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Laetitia Colombani

Céline Nieszawer

Das Lebenswerk der Blanche Peyron

Laetitia Colombanis erzählt in ihrem zweiten Roman „Das Haus der Frauen“ die Geschichte des ersten Pariser Frauenhauses und seiner Gründerin Blanche Peyron.

Von Ambra Schuster

Paris 1925. Blanche Peyron und ihr Mann Albin sind Offiziere der Heilsarmee. Als solche widmen sie ihr Leben der guten Sache und dem Krieg gegen Armut und Leid. Als Blanche eines Tages ausrückt, um Suppe zu verteilen, trifft sie auf eine obdachlose Frau und ihr Neugeborenes, die hungernd im Schnee liegen. Einen anderen Schlafplatz gab es für sie nicht. Peyron fasst den Beschluss für Frauen wie diese einen Zufluchtsort zu schaffen, koste es, was es wolle.

Laetitia Colombani (im Bild oben) wurde 1976 in Bordeaux geboren, sie ist Filmschauspielerin und Regisseurin. Ihr erster Roman „Der Zopf“ war SPIEGEL-Bestseller und wird verfilmt. Für ihren zweiten Roman „Das Haus der Frauen“ recherchierte Colombani im „Palais de la Femme“ in Paris, einem Wohnheim für Frauen in Not. Laetitia Colombani lebt in Paris.

„Sollen wir das etwa einfach hinnehmen?“, fragt Blanche. „Dieses Kind im Schnee ist unser Kind, all diese Kinder sind unsere Kinder. Wenn wir sie schützen wollen, müssen wir denen helfen, die sie zur Welt bringen. Das hat absolute Priorität.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es ihr und ihrem Mann eine gewaltige Summe an Spenden zu sammeln, mit der sie schließlich ein riesiges, leerstehendes Haus mitten in Paris kaufen. „Palais de la femme“ steht über dem Eingang des prächtigen Jugendstil-Gebäudes, das 1910 im 11. Arrondissement errichtet wurde. Damals war es als Wohnheim für Arbeiter gedacht. 1926 wurde es dann von der Heilsarmee zu einem Refugium für Frauen umgewandelt. Es gilt als das erste Frauenhaus in Paris.

Palais de la Femme: eine alte Postkarte

Gemeinfrei

Postkarte aus den 1920er Jahren (Wikipedia)

Die zweite Ebene: Paris heute

Bis heute ist der „Palast der Frau“ eine Art Sozialhotel für Migrantinnen, Obdachlose und Frauen, die vor häuslicher Gewalt geflohen sind. Im Paris der Gegenwart spielt auch der zweite Erzählstrang von Laetitia Colombanis Roman.

Um das Bewusstsein für die vielen Formen von Gewalt zu steigern, finden von 25. November bis 10. Dezember weltweit die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen statt.

Solène ist erfolgreiche Anwältin und die eigentliche Protagonistin. Als sich einer ihrer Mandanten nach einer Verhandlung vor ihren Augen das Leben nimmt, bricht sie zusammen. Diagnose: Burn-out. Solène sitzt in ihrer schicken Wohnung und ist todunglücklich. Um wieder auf die Beine zu kommen, empfiehlt ihr ihr Therapeut ehrenamtliche Arbeit. Also wird Solène „öffentliche Schreiberin“ im „Palais de la Femme“, wo sie für die Bewohnerinnen einmal in der Woche Briefe verfassen soll.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten findet Solène schließlich ihren Platz und lernt Frauen kennen, die vom Leben gezeichnet sind. Da ist die geflüchtete Frau aus Guinea, die ihre Tochter vor der Verstümmelung retten wollte, die wütende ehemalige Drogenabhängige, der man ihr Kind wegnahm, und die Obdachlose, die vierundfünfzig Mal vergewaltigt wurde. Jede von ihnen kennt Gewalt und Gleichgültigkeit. Alle bewegen sich am Rande der Gesellschaft.

Buchcover: Illustration mit Häusern, Blumen und einem Vogel

S. Fischer

„Das Haus der Frauen“ von Laetitia Colombani ist mit 256 Seiten im Fisher Verlag erschienen. Übersetzt wurde der Roman von Claudia Marquardt.

Pionierin Blanche Peyron

Laetitia Colombani verwebt in ihrem Roman tragische Einzelschicksale mit der Geschichte einer stillen Heldin. Die Heilsarmee-Offizierin Blanche Peyron galt mit ihren Visionen und ihrer Lebensweise damals als „unweiblich“, heute wäre sie gefeierte Feministin. Ihr Lebenswerk wird in diesem Roman zu Recht ins Rampenlicht gerückt, Peyron war Pionierin. Im Vergleich zu Blanche Peyron und den Bewohnerinnen des Palastes, die starke Figuren abgeben, wirkt die Protagonistin Solène oft blass. Die Gutbürgerliche, die im sozialen Engagement ihren Sinn findet, das ist dann doch sehr klischeehaft.

Der Roman lebt von seinem geschichtlichen Hintergrund und ist ein gut recherchiertes, kurzweiliges Plädoyer für mehr Solidarität gegenüber Frauen.

Es ist sicher nicht das Paradies, sagt die Leiterin, als sie Solène zum Ausgang begleitet, aber Frauen haben immerhin ein Dach über dem Kopf. Im Palast sind sie in Sicherheit. Im Durchschnitt bleiben sie drei Jahre, manche sind auch schon ein bisschen länger da. Eine der Frauen lebt seit 25 Jahren hier. Sie sagt, sie sei noch nicht bereit zu gehen. Sie fühlt sich hinter diesen Mauern beschützt.

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