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Bully

Angelina Castillo

Bully trifft den Grunge-Indierock-Nagel auf den Kopf

Die US-Musikerin Alicia Bognanno nennt sich Bully und veröffentlicht mit „Sugaregg“ schon ihr drittes Album. Bully aus Nashville, Tennessee ist besser denn je zuvor.

Von Eva Umbauer

„Sugaregg“ von Bully ist ein Album voller süß-saurer Gitarrenpopsongs. Bully bringt damit den grungigen Indierock zurück zu Sub Pop in Seattle, jenem Plattenlabel, das Grunge ja sozusagen erfunden hat. Manchmal klingt Alicia „Bully“ Bognanno auch fast ein wenig wie Kurt Cobain, wenn sie singt.

Die aus dem US-Mittelwesten, aus Minnesota stammende Musikerin lebt aber nicht in Seattle, der ursprünglichen Heimat des Grunge, sondern in Nashville, Tennessee, der Heimatstadt der Countrymusik. Alicia wäre durchaus gerne in Seattle, allein schon um dem Plattenlabel näher zu sein, das ihre Musik seit dem letzten Album veröffentlicht, aber die Stadt im Pazifischen Nordwesten der USA ist einfach zu teuer geworden.

Seattle vs. Nashville

In Nashville ist es günstiger und auch gemütlicher. Dort bewohnt Bully ein ganzes Häuschen, einen Garten und einen Geräteschuppen hat sie auch. Es ist genug Platz für ihre beiden Hunde, ihre Instrumente und ihr Studioequipment. In Nashville leben längst nicht mehr fast ausschließlich Country-Musiker*innen, sondern alle möglichen Künstler*innen. Die Songschreiberin Becca Mancari etwa ist in der Stadt mit der hohen Cowboyhutdichte zuhause oder auch Stars wie Alison Mosshart von den Kills, Jack White, die Black Keys und die Kings of Leon.

In Nashville hat Alicia Bognanno ein technisches College besucht und Tontechnik studiert. Sie hat das Aufnehmen von Musik von Grund auf gelernt, was vielleicht daran „schuld“ ist, dass ihre Songs, auch wenn sie gerade noch so wild sind, stets etwas Kontrolliertes an sich haben, Songs wie „Prism“, über den Alicia Bognanno sagt: „It’s about the process of letting go and realising which aspects continue to resonate as time passes.“

Albumcover: Hand wird unter fließendes Wasser gehalten

Sub Pop

„Sugaregg“ von Bully ist bei Sub Pop erschienen.

Gelernte Studiotechnikerin

Alicia „Bully“ Bognanno machte einmal ein Praktikum als Studiotechnikerin im Tonstudio von Steve Albini. Electric Audio befindet sich in Chicago und Musiker*innen wie PJ Harvey oder auch Nirvana nahmen dort auf, heute kommen neue Talente zum Einspielen und Produzieren ihrer Songs dorthin, wie etwa die Britin Fenne Lily. Es ist eines der besten Tonstudios mit analoger Ausrüstung überhaupt, und das war auch der Grund, warum Alicia Bognanno unbedingt dort arbeiten wollte. Mit analogem Studioequipment, etwa Bandmaschinen zum Aufnehmen, war Alicia bereits in der Highschool in Berührung gekommen. Eine nahegelegene Kunstschule hatte ein kleines Tonstudio und lud interessierte Schüler*innen von der Highschool ein, es sich doch einmal anzusehen.

Beim Album „Sugaregg“ kümmerte sich Alicia Bognanno erstmals nicht selbst um das Aufnehmen, sondern konzentrierte sich auf das Songschreiben und Spielen und holte sich einen der besten Produzenten der USA: John Congleton. Der texanische Musiker und Studiospezialist hat schon Musiker*innen produziert, darunter St. Vincent und Sleater-Kinney. Alicia Bognanno liebt ein Album, das er produziert hat, besonders, nämlich das 2014er Album „Here And Nowhere Else“ von der US-Band Cloud Nothings. „The sound of the drums was amazing on that record“, sagt Alicia Bognanno im FM4 Interview.

John Congleton brachte auch gleich einen Bassisten mit für das neue Bully-Album: Zach Dawes. Zach ist von der kalifornischen Band Mini Mansions und spielte etwa auch mit den Queens Of The Stone Age oder den Arctic Monkeys. Die früheren Mitmusiker von Bully sind nur mehr zum Teil mit dabei.

Das neue Album ist eine Art Neubeginn für Bully. Sie trinkt keinen Alkohol mehr, geht in keine Bars, macht stattdessen nun Yoga und hat ihre psychischen Probleme bewältigt. Das hört man vor allem in ihren Songtexten. Musikalisch trifft Bully mehr denn je den Grunge-Indierock-Nagel auf den Kopf. Auch die langsameren Songs sind toll. Die Sonne blitzt jetzt immer wieder auf in den bewölkten Songs.

Soundtrack für „Her Smell“ mit Elisabeth Moss

Zum künstlerischen Wachsen von Bully hat auch beigetragen, dass sie letztes Jahr den Soundtrack zu einem Film machte: „Her Smell“ mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle: Sie spielt die Sängerin einer fiktiven Band.

And I’m changing into a person I don’t know.

„Come Down“ war einer der ersten Songs, den Bully für das neue Album schrieb. Er stammt noch aus der Zeit, als es ihr nicht so gut ging. In „What I Wanted“ geht es darum, dass sich Alicia „Bully“ Bognanno ihren Traum vom Musikerin-Sein erfüllen konnte, dass sie jetzt von der Musik leben kann. „It’s sort of like a pinch me song, of what I’m doing now and how I thought I’d never be doing it“, sagt Bully im FM4 Interview.

Das hübsche „Hours And Hours“ ist ein Song, den Bully für ihre Mutter geschrieben hat: „It is about my mother and I finally figuring out our relationship. She and I had a really hard time connecting growing up and at times felt like it would never happen. Over the past five years we have become best friends. (...) I wish I knew sooner how much we could relate but am eternally grateful that we have figured it out now and I’m just so thankful to be on good terms, I love her dearly.“

Zur Zeit schreibt Alicia „Bully“ Bognanno fast täglich Songs und nimmt sie zuhause auf. „I’m a studio artist now instead of a live artist“, sagt Bully. Die Coronavirus-Pause nutzte Bully bisher etwa auch, um ihre Version von „About A Girl“ von Nirvana aufzunehmen oder auch „Turn To Hate“ vom kanadischen Alternative Country Musiker Orville Peck.

Um besser durch die Krise zu kommen, schaut, hört oder liest Bully nur wenig Nachrichten, beginnt den Tag stattdessen mit dem Hören von Musik. Sie geht wandern oder schaut Dokus über Delfine. Hunde und Delfine sind die Lieblingstiere von Alicia „Bully“ Bognanno.

Irgendwo auf „Sugaregg“ hört man einen Hund bellen, Mazzy, die elf Jahre alte Schäferhündin von Bully, die bei ihr lebt, seit Mazzy drei Monate alt war. Mazzy hat seit ein paar Monaten einen Gefährten, den winzigen, halbnackten und ein wenig wie eine Ratte aussehenden Poppa. Bully hat ihn aus dem Tierheim, wo sie zuletzt aushalf. Es ist eine ungewöhnliche Hundefreundschaft, aber sie funktioniert. Die Dinge laufen gut für Bully, jetzt müssen nur noch die Konzerte zurückkommen. Aber Bully ist geduldig, auch wenn ihre Musik nicht immer so klingt.

P.S.: Der Künstlerinnenname Bully kommt daher, dass Alicia Bognanno ihren allerersten Song „Bully“ nannte. Ein*e „bully“ ist eine unangenehme Person, die andere tyrannisiert, demütigt, mobbt. Alicia Bognanno selbst ist weit davon entfernt, eine „bully“ zu sein, „bully“ bedeutet bei ihr eine Person, die man tief in einem drinnen hat und die es einem schwer macht.

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