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29.10.20 Yukno haben auf "Im Stream der Zeit" keine Angst vor Pathos

Tim Cavadini

Yukno haben auf „Im Stream der Zeit“ keine Angst vor Pathos

Die Musik klingt nach Club, die Texte mehr nach intelligenten Singer-Songwritern. Bei Yukno kommen zwei Welten zusammen. Jetzt ist die Band mit dem zweiten Album „Im Stream der Zeit“ zurück. Im Interview erklären Yukno, wie sie zu ihren außergewöhnlichen Texten kommen, und warum sie Anglizismen und Pathos gut finden.

Von Felix Diewald

Die Brüder Niko und Georg Nöhrer von Yukno (mit stummem K ausgesprochen) sind eigentlich klassische Schlafzimmerproduzenten. In der Regel arbeiten sie von Zuhause aus an ihrer Musik. Für ihr zweites Album musste allerdings eine neue Strategie her. „Unser Debüt ‚Ich kenne kein Weekend‘ vor zwei Jahren war für uns noch ein Prozess des Sound-Findens“, erzählen Yukno. Ging es damals noch um die Frage, wie das neue Musikprojekt eigentlich klingen will, stand auf „Im Stream der Zeit“ jetzt das Experimentieren im Fokus.

29.10.20 Yukno haben auf "Im Stream der Zeit" keine Angst vor Pathos

Tim Cavadini

Das zweite Album von Yukno, „Im Stream der Zeit“, ist am 23.10.2020 auf Humming Records erschienen.

Zur Ideenfindung reisen die Brüder auf die Insel Sansibar und bauen sich dort direkt am Meer ein Mini-Studio auf. „Wir haben mit den Leuten vor Ort gejammt und geschrieben. So kommt man neue Ideen und macht ganz andere Musik.“

Tiefgründig, aber tanzbar

„Im Stream der Zeit“ ist viel organischer geworden, als man es von Yukno gewohnt ist. Viele Songs klingen mehr nach klassischer Band als nach Produzenten-Duo, analoge Samples kommen verstärkt zum Einsatz und auch das Schlagzeug wurde diesmal meist selbst eingespielt. Trotzdem ist natürlich der für Yukno typische Dancefloor-Einfluss immer noch da. Egal wie tiefgründig der Vibe auf den neuen Liedern ist, tanzen muss man dazu schon auch können. Ebenfalls weiterhin vorhanden: Eine gewisse Nähe zu den großen Gefühlen. „Wir schrecken nicht vor Pathos zurück.“, bestätigten Yukno. „Wir finden das grundsätzlich ganz geil - und auch, dass man sich das ruhig erlauben kann." Ein Beispiel: Der Song „Nie“. Niko und Georg dazu: „Wir wollten das Gefühl eines Bruce Springsteen-Songs einfangen – zwischen Euphorie und Melancholie. Man kann sie gut mitschreien, sie sind sehr kraftvoll und trotzdem einfach in ihrer Konzeption. Dazu einen mehrstimmigen, aufgeblasenen Chor-Refrain, beladen mit Emotion.“

„Montag ist ein guter Tag zum Sterben. Da fängt die Woche grad erst an."

Mit dieser heftigen Textzeile fängt das Lied „Nie“ an. Immer wieder stößt man beim Hören von „Im Stream der Zeit“ auf Sätze wie diese, die hängen bleiben. Wie kommen die Brüder auf solche catchy Songzeilen? Die beiden schreiben ihre Texte auf Whatsapp. Sie schicken sich dort Gedanken hin und her bis es sitzt und diese ganz eigene Yukno-Sprache hat. „Irgendwann stolpert man unbewusst über eine coole Line oder einen Satz und versucht, diesen musikalisch zu verwerten. Wir arbeiten da sehr fragmentarisch und hangeln uns da zu zweit weiter bis wir finden, dass ein stimmiger Song entstanden ist.“

29.10.20 Yukno haben auf "Im Stream der Zeit" keine Angst vor Pathos

Tim Cavadini

Den Zeitgeist in prägnanten Pop-Songs einfangen

Inhaltlich setzen sich Yukno auf „Im Stream der Zeit" mit den Veränderungen der letzten Monate auseinander. „Digitalisierung war schon immer relevant für uns als Thema. Dass durch die Pandemie jetzt so viel ausschließlich im Internet passieren kann, wollten wir musikalisch verarbeiten.“ Dystopische Lieder wie „Digital Playground“ inklusive Sample einer Sekten-Ansprache aus den Achtzigern zeugen davon. Yukno sind gut darin, den Zeitgeist einzufangen und in kurze, prägnante Pop-Songs zu übersetzen. Obwohl es sich hier erst um den zweiten Release von Yukno handelt, hört man den Liedern in Struktur und Aufbau eine professionelle Routine an und ein Verständnis für das, was funktioniert. Kein Wunder: Niko und Georg Nöhrer machen das schon seit sie Teenager sind (damals noch als erfolgreiche Elektropop-Truppe Neodisco).

„Lass uns Pretenden“

Für Yukno typisch: Die vielen Anglizismen, die ganz beiläufig in die poetischen Texte eingestreut werden und eigentlich immer gut reinpassen, obwohl sie oft unerwartet daherkommen. „Wir sind keine deutschen Sprach-Puristen und sagen: Unsere Texte müssen für alle Ewigkeit Bestand haben. Oft machen Anglizismen auch eine neue Bedeutungsebene auf, die man auf Deutsch gar nicht zur Verfügung hat." Das Wort „Pretenden“ etwa, könne man einfach nicht direkt mit Begriffen wie „vorgaukeln“ oder „vorspielen“ übersetzen, erklären die beiden.

Das Gefühl, wenn du nachts in den Himmel schaust

Eine der Singles auf dem neuen Album „Im Stream der Zeit" heißt „Das Leben ist so schön" und ist – anders als der Titel vermuten lässt - ein eher nachdenkliches Lied. Yukno wollten dabei das Gefühl rüberbringen, dass einen überkommt, wenn man nachts in den Himmel schaut. „Diese Nichtigkeit, die Erkenntnis, wie wurscht du eigentlich bist. Man reist auf diesem riesigen Planeten aus Stein durch das schwarze Nichts. Und trotzdem ist dieses Gefühl nicht nur zermürbend, ihm wohnt auch eine schöne Melancholie inne. Das wollten wir mit diesem Song ausdrücken."

Neues Kollektiv mit Oehl & Marco Kleebauer

Ein weiteres Highlight auf der neuen Platte ist „Brumm Brumm:“ Gemeinsam mit der Wiener Band Oehl und Bilderbuch-Produzent Marco Kleebauer als Kollektiv namens „Autodrom" ist ihnen hier eine Hymne auf Eskapismus und das Einfach-Mit-Dem-Auto-Wegfahren gelungen. Egal wohin, Hauptsache weg hier. Es sollen noch weitere Songs dieser neuen Dreier-Kombi kommen, derzeit sei man noch in der Textfindungsphase, die musikalische Umsetzung soll bald folgen.

Yukno haben ihren Sound perfektioniert

Auf „Im Stream der Zeit“ zeigen Yukno, dass sie jetzt genauer wissen, wo sie hinwollen. Während auf dem Debüt einige Textpassagen und Songs noch etwas ungelenk oder out of place wirkten, kommt das zweite Album in einem Guss daher. Das naheliegende, aber gar nicht so einfach umzusetzende Experiment, poetische Gedankenfetzen mit treibenden Bässen zu unterlegen, wurde hier noch einmal perfektioniert. Yuknos Stärke - das waren von Anfang an die knalligen Slogans, Sprachbilder und Punchlines - hier funktioniert es zum ersten Mal auch in einer längeren Erzählung über 13 Songs hinweg.

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