FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Die Autorin Deniz Ohde

Suhrkamp Verlag

„Streulicht“ von Deniz Ohde liest sich wie das Protokoll einer Ausgrenzung

Heute Abend wird der Deutsche Buchpreis verliehen und damit wird ein Roman gekürt, der dann mit sofortiger Wirkung als der beste des Jahres gilt. Auf FM4 haben wir euch mehrere der nominierten Bücher vorgestellt. „Streulicht“ von Deniz Ohde steht auch auf der Shortlist.

Eine junge Frau ist zurück am Ort ihrer Kindheit, in der verrauchten Wohnung der Eltern, nahe einem Industriepark, über dem Flugverbot herrscht. Bei einem Absturz drohe eine Chemiekatastrophe, heißt es eingangs im Roman von Deniz Ohde. Es scheint ein ganz und gar unheilvoller Flecken Erde zu sein, doch nur vierzig S-Bahn-Minuten entfernt liegt eine Stadt mit einer Universität.

1988 in Leipzig geboren, schreibt Deniz Ohde ihren ersten Roman stellenweise wie jene Autoren, deren Werke einem noch heute im Literaturgeschichteunterricht begegnen: „Streulicht“ erinnert an den Naturalismus, der sehr genau die Lebensumstände der Bevölkerung ausgeleuchtet hat, der die Heldenepen nicht gewidmet waren.

Fabriken sind am Buchcover von "Streulicht".

Suhrkamp

„Streulicht“ von Deniz Ohde ist 2020 bei Suhrkamp erschienen.

Dabei geht es in „Streulicht“ in Rückblicken immer wieder einfach zurück in eine Kindheit in den 90er Jahren, mit „Buffy the Vampire Slayer“ als Trost, ständiger Ausgrenzung und zwei Kindheitsfreund*innen, von denen eine meint, die Ich-Erzählerin solle doch nicht immer gleich alles persönlich nehmen. Es waren die Jahre, in denen Häuser brannten, heißt es in einem Satz, bei den Nachrichten machte die Mutter den Fernseher aus. Mit den brennenden Bauten sind die Anschläge auf Unterkünfte für Asylsuchende gemeint. In „Streulicht“ wird nicht alles beim Namen genannt, auch die Hauptfigur selbst bleibt namenlos.

Die Tochter einer Einwanderin und eines Deutschen präsentiert eine Milieustudie, wenn sie die nahezu alltäglichen Diskriminierungserfahrungen wie nebenbei beschreibt und selbst in stiller Rebellion als junge Frau, als Tochter von Nicht-Akademiker*innen, an der Universität den Mädchennamen ihrer Mutter als ihren Nachnamen angibt. Ein Deutschlehrer heißt Schiller, eine Katholikin will Willkommenskultur zelebrieren und ein schweigsamer Vater schätzt am Bildungsweg seiner Tochter, dass sie für ihn dadurch länger Kind bleiben kann.

Sehr genau beschreibt die Romanfigur ihre Eltern, deren Sparsamkeit und die Liebe zu Schnäppchen, ihren beständigen Fleiß und einige wenige Versuche, Anschluss an andere Menschen zu finden. Der deutsche Vater ist ein Arbeiter wie sein Vater davor, teilt seinen Fleiß. Nicht mehr das Ehebett teilt die Mutter, die nur märchenhaft über ihre Herkunft spricht. Für ihre Schweigsamkeit hat die Tochter Worte, verbietet sich aber jede Gefühlsduselei.

View this post on Instagram

Streulicht in der Turnhalle

A post shared by Deniz Ohde (@deniz.ohde) on

Wie es ist, im Turnsaal eine Choreografie zum Dirty-Dancing-Soundtrack-Hit „(I’ve Had) The Time of My Life“ aufzuführen, wenn man schon weiß, dass man als Einzige der Klasse nicht aufsteigen darf, darüber erlaubt sich die Ich-Erzählerin kein Wort zu verlieren. Sie hält fest, was ist, und behält ihre Zukunftspläne und Wünsche für sich.

„Streulicht“ ist wie gemacht für eine Zeit, in der Identitäten anderer täglich, vielfach ungefragt und öffentlich verhandelt werden. Das Buch liest sich wie das Protokoll einer Ausgrenzung, der mit großem Eifer die Stirn geboten wird. „Streulicht“ trägt aber auch das große Thema Abschied in sich, den Tod eines Elternteils. Innig und zugleich offen ist der Schluss.

Der Aspekte-Literaturpreis wird Deniz Ohde für „Streulicht“ am 15. Oktober verliehen. Damit zeichnet das ZDF das beste Debüt des Jahres aus. Deniz Ohdes Roman hat es außerdem auf die Shortlist für den mit 25.000 Euro und viel Aufmerksamkeit verbundenen Deutschen Buchpreis geschafft.

Auf FM4 haben wir mehrere der nominierten Bücher vorgestellt, zum Beispiel hat es Bov Bjerg mit seinem neuen Roman Serpentinen“ ebenso auf die Shortlist geschafft, ein sehr düsterer Roman über eine Dynastie von Selbstmördern.

mehr Buch:

Aktuell: