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Szenenbild "The Trial of the Chicago 7"

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Schillernd inszenierter Prozess von 1969 in „The Trial of the Chicago 7“

Aaron Sorkin inszeniert den historischen Schauprozess gegen die Köpfe der Antikriegsbewegung 1969 mit großem Unterhaltungswert und Staraufgebot.

Von Jan Hestmann

Als „Oscarverleihung der Protestkultur“ bezeichnet einer der Angeklagten im Film den Prozess, den Drehbuchautor und Regisseur Aaron Sorkin hier inszeniert, und fügt hinzu, es sei „eine Ehre, nominiert zu sein“. Das ist ganz im Sinne des Filmemachers, der den Protagonisten des zivilgesellschaftlichen Widerstandes von damals mit seinem neuesten Streich eine Bühne bietet, besetzt mit durchaus bekannten Gesichtern.

Schauprozess gegen die linke Szene 1969

Im August 1968 kam es während des Parteitags der Demokraten in Chicago zu massiven Protesten gegen den Vietnamkrieg, die schließlich eskalierten und Hunderte Verletzte, darunter Demonstrant*innen, Polizist*innen und Journalist*innen, zur Folge hatten.

Filmbilder aus The Trial of the Chicago 7

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Im Jahr darauf folgte ein medienwirksam inszeniertes Gerichtsverfahren gegen die zentralen Organisatoren der verschiedenen Protestgruppen, darunter die Students for a Democratic Society und die Youth International Party (kurz „Yippies“). Die frisch ins Amt gewählte Regierung des Republikaners Richard Nixon setzte damals alles daran, Schuldige für die Ausschreitungen von 1968 zu finden und an ihnen ein Exempel zu statuieren.

Der linksliberale Dialoge-Schreiberling

Den Filmemacher Aaron Sorkin kennt man als Meister des rasanten Dialogs und des politischen Kinos. So hat der bekennend linksliberale Sorkin in der Vergangenheit mit spannenden Polit-Serien wie „The West Wing“ oder „The Newsroom“ Aufsehen erregt. Fürs Kino hat er sich in den letzten Jahren aufs Porträtieren großer Persönlichkeiten der Gegenwart spezialisiert, so hat er etwa die Drehbücher zu „The Social Network“ (2010) und „Steve Jobs“ (2015) geschrieben.

Filmbilder aus The Trial of the Chicago 7

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Jeremy Strong als angeklagter Yippie Jerry Rubin

In „The Trial of the Chicago 7“, dem zweiten Film, für den er nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch Regie geführt hat, porträtiert er nun nicht eine einzelne Person, sondern ein historisches Ereignis in Form eines Courtroom-Dramas. Der Gerichtssaal wird zumeist nur für Rückblenden verlassen, in denen die sich aufschaukelnden Proteste 1968 gezeigt werden. Die Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant*innen und Polizei sind teils in spektakulären Bildern inszeniert, teils greift Sorkin aber auch auf Archivaufnahmen zurück, um die damalige Stimmung noch stärker zu transportieren.

Filmpodcast

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Auch der FM4 Filmpodcast widmet sich in der aktuellen Folge ganz dem Film „The Trial of the Chicago 7“.

Glänzendes Starensemble

Der Film dreht sich um die sieben Angeklagten im Prozess, wobei es zunächst eigentlich acht sind. Bobby Seale, gespielt von Yahya Abdul-Mateen II, Mitbegründer der Black Panther Party, ist mitangeklagt, beharrt konsequent auf seinen eigenen, nicht anwesenden Anwalt und scheidet schließlich, nachdem er gefesselt und geknebelt auf die Anklagebank gesetzt wird, aus dem laufenden Gerichtsverfahren aus.

Sacha Baron Cohen spielt den Yippies-Anführer Abbie Hoffman, zunächst gewohnt klamaukig, später überraschend vielschichtig. An seiner Seite steht Kollege Jerry Rubin, wunderbar gespielt von Jeremy Strong. Eddie Redmayne verkörpert als Tom Hayden von den Students for a Democratic Society die andere Seite der Linken. (In einer Nebenrolle tritt auch Michael Keaton in der Rolle des ehemaligen demokratischen Justizministers Ramsey Clark auf.)

Dem gegenüber steht der junge und aufstrebende sowie glatt gebügelte Staatsanwalt und Karrierist Richard Schultz, gespielt von Joseph Gordon-Levitt, sowie ein schurkischer Richter Julius Hoffman (Frank Langella), der in manchen Szenen schon zur Karikatur verkommt und die Verkörperung des US-amerikanischen Unrechtssystems darstellen soll.

Filmbilder aus The Trial of the Chicago 7

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Aaron Sorkin inszeniert „The Trial of the Chicago 7“ als schillerndes Courtroom-Drama, mal aufwühlend, stets aber mit einer großen Portion Humor und Situationskomik. Der Film schafft es, neugierig auf die dargestellten historischen Ereignisse zu machen, und gleichzeitig Parallelen zur gegenwärtigen Politik, speziell mit Blick auf die USA, herzustellen. Es ist aber auch ein Film, der eine immense Energie und Aufbruchsstimmung versprüht und im Kern zutiefst optimistisch ist.

Leider konnte man „The Trial of the Chicago 7“ nur für kurze Zeit in ausgewählten Kinos sehen, seit 16. Oktober 2020 ist der Film auf Netflix.

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