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Terrace House

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„Terrace House“, das japanische Big Brother

Auf Netflix kann man derzeit alle Staffeln „Terrace House“ bingen, in denen man eine japanische WG aus jungen Singles beim Leben und Daten beobachtet. Und: Man ist dabei nie alleine.

Von Christian Pausch

Japanisches Fernsehen ist meistens vor allem laut, bunt und schnell. Alles Gesagte wird auch in großen farbigen Schriftzeichen quer über den Bildschirm eingeblendet, in den Ecken und an den Bildrändern werden Fotos und kleine Clips gezeigt und es gibt jede Menge Lacher aus der Konserve. Und für ein nicht-japanisches Publikum wohl am befremdlichsten: Es gibt immer Menschen, die das Programm mit uns zusammen schauen und dazwischen immer wieder auftauchen, um das Gesehene zu kommentieren.

Diese Reizüberflutung hat aber ihre ernsten Hintergründe: Schriftzeichen werden nicht nur so groß eingeblendet, um die Zusehenden wach zu halten, sondern um gehörlose Menschen besser einzubinden, und die Kommentator*innen sind ein wirksames Mittel gegen die große japanische Volkskrankheit namens Einsamkeit.

TV gegen Einsamkeit

Während man sich in Österreich also ganz allein seine Gedanken zu Barbara Karlich und Co machen muss, ist man in Japan beim Fernschauen nie alleine. Dieses Konzept hat auch das sonst sehr verwestlichte Format „Terrace House“ übernommen, und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kann man fast nicht mehr ohne Kommentare von Wildfremden fernsehen.

Terrace House

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Unsere Fernseh-Buddies bei „Terrace House“. In der Mitte: You und Reina Triendl.

Eine Runde aus drei Frauen und drei Männern schauen also mit uns zusammen „Terrace House“. Eine davon ist die berühmte Schauspielerin You, man kennt sie aus Koreeda-Filmen wie „Nobody Knows“ oder „Still Walking“ und auch Österreich ist in dieser Runde vertreten durch Reina „Torichan“ Triendl, in Wien geborenes Supermodel und gefeierte (Horror-)Film-Darstellerin in Japan.

Sanftes Big Brother

Alle fünf Staffeln „Terrace House“ sind so etwas wie eine sanfte Einführung in japanische TV-Gewohnheiten. Es gibt sie, die Lacher aus der Dose, es werden Bilder und Clips eingeblendet, aber es ist weniger schrill und bunt, alles ist wie in einem farblosen Ikea-Airbnb eingerichtet und unsere Augen bleiben verschont von blinkendem oder explodierendem Zeug.

Das Konzept der Sendung ist recht einfach: Sechs junge Menschen ziehen zusammen in eine WG und werden von Kameras dabei beobachtet. Doch das hier ist kein ausbeutendes Reality TV, wie wir es von RTL kennen, hier dürfen die Bewohner*innen machen, was sie wollen. Keine Challenges am Wochenende, kein Voting, oder sonstige Späße, die man von Big Brother oder Dschungelcamp kennt. Das ist sehr angenehm.

Terrace House

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Der erste Cast von „Terrace House: Aloha State“, die erste Staffel, die außerhalb Japans gefilmt wurde, auf Hawaii.

Die sechs Bewohner*innen gehen weiterhin zur Arbeit oder in die Schule oder Uni und eigentlich sieht man sie nur beim Frühstück oder Abendessen, bzw. auf Dates. Denn alle sechs sind Singles und man hofft natürlich darauf, dass es zwischen ihnen knistert. Aber auch da gibt es keine versteckt gefilmten Sexszenen unter der Dusche, sondern mal ein Händchenhalten hier oder einen verstohlenen Kuss da.

Klingt fad? Ist es streckenweise auch. Doch gerade das ist das Schöne an „Terrace House“. Es läuft nebenbei, es passiert nicht viel und das Wenige, was passiert, wird von unseren Fernseh-Buddies bei der nächsten Besprechung so sehr aufgebauscht, das man doch das Gefühl hat, es sei einiges geschehen. Ein entschleunigendes Streaming-Geschenk für die anstrengende Covid-19-Krise. Oder wie es ein Fan auf Youtube ausdrückt:

This show about nothing is everything.

Terrace House

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Der erste Cast von „Terrace House: Tokyo 2019-2020“

Binarität, Kapitalismus, Heteronormativität

Man muss „Terrace House“ aber auch kritisch sehen: Es sind immer drei hetero Frauen und drei hetero Männer, die Buchstaben LGBTIQ* hat man im Sendungskonzept schlichtweg exkludiert. Außerdem gibt es immer einen gewissen Leistungsdruck, den die sonst liebenswert-lustigen Kommentator*innen befeuern: Jener sollte mehr daten, jene sollte beruflich das machen, besser kochen, mehr arbeiten, mehr sprechen, mehr flirten.

Die Produktion von „Terrace House“ wurde im Mai 2020 abrupt beendet, nach dem vermuteten Suizid von Hana Kimura, einer Teilnehmerin der bisher letzten Staffel.

Passend zur Leistung kommt auch der Kapitalismus nicht zu kurz in der Show. Neben den reich ausgestatteten Wohnhäusern stehen den Bewohner*innen auch zwei Autos zur Verfügung, bei Dates wird erwartet, Geschenke zu überreichen, alle sind immer super fancy gekleidet und Shoppen ist eine der Hauptbeschäftigungen. Die vermeintlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern und was beide bei Dates machen sollen oder nicht sollen, werden durchgehend besprochen und das ist dann oft von einem starken Konservativismus durchzogen.

Doch zum Glück können wir Menschen das ja: Etwas kritisieren und trotzdem auch die guten Seiten einer Reality Show erkennen, die nicht ausstellt, sondern wirklich nur zusieht. Und gegen Einsamkeit hilft sie auch, nicht nur in Japan.

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