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Mental Health im zweiten Corona-Lockdown

Morgen tritt österreichweit der zweite Lockdown in Kraft. Im Gegensatz zum Frühjahr ist es draußen kälter geworden, es wird früher dunkel und vielen Leuten geht es psychisch von Haus aus schlechter: Stichwort Winterdepression. Was hilft jetzt, um die psychische Gesundheit zu schützen?

Von Melissa Erhardt

Das schlimme am zweiten Lockdown ist: Wir haben schon einen hinter uns. Sprich: Wir wissen bereits, was uns erwartet. Gerade bei jüngeren Menschen zwischen 20 und 30 hat sich der Lockdown im März laut einer Studie der Uni Wien besonders stark auf die Psyche ausgewirkt. Jetzt kommen andere Faktoren dazu, wie die Vorsitzende des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie, Leonore Lerch, im FM4-Interview erklärt: „Wir hatten erst den Terroranschlag in Wien, der viele Menschen noch zusätzlich verängstigt und verunsichert hat und natürlich ist auch die Situation im Herbst und Winter, dass die Menschen weniger raus können, manche eben auch depressiv auf diese Situation reagieren, ein zusätzlicher Faktor, der sich negativ auf die psychische Gesundheit vieler Menschen auswirken wird.“

Diese Kombination ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die Anfragen nach einer Psychotherapie bei Lerch und ihren Kolleg*innen in den letzten Wochen stark gestiegen sind. Sie gehen davon aus, dass die Anfragen weiter hinaufgehen werden und es sich bisher nur um die „Spitze des Eisbergs“ handelt, denn: Die Auswirkungen dieser Pandemie werden sich erst auf längere Sicht zeigen.

Widerstandsfähigkeit aufzubauen ist schwierig

Aber warum haben wir uns eigentlich noch nicht an die Situation gewöhnt? Immerhin befinden wir uns nun schon fast neun Monate in dieser globalen Pandemie. Die Professorin für Psychotraumatologie an der Universität Wien, Brigitte Lueger Schuster, forscht unter anderem zu Bewältigungsstrategien und Resilienz. Sie sagt, es ist schwer, eine Widerstandsfähigkeit auszubilden: „Durch diese mehrfache Anpassungsleistung, die wir da zu tun haben, dieses Erfordernis, uns ständig an neue Situationen anzupassen und neue Verhaltensweisen zu entwickeln, sind wir konstant herausgefordert. Nochmal was Neues lernen, was Neues erfinden. All das sind Herausforderungen, die das überlagern, was wir bereits können. Wir sind ausgelaugt und ermüdet. Es fehlen uns auch ein bisschen die Ressourcen, die wir in der Sommerzeit, die in der Regel auch Erholungszeit ist, aufbauen. Dazu kommen bei vielen enge finanzielle Verhältnisse, schwierige Wohnverhältnisse, Beziehungen verändern sich. Man hat so viele Probleme konstant zu lösen und mit wenig Ressourcen – das macht sich jetzt bemerkbar.“

„Die Herausforderungen überlagern das, was wir bereits können.“

All das belastet unsere Psyche - und zeigt sich nicht erst bei Depressionen und Angststörungen: Wir reagieren schon auf Kleinigkeiten gereizter, machen uns schneller Sorgen und reagieren ängstlicher als normaleweise. Auch Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Magenschmerzen sind üblich.

Mehr kassenfinanzierte Psychotherapieplätze

Die psychischen Probleme werden laut Leonore Lerch zunehmen. Deswegen müsste die Regierung diese Themen jetzt mehr in den Fokus rücken – und die Bedingungen dafür schaffen, um diese ‚psychosoziale Krise‘, von der viele sprechen, zu meistern. „In Österreich haben wir leider viel zu wenige kassenfinanzierte Psychotherapieplätze im Vergleich zu der Schweiz oder Deutschland. Wir haben ein Drittel der Angebote dieser Länder. Das ist natürlich viel zu wenig, die Menschen müssen lange warten und wenn sie nicht warten wollen oder dringend Hilfe brauchen, müssten sie sich die Therapie selbst finanzieren zu einem Großteil und dazu sind viele nicht in der Lage“.

Neben einer Aufstockung der kassenfinanzierten Psychotherapie-Plätzen braucht es auch niederschwelligere Angebote, da nicht alle in langwierige Therapie gehen müssen oder wollen. Ein Beispiel dafür wären laut Lerch psychotherapeutische Kriseninterventionen: Also Pakete von etwa fünf Sitzungen, die jede Person auf Krankenschein in Anspruch nehmen könnte. Damit könnten zumindest derzeitige Belastung abgefedert werden.

Ja nicht katastrophieren

Was kann man jetzt aber machen, wenn es einem nicht so gut geht? Prinzipiell ist es schwer, allgemeine Tipps zu geben, weil wir uns all ein verschiedenen Situationen befinden: Manche arbeiten sehr viel und müssen auch noch die Familie unter einen Hut bringen, andere kämpfen damit, nichts zu tun zu haben.

Generell helfen aber schon Kleinigkeiten, die mit er eigenen Einstellung beginnen. Brigitte Lueger Schuster empfiehlt, den Tag gut zu strukturieren: „Ich glaube dass es wichtig ist, dass man nicht zu katastrophieren anfangt. Also dass man immer nur daran denkt, wie schlimm das nicht alles ist und wann das ein Ende haben wird. Das führt einen in Depressivität und Resignation.

Wichtig ist von Tag zu Tag sich eine gute Tagesstruktur zu geben. Konsequent aufstehen, konsequent seinen Aufgaben nachgehen, wie immer das auch möglich ist, und konsequent Freizeit machen.“

Leonore Lerch empfiehlt vor allem, auf den eigenen Körper zu hören: „In sich hinein spüren, schauen was brauch ich gerade. Brauch ich mehr Kontakt? Brauch ich Bewegung oder will ich zur Ruhe kommen? Grundlegend ist sich ernst zu nehmen mit den eigenen Gefühlen, die Gefühle zu erlauben. Wir müssen nicht immer stark sein und alles durchhalten. Es ist auch gut sich mal fallen zu lassen, die Ängste und Sorgen, die da sind, zu erlauben, und wenn es nicht mehr geht, sich Unterstützung zu holen.“

Psychotherapie – Worauf achten?

Wenn man sich dazu entschließt, eine Psychotherapie zu besuchen ist es am wichtigsten, auf das eigene Bauchgefühl zu hören: „Die meisten Therapeut*innen bieten Erstgespräche an wo man schauen kann: Passt das gefühlsmäßig? Bei Psychotherapie kann man davon ausgehen, dass der menschliche Kontakt und die Beziehung am wichtigsten ist. Wenn ich mich gut aufgehoben fühle und das Gefühl hab, ich werde wahrgenommen und gesehen, sind das schon gute Voraussetzungen, dass die Psychotherapie gelingen kann.“

Tag der Psychotherapie

Am 20. November findet außerdem der Tag der Psychotherapie statt, wo es österreichweit Online-Veranstaltungen zum Thema Psychotherapie geben wird. Manche Veranstaltungen werden auch auf Instagram gestreamt, mehr Infos zum Programm findet ihr hier.

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