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Boy Pablo sitzt neben einer blühenden Zimmerpflanze am Boden und spielt auf einer Gitarre

Boy Pablo

Wunderkind Boy Pablo

Boy Pablo ist das Indiepop-Bandprojekt von Nicolas Pablo Rivera Muñoz, einem zwanzig Jahre alten Norweger mit chilenischen Wurzeln. Vor drei Jahren wurde Boy Pablo praktisch über Nacht bekannt, als sein Song „Everytime“ via Internet ein Hit wurde. Boy Pablo veröffentlichte weitere Tracks, tourte durch Nordamerika und Asien. Jetzt ist endlich sein erstes komplettes Album erschienen: „Wachito Rico“.

Von Eva Umbauer

Die Songs von Boy Pablo strahlen etwas Magisches aus. Sie haben etwas Naives, Unschuldiges an sich, aber es ist auch unüberhörbar, dass hier ein junger Musik-Profi zugange ist. Die Jahre zuhause im Kinderzimmer, wo Nico Muñoz fast schon manisch seine Kunst perfektionierte, haben sich ausgezahlt.

Nicolas Pablo Rivera Muñoz ist in seiner Familie nicht der einzige musikalische Mensch. Mutter und Schwester singen, Vater und Brüder spielen Instrumente. Esteban, er ist einige Jahre älter als Nico, ist der Tourmanager von Boy Pablo und auch immer wieder als Percussionist mit dabei, neben Sigmund Vestrheim, dem hühnenhaften Schlagzeuger, Eric Tryland, dem hyperaktiven Keyboarder, Henrik Amdal, dem höflichen Bassisten, und Gabriel Muñoz, dem geerdeten Gitarristen, der ebenfalls aus Chile stammt, aber trotz dem gleichen Nachnamen nicht mit Nico verwandt ist.

Alle Bandmitglieder bei Boy Pablo harmonieren prächtig, sind hervorragend eingespielt und eine dichte Einheit, die voller Leichtigkeit Frontmann Nico zur Höchstform auflaufen lässt. Nico Muñoz ist nicht nur der einsame Bedroom-Songwriter, der mit fünfzehn eine Phase hatte, wo er ausschließlich Bon Iver hörte und dann auch einige von dessen Stücken als Coverversionen einspielte, nein, er mag auch durchaus schon einmal die Rolle der - freundlichen - „Rampensau“.

Die Welt liebt jedenfalls Boy Pablo, den jungen Mann, mit dem man Spaß haben, der aber auch tieftraurig sein kann und alles davon in seinen Songs ausdrückt. Covers von Songs anderer spielt er zwischendurch auch gerne.

Der Regen, wenn nur der viele Regen nicht wäre in Bergen in Norwegen, und im Winter die Dunkelheit. Das schlägt Nicolas Pablo Rivera Muñoz schon mal ein wenig auf das Gemüt, aber sonst ist er dankbar, Norweger zu sein, dankbar, dass seine Eltern den Kraftakt des Auswanderns in den 1980er Jahren auf sich genommen haben.

Die Familie wollte weg aus Chile, dem lateinamerikanischen Land, wo damals eine Militärdiktatur errichtet worden war. In Norwegen kannte man jemanden aus Chile, er hatte Arbeit, also dachte man, das könnte ein guter Ort für einen Neuanfang werden. Neuseeland hätte der Familie ebenfalls die Möglichkeit zum Einwandern gegeben, aber man entschied sich schließlich für Nordeuropa.

Boy Pablo sitzt in einem rosaroten Schlafzimmer auf dem Boden und telefoniert

Boy Pablo

Indie aus dem Musikgymnasium

Nico Muñoz selbst wurde in Norwegen geboren. Später besuchte er in der Nähe von Bergen ein privates Musikgymnasium. Die Abgänger*innen dieser Schule widmen sich meist dem Jazz oder der Klassischen Musik. Boy Pablo ist der einzige Indie-Act, der von dort kommt, lacht Nico Muñoz in Interviews.

Bergen ist jene norwegische Stadt, aus der zu Beginn der Nuller Jahre das Duo Kings Of Convenience kam, von dort aus seinen „Quiet is the new loud“-Sound in die Welt hinaustrug. Die Augen von Nico Muñoz leuchten durch die Telefonleitung hindurch, als er FM4 von seiner Liebe zu den Kings Of Convenience erzählt.

Erlend Oye von den Kings Of Convenience ist heute kaum noch in Bergen zu sehen, aber Erik Boe hat eine Band und mit ihr spielt er auch immer wieder. Ansonsten ist Erik Psychologe geworden. Auch Nico Muñoz studierte Psychologie, aber nur kurz - es war dann nicht wirklich das Richtige für ihn, und außerdem musste er ja mit seiner Musik hinaus in die Welt, da wäre für ein Studium ohnehin keine Zeit geblieben.

Nächsten Frühling möchten Boy Pablo ihr Album dann auf einer Europatour präsentieren, aber ob das in der Situation mit Corona tatsächlich stattfinden kann, bezweifelt Nico Muñoz. Er hofft zumindest auf kleine Auftritte in Norwegen und dann im Herbst nächsten Jahres auf eine internationale Tour. Die Songs warten jedenfalls.

Songs wie „I Hope She Loves Me Back“, wo Nico Muñoz sehnsuchtsvoll singt: „My god, she is beautiful.“ Aber, so heißt es weiter: „What if she finds out I’m a loser?“ Nico Muñoz kokettiert nicht, er ist ein Grübler, ist oft schlaflos und denkt dann viel nach. „I wish I could get a break so I can rest up“, heißt es in „Rest Up“, einem weiteren Song.

Druck, nach dem plötzlichen Erfolg mit der verträumten Indie-Hymne namens „Everytime“, verspürte Nico Muñoz aber nie wirklich. Ein wenig schon, sagt er im FM4 Interview, aber gleichzeitig eigentlich gar nicht, denn er tat nach „Everytime“ einfach, was er auch vorher gemacht hatte, Musik machen, komponieren, Songs schreiben und texten.

Draußen mit Gleichaltrigen herumzuhängen und Alkohol zu trinken war sowieso nie so sein Ding, er verbrachte die Zeit lieber drinnen, vertieft in seine Musik, inspiriert von Künstlern wie dem Australier Kevin Parker und seinem Bandprojekt Tame Impala oder eben Bon Iver. Über beide sagt er, dass er ihre Wiedererkennbarkeit so mag, dass sie ihren ganz eigenen Sound haben und mit Falsettstimme singen können.

Im wunderhübschen „Hey Girl“, einer der Singles von „Wachito Rico“, geht es um die erste große Liebe. Solche Songs sind aber nicht nur für Gleichaltrige von Boy Pablo, auch schon ältere Musikliebhaber*innen dürfen diese Teenage-Melodramen begeistern. Entweder weil sie einen so perfekt in die eigene Jugend zurückversetzen oder einfach weil ihr Sound so gut in die Ohren geht. Direkt in das Herz hinein und ein wenig auch in die Beine. Nico Muñoz bezeichnet sich selbst als „alten Romantiker“.

Albumcover mit Motorrad

Boy Pablo

„Wachito Rico“ von Boy Pablo ist bei 777 Music (Rough Trade) erschienen.

Nico Muñoz steht recht gerne auf seinem Skateboard und er tanzt gerne, nicht betrunken in der Disco, sondern Tanz an sich fasziniert ihn, etwa der von frühem Hip Hop beeinflusste Break-Dance, wo sich die Tänzer*innen maßen und der oder die Beste gekürt wurde. Der Titelsong des Albums, „Wachito Rico“, ist davon inspiriert.

Es handelt sich um eine wunderhübsche Block-Party im Boy Pablo’schen Stil. Samt spanischen Worten und Zeilen im ansonsten englischsprachigen Song. Die Worte „wachito rico“ sind chilenischer Slang und stehen für „handsome boy“ oder auch „sexy boy“. Der „wachito rico“ ist ein Alter-Ego für Boy Pablo, dessen Songs von Autobiografischem handeln, aber auch von Fiktivem.

Spanglish

Nico Muñoz wollte immer schon auch auf Spanisch Songs schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. Diesmal ist es ihm so richtig gelungen. Ein Song wie „Te Vas - Don’t Go“ strahlt große Natürlichkeit dabei aus, wie Boy Pablo Englisch und Spanisch miteinander verbindet. „Te Vas - Don’t Go“ ist ein Song in zwei Teilen und das Meisterwerk des Boy Pablo.

Die südamerikanische Konzertgitarre und Nico Muñoz’ reifer Gesang: „Te vas“, singt er - Du gehst. „Por qué?“ - Warum? „Don’t go!“ Der Song ist inspiriert von der Scheidung eines Freundes. Er erfuhr davon eines Abends, konnte daraufhin nicht schlafen, schrieb also den Text, und am nächsten Morgen fügte er die wunderschöne Melodie hinzu.

Boy Pablo findet Schönheit in Einfachem, seine meist balladenhaften Songs spenden Kraft, haben immer etwas von einem kleinen Rettungsanker an sich. Seine Stimme ist verträumt, der Sound und die Produktion strahlen eine wohlige Wärme aus, die Gitarren schimmern, der Bass rollt und die Synthies sind euphorisch. „Wachito Rico“ von Boy Pablo ist ein richtig wunderbares Album, eine kleine popmusikalische Wundertüte von einem riesengroßen Talent.

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