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Nito Souji | Pull Stay

Nito Souji ist ein Hikikomori

Der Japaner Nito Souji lebt seit zehn Jahren isoliert und ohne physischen Kontakt zu anderen Personen in einem kleinen Zimmer in der Wohnung seiner Tante. Seine Erfahrungen hat er nun in einem selbst entwickelten Videospiel verarbeitet.

Von Christian Pausch

Im Jahr 2013 wurde geschätzt, dass über 1,3 Million Japaner*innen - eine große Mehrheit davon sind Männer - vollkommen isoliert leben. Es wurde damals auch vorausgesagt, dass diese Zahl in wenigen Jahren auf 10 Millionen ansteigen soll. Eine unglaublich große Menge in einem Land mit zwar 126 Millionen Einwohner*innen, aber mittlerweile drastisch schwindender Bevölkerungszahl. Auch in anderen Ländern werden immer mehr junge Leute beobachtet, die sich freiwillig isolieren, nicht erst seit Corona.

Buchtipp aus Österreich: der Protagonist in „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flašar ist ein Hikikomori.

Das Phänomen der Heim-Isolation nennt man in Japan Hikikomori, und immer öfter auch NEET (Not in Education, Employment or Training) oder Shut-In. Für Nito Souji sind all diese Begriffe okay. Er lebt bereits seit zehn Jahren abgeschottet vom gesellschaftlichen Leben. Den Arbeitsmarkt in Tokyo und die japanische Leistungsgesellschaft im Allgemeinen beschreibt er als traumatisches Ereignis in seinem Leben und so hat er sich dazu entschlossen, in die Wohnung seiner Tante zu ziehen, um sich vor den zu hohen Erwartungen der Gesellschaft zu verstecken.

Pull Stay

Nito Souji | Pull Stay

Nito Souji in seinem selbst entwickelten Game.

Obwohl dieser Schritt von vielen als Versagen abgestempelt wird, kann man ihn auch als Prävention, als Hilfeleistung sich selbst gegenüber, ansehen. Bedenkt man die hohen Suizidraten unter jungen Männern in Japan, wo ebenfalls oft sozialer Druck und Leistungsdruck als ausschlaggebende Punkte genannt werden, ist das Hikikomori-Dasein so etwas wie ein Rettungsanker.

Angstzustände und Depressionen haben Nito Souji in seinem Großstadt-Leben in Tokyo täglich begleitet, wie er in zahlreichen Youtube-Videos und zuletzt auch in einem Reddit-AMA erklärt. Der Weg in die Isolation war für ihn der einzige Ausweg um zur Ruhe zu kommen und durchatmen zu können. Dass diese Isolation nun schon zehn Jahre dauert, kann Nito Souji oft selbst nicht glauben, denn länger als drei Jahre wollte er so nicht leben.

Sich selbst einzusperren, ein Shut-In zu sein, das kann für eine kurze Phase Regeneration bedeuten und eine Heilung einleiten, aber wenn dieses Verhalten über sechs Monate hinausgeht, wird die Isolation in Japan nicht mehr als heilend, sondern als schlecht für die physische und psychische Gesundheit eingestuft. Studien legen nahe, dass Angst und Stress sich durch die Isolation sogar noch verstärken und ein „Rückkehren“ in die Außenwelt immer schwieriger wird.

Doch auch hier gibt es Lösungsansätze: Hikikomori-Wohngemeinschaften zum Beispiel, wo ehemalige Shut-Ins zusammenleben und die, die schon länger dort wohnen, den Neuzugezogenen helfen, ihre Ängste nach und nach abzubauen. Schwierig ist das nur bei denjenigen, die ihr Hikikomori-Leben gar nicht aufgeben wollen. Nito Souji gibt in Interviews an, dass er sich auf den Tag freut, an dem er es schafft, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Als krank oder gar peinlich empfindet er seinen Lebensstil aber schon lange nicht mehr.

Nicht der Hikikomori ist verrückt, sondern die Gesellschaft in der er lebt.

Ein großer Fehler ist es aber, Hikikomori mit Faulheit gleichzusetzen. Viele NEETs sind auf ihre Weise sehr produktiv, kommunizieren viel über das Internet, lesen, lernen Sprachen und bilden sich auf vielfältige Weise. Nito Souji war ebenfalls nicht untätig: Er hat sein eigenes Computerspiel entwickelt. Durch die hauptsächlich englisch-sprachigen Programmierprogramme und -hilfen hat Nito sich selbst auch noch Englisch beigebracht, ein positiver Nebeneffekt, den er als großes Geschenk ansieht.

Pull Stay

Nito Souji | Pull Stay

Nito’s Game: „Pull Stay“

Die Demo Version kann man auf Steam bereits spielen: Es ist ein klassisches Beat’Em-Up Game geworden. In „Pull Stay“ sitzt Nito Souji selbst in seinem Zimmer und erholt sich von der Welt. Wir müssen als sein ebenbürtiges Roboter-Ich dafür sorgen, dass die Welt auch gefälligst draußen bleibt. Wenn wir das gut machen, baut uns Nito allerlei hilfreiche Werkzeuge. Also verprügeln wir alle, die kommen, um Nito zu stören: die ehemaligen Arbeitskollegen zum Beispiel, aber auch gutaussehende Surferboys, den nervigen Supermarkt-Kassier und allerlei Charaktere aus der Außenwelt.

Toll ist, dass man von jeder*m erledigten Gegner*in einen neuen Move lernt, und Spaß machen vor allem die über 15 ausgefeilten Gadgets, wie zum Beispiel eine riesige Zahnpastatube, auf der man hüpfend die Feinde mit Zahnpasta bespritzen und handlungsunfähig machen kann. Das beste Gadget habe ich bis jetzt nur im Trailer zum Spiel gesehen: eine riesige Fritteuse, aus der man als lebendes Tempura wieder herauskommt.

Buchtipp aus Japan: Dass der Job im Supermarkt auch ein Safe Space sein kann, zeigt Sayaka Murata in „Die Ladenhüterin“.

Durch Crowdfunding hat Nito Souji auf sein Game aufmerksam gemacht, sein Funding-Ziel hat er bereits deutlich überschritten. Dem Plan, dass das Spiel im April 2022 herauskommen soll, steht also nichts mehr im Weg. Und somit wurde auch das eigentliche Ziel erreicht: Nito Souji kann Hikikomori bleiben und muss keinen Teilzeitjob im Supermarkt annehmen, wie es seine Befürchtung war. Vielleicht bringt deshalb die Zerstörung der Supermarkt-Regale am meisten Freude im Game.

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