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Clemens J. Setz, mit Schal und Kapuze, vor einem Baum

Clemens J. Setz

Clemens Setz im FM4 Doppelzimmer am 1. Jänner 2021

Der 38-jährige Clemens J. Setz ist ein Ausnahmestern am deutschsprachigen Literaturhimmel. Egal, worüber der Grazer Autor schreibt, es ist für die Leser*innen seiner Bücher immer ein Abenteuer. Am 1. Jänner ist Clemens J. Setz Gast im FM4 Doppelzimmer von 13 bis 15 Uhr und erzählt über Alien-Autopsien, Sprachvereinsamung und die Abkehr vom Vegetarismus.

Von Elisabeth Scharang

Seit einigen Jahren umkreisen Clemens Setz und ich einander, ohne es dabei zu schaffen, in dieselbe Umlaufbahn zu gelangen. Für den Start in das Jahr 2021 schaffen wir es zwar nicht an denselben Ort, aber zumindest zur selben Uhrzeit. Wir treffen einander, er in Graz, ich in Wien, über Zoom. Gerne hätte ich ihn in Graz besucht, aber er pflegt zurzeit seine Mutter und da ist es doch zur riskant, uns persönlich für dieses Gespräch zu begegnen.

Fünfzehn Bücher hat Clemens Setz in den letzten zehn Jahren geschrieben und veröffentlicht. Nicht, dass diese beachtliche Zahl automatisch etwas über die Qualität seiner Literatur aussagen würde, aber bemerkenswert ist es doch. Vor allem, weil die Vielfalt von dem, was der Autor seiner Leserschaft zu erzählen hat, so groß ist.

SPRACHERFINDER teilen sich in zwei Gruppen: Päpste und Programmierer.

Die letzten beiden Wochen war ich abgetaucht in die Welt von Menschen, die Sprachen erfinden. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Zum Beispiel, um sich vor dem Missbrauch der gesprochenen Sprache zu schützen. Die Deutungshoheit von Sprache ist eine heikle Angelegenheit. Und so hatte Karl Blitz, aus dem später Charles Bliss wurde, eine Sprache erfunden und entwickelt, die ausschließlich aus Symbolen besteht. Für ihn ging es um die „reine Bedeutung“ von Sprache und um eine „Heilung der Welt vor der Stimmsprache“, die die Nazis dazu verwendet hatten, Menschen wie ihn zu diffamieren und zu deportieren.

Clemens Setz erzählt in seinem neuen Buch „Die Bienen und das Unsichtbare“ über diese Pioniere der Kunstsprache wie Esperanto, Volapük oder Blissymbolics und webt mich, die Leserin, dabei immer dichter ein in ein Netz aus persönlichen Erinnerungen, Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen wie Kari, die im Rollstuhl sitzt und so gut wie nichts bewegen kann. Für sie ist die Blissymbolic-Sprache, die Charles Bliss erfunden hat, das Tor zur Welt der Kommunikation. Habt ihr euch schon einmal gefragt, was es bedeutet, bei vollem Bewusstsein in einem Rollstuhl zu sitzen und nicht mit der Welt kommunizieren zu können? Das heißt, du wirst nie angesprochen, weil man keine Antwort von dir erwartet, du wirst herumgeschoben wie ein Möbelstück. Niemand fragt, ob und was du möchtest. Niemand fragt nach deiner Meinung.

Wenn du dann das Angebot erhältst, über ein Hilfstool mit der Welt kommunizieren zu können, dann ändert das alles. „Meine Mutter war Ärztin und hat eine Zeit lang in einer Wachkomastation gearbeitet“, erzählt Clemens. „15 bis 20 Prozent der Menschen, die als vegetativ klassifiziert werden, sind bei vollem Bewusstsein und bekommen alles mit, was rund um sie passiert, auch wenn sie es nicht zeigen können. Man hat hier Tests über ein funktionelles MRT gemacht, die das belegen.“ SPRACHLOSIGKEIT bekommt dabei eine völlig andere Bedeutung. Das Lieblingswort von Clemens Setz in Blissymbolics ist übrigens UKULELE.

Clemens J. Setz

Clemens J. Setz

Wir springen in unserem Gespräch von der Sprachinsel auf die Kindheitsinsel und graben dort ein paar Erinnerungen aus: an die Stimme von der Frau, die am Telefon unter 1503 die Zeit ansagte. Die TV-Bilder von Alien-Autopsien, die sich bei Clemens nachhaltig in sein Gehirn gefressen haben. Und die Videospiele, die seine gesamte Freizeit gefüllte hatten, bis er 16 Jahre alt war. „Ich hatte lange Haare, keine Freundin und bis zum meinem 16. Lebensjahr nur Bücher gelesen, die wir für den Unterreicht brauchten. Ich saß vor allem vor dem Computer und hab gespielt. Dann bekam ich starke Migräne und legte eine Zwangspause ein. Mir war unglaublich fad. Ich musste meine Zeit mir irgendetwas füllen. Ein kleines Reclam-Büchlein mit Texten von Ernst Jandl ist mir damals in die Hände gefallen.“

Ich habe 20 Jahre lang als Vegetarier gelebt. Jetzt esse ich vor allem Fleisch.

Aus der Liebe zu den Texten von Ernst Jandl wurde eine Liebe zur Literatur. Die Migräne wurde später abgelöst durch chronische Darmentzündungen, chronische Schmerzen und neurologische Probleme, die die Augen und die Psyche belastet haben. Über Jahre war Clemens Setz damit beschäftig, seinen Körper zu beobachten und zu studieren, nachdem nichts geholfen hatte, was die Ärzteschaft ihm geraten und verschrieben hatte. „Ich habe 20 Jahre als Vegetarier und einen Teil der Zeit vegan gelebt. Durch die ständigen Schmerzen habe ich meine Ernährung schließlich umgestellt und begonnen, wieder Fleisch zu essen. Meine Beschwerden sind daraufhin verschwunden. Heute esse ich viel Fleisch und bin schmerzfrei. Ich mache mich mit dieser Aussage bestimmt nicht sehr beliebt, aber das ist mir ehrlich gesagt egal, solange es mir gesundheitlich wieder gut geht.“

Clemens Setz und Elisabeth Scharang

Radio FM4

FM4 Doppelzimmer am 1. Jänner

13 bis 15 Uhr, darüberhinaus als Podcast (ab 13 Uhr) und für 7 Tage im FM4 Player

Mein Gespräch mit Clemens Setz in voller Länge, also eine extended version, gibt es auch diesmal als Podcast, und den möchte ich euch besonders ans Herz legen.

Für die Radioversion am 1. Jänner 2021 von 13 bis 15 Uhr hat Clemens Setz einen Sound zusammengestellt, der uns am ersten Tag des Jahres begleiten und einen Vorgeschmack auf die Vielfalt des Lebens geben soll:

  • Snarky Puppy mit „Lingus“: Wenn das kommende Jahr so klingt, würde mir das gefallen.
  • Erstes Wiener Heimorgelorchester mit „Song Sad“, in Gedanken an den Sprachkünstler Ernst Jandl.
  • Magnetic Fields mit „Weird Diseases“, über all die Krankheiten, die nicht diagnostiziert werden können.
  • Morton Feldman mit „Rothko Chapel 5“: der perfekte Soundtrack für eine Alien-Autopsie.
  • Geeshie Wiley mit „Last Kind Words Blues“: eine afroamerikanische Bluessängerin, die in den frühen 1930er Jahren nur drei Platten aufgenommen hat, und über die man sonst kaum etwas weiß. Eine Pionierin in der Sammlung von Clemens Setz’ interesting people.
  • Jacob Collier mit „Moon River“: ein außergewöhnliches Stimmentalent und der Lieblingsmusiker von Clemens Setz, dem Obertonsänger.
  • The Screenshots mit „Liebe Grüße an alle“: Liebe Grüße an die Ängste , an das Geld und an die Nerven.

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