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Prince Sign O' The Times Remastered

Warner

„Sign O’ The Times“ von Prince gibt es jetzt als Super Deluxe Edition, mit 76(!) Bonus-Tracks

Die Super Deluxe Version von „Sign O’ The Times“ von Prince ist nicht nur für Hardcore Fans und Vinylsammler interessant.

Von Martin Pieper

Es ist 1987, Ronald Reagan ist amerikanischer Präsident, Andy Warhol stirbt, die AIDS-Krise ist an einem vorläufigen Höhepunkt angekommen, die neue Droge Crack verwüstet ganze Stadtteile. All das und mehr verarbeitet Prince auf dem Titelsong und der ersten Singleauskoppelung seines Albums „Sign O’ The Times“ aus dem gleichen Jahr.

1987 regiert im Hochglanzpop Amerikas unangefochten die heilige Dreifaltigkeit Madonna, Michael Jackson und Prince. „Sign O’ The Times“ (das „O“ im Titel ist eigentlich ein Peace-Zeichen) ist ein wildes, ausuferndes Doppelalbum mit 16 Songs. Vielleicht war es der künstlerische Höhepunkt der sehr umfangreichen Discografie von Prince, vielleicht war es nur die Spitze des Eisbergs. Für Zweiteres spricht der aktuelle „Superdeluxe“ Re-Release des Albums, den die Nachlassverwalter des großen musikalischen Erbes von Prince jetzt zusammengestellt haben.

Prince hat mit dem minimalistischen Video zum Song „Sign O’ The Times“ ganz nebenbei auch das Lyrics Video erfunden. Die ungebrochene Aktualität des Textes ist gespenstisch.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Sign O’ The Times“ war Prince rund um die Uhr am Songschreiben, Aufnehmen, Produzieren, Konzerte geben und Filmemachen. Seit dem Erfolg von „Purple Rain“, seinem endgültigen Durchbruch, belieferte er seine Seitenprojekte, Schützlinge und bewunderten Freundinnen (die Bangles!) ununterbrochen mit Songs, drehte mit „Under The Cherry Moon“ einen ganzen Spielfilm in Schwarz-Weiß, und erweiterte mit den Alben „Around The World“ und „Parade“ seinen musikalischen Farbkasten um ganz neue Paletten. Mit dem Studiokomplex Paisley Park baute sich Prince auch gleich seine eigene Infrastruktur, um alle seine Ideen zu jeder Tages- und Nachtzeit verwirklichen zu können. Das alles passierte in gerade einmal drei, vier Jahren.

„Sign O’ The Times“ ist eine Art „Best of“ all seiner musikalischen Ideen und Projekte dieser Jahre und entsprechend divers. Hinter fast jedem Song, der es letztendlich auf das Doppelalbum geschafft hat, steckt mehr oder weniger ein ganzes weiteres potentielles Album, dass nie erschienen ist. Die „Super-Deluxe“ Edition in der Streaming Variante enthält nicht weniger als 92 Prince Songs auf einer Spieldauer von über acht Stunden. Selbst wenn man das Remaster des Originalalbums, einen inkludierten Livemitschnitt und eine Handvoll Remixe und Single Edits - die üblichen Nebengeräusche rund um so einen Re-Release - abzieht, bleiben immer noch zig ganz neue, alte Prince Songs übrig, die hier erstmals zu hören sind.

Die Entstehungsgeschichte von „Sign O’ The Times“ ist kompliziert, es gibt einen ganzen Zweig von Prince’scher Fanforschung über die verworfenen Projekte, unveröffentlichte Duette und spinnerten Soundexperimenten, die es nicht auf dieses Album geschafft haben.

Für die Superfans ist also die Super Deluxe Version sowieso ein Traum. Aber auch als Gelegenheits- oder gar Ersthörer von Prince bietet der tiefe Einblick in die sagenumwobenen Archive von Paisley Park eine Menge. Etwa neue Songs von Camille, einer Art weiblichen Alter Egos, für das Prince seine eigene Stimme hochgepicht hat, um den Gendertheoretiker*innen etwas zum Nachdenken zu geben, oder auch um Marsimoto zu inspirieren. Auch Lisa (von Wendy und Lisa, den beiden Musikerinnen aus der Begleitband The Revolution) darf für das unveröffentlichte „A Place Called Home“ ans Mikrofon.

Prince hat The Revolution kurz vor der Veröffentlichung von „Sign O’ The Times“ zwar schon recht unsanft entlassen, dabei war ein letztes gemeinsame Album „Dream Factory“ schon fast fertig. Ein paar der besten Songs auf „Sign O’ The Times“ stammen aus diesen Sessions, noch ein paar mehr davon gibt es jetzt zu entdecken.

In der Vinyl ist die neue Super-Deluxe Ausgabe ein repräsentativer Ziegel samt DVD und Fotoband für die gepflegte Plattensammlung. Freunde von Prince sollten sich dieses Stück Vinylporn aka Unpacking Video anschauen, ist billiger als die 300 Dollar, die die Schachtel kostet.

Dazu kommen noch Gastmusiker wie Miles Davis und Songs von Prince, die eigentlich für die bewunderte Joni Mitchell gedacht waren. Nicht alles ist gut gealtert. So mancher Beat klingt aus heutiger Sicht ein bisschen gar hüftsteif und mancher recht ziellose „Jam“ hat es wohl zu Recht nicht in die „Sign O’ The Times“-Trackliste geschafft. Aber dann stößt man auf eine bezwingend dichte Funkexkursion namens „Emotional Pump“, das nur als queer zu lesende „I Need A Man“ oder das kleine Kunststück „Wally“, ein Song irgendwo zwischen persönlicher Abrechnung, psychedelischer Operette und Soulmusical.

„Sign O’ The Times“ in der Super Deluxe Version ist ein faszinierender Einblick in die offenbar unendlichen Weiten des Erfindungsreichtums und der musikalischen Großzügigkeit von Prince.

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