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In „Hitze“ beschreibt Victor Jestin einen furchtbaren letzten Ferientag

In seinem Romandebüt „Hitze“ verarbeitet der 26-jährige Franzose Victor Jestin seine eigene Angst. Dazu inszeniert er einen Selbstmord und lässt den Ich-Erzähler verängstigt über einen französischen Riesingcampingplatz stolpern.

Von Philipp Emberger

Mit den Worten „Oscar ist tot“ kommt der Roman „Hitze“ gleich straight auf den Punkt. Oscar hat sich mit den Seilen einer Kinderschaukel auf einem französischen Campingplatz erdrosselt. Der 17-jährige Léonard campt hier mit seinen Eltern und hat Oscar beim Selbstmord zugesehen. Aber das bleibt nicht die einzige Dummheit. Léo vergräbt die Leiche auch noch und sieht sich fortan als Täter. Von Schuld zerfressen stolpert der 17-jährige Ich-Erzähler fortan über den französischen Campingplatz und kommt in Konflikt mit so ziemlich jedem: seinen Eltern, den wenigen Freunden, die er hat und vor allem mit sich selbst.

„Um mich herum machten die Leute weiter Urlaub. Sie wollten mich nicht hören. Und ich hatte ja auch nichts zu sagen. Ich könnte sagen: Oscar ist tot – aber ich glaubte es selbst nicht. Ich versuchte an ihn zu denken, doch es gelang mir nur in Schüben, wie Hitzewallungen.“

Cover "Hitze" von Victor Jestin, Kein&Aber

Kein&Aber

Victor Jestin – „Hitze“, Kein & Aber, Übersetzung: Sina de Malafosse, 160 Seiten

Die Geschichte des Romans pendelt zwischen der belanglosen Fröhlichkeit des Campingplatzes und der Angst, ausgelöst durch den beobachteten Selbstmord. Auf 160 Seiten verdichtet Autor Victor Jestin die Geschichte, ohne die Charakterisierung des Protagonisten zu verlieren. Er beschreibt Léo als introvertierten Jugendlichen, der sich jeden Abend in seinem Zelt in den Schlaf masturbiert, während die anderen Jugendlichen am Strand miteinander Spaß haben und sich näher kommen. Zumindest zwei Leidenschaften hat der Jugendliche: seinen Hund Bulle und Musik. Wenn er über Musik spricht, verändert er sich und wirkt fast schon nahbar auf seine Mitmenschen. Gleichzeitig dient die Musik auch zur Abgrenzung gegenüber den Gleichaltrigen. Mit Popmusik kann Léo wenig anfangen, Wagner ist mehr sein musikalisches Zuhause. Umso furchtbarer ist für ihn das ständige Partymusikgedüdel auf dem Campingplatz (Pitbull lässt grüßen).

Explizite Sprache ohne Cringe

Sex bekommt im Roman gleich an mehreren Stellen einen hohen Stellenwert. Jestin beschreibt die ersten sexuellen Erfahrungen der Campingplatz-Teenager ziemlich explizit, aber ohne cringe-Faktor. Der Protagonist der Geschichte bandelt einen Tag nach dem beobachteten Selbstmord ausgerechnet bei Luce, Oscars Freundin von letzter Partynacht an.

„Ihr Oberschenkel schob sich zwischen meine. Ihre Brüste pressten sich an meinen Oberkörper. Sie küsste mich und versuchte dabei gleich, meinen Mund zu öffnen und ihre Zunge hineinzuschieben. Es war, als würde ich einen Aschenbecher auslecken, aber ich machte weiter, denn ich war erregt.“

„Hitze“ ist anders als der Name vermuten lässt ein ziemliches Anti-Sommerbuch. Vor allem der Riesencampingplatz, der in seinem Aufbau mehr eine Kleinstadt als ein Ort der Ruhe ist, kommt darin nicht gut weg und wird zur seelenlose Hitzehölle. Der 26-jährige Autor Victor Jestin ist selbst kein großer Fan von Campingplätzen. In Interviews erzählt er von der Angst, die diese Ferienorte in ihm auslösen. Diese Angst wollte er nun in das Buch packen und hängt Léonard dieses Gefühl um. Ständig möchte Léo erzählen, was er da eigentlich gesehen hat und doch kann er es nicht. Die Angst paralysiert ihn, verursacht Übelkeit und löst Krämpfe aus.

Bisher hat Jestin zwei Drehbücher geschrieben. In seinem Romandebüt beschreibt er nun einen ziemlich langen letzten Ferientag und erzählt überzeugend von den Gefühlen und Problemen der Teenager inklusive der brütenden Hitze.

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