothée Chalamet in „Call me by your name“ ist nicht der abwegigste. Beide bringen eine frische Form der Verletzlichkeit auf die Leinwand.

International gefeiert, in Georgien bekämpft

2019 war der in Tschiatura geborene Gelbakhiani als bester Darsteller beim Europäischen Filmpreis nominiert. Im Rahmen der Berlinale 2020 wurde er mit dem „European Shooting Star“ Award bedacht. Viel internationales Lob für den Jungschauspieler. Im Produktionsland Georgien waren die Reaktionen wesentlich kontroverser. Wenig verwunderlich, denn bereits der Ausgangspunkt für das queere Tanzdrama ist trauriger Natur.

2013 wurden bei der ersten Gay-Pride des Landes die Demonstrierenden von ultraorthodoxen Gegendemonstranten überrannt und bedrängt. Der schwedische Regisseur mit georgischen Wurzeln Levin Akin verfolgte das Geschehen von Schweden aus und entschied sich für Recherchen nach Georgen zu fliegen. Dort angekommen entwickelte er die Idee für das queere Tanzdrama „Als wir tanzten“.

Als wir tanzten, levan gelbakhiani

Edition Salzgeber

Der homophobe Protest setzte sich während den Dreharbeiten fort. Diese waren von Todesdrohungen begleitet und konnten nur mit umfangreichen Schutzmaßnahmen durchgeführt werden. Vor allem ultraorthodoxe Gruppierungen, die in der georgischen Gesellschaft viel Einfluss genießen, haben gegen den Film mobil gemacht. Die Premiere des Filmes selbst war dann auch von zahlreichen Protesten begleitet. Regisseur Akin ist es aber wichtig zu betonen, dass es auch ein anderes Georgien gibt, ein offenes Georgien. Genau diesem Georgien ist der Film gewidmet und will einer unterdrückten Community eine Stimme geben.

Trotz bedrückender Thematik ist „Als wir tanzten“ ein hoffnungsvoller Film mit einer starken politischen Botschaft. Regisseur Akin kombiniert eine klassische Coming-of-Age-Story mit überraschenden Elementen und beeindruckenden Tanzszenen.

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