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A medical staff shows a dose of the Chinese-made Sinopharm vaccine at a newly established vaccination centre in Belgrade on January 19, 2021

Andrej ISAKOVIC / AFP

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Man bringe das Spritzlein! Tipps für die persönliche Impfentscheidung

Kaum ein Thema polarisiert derzeit so sehr wie die Corona-Impfung. Viele Fragen geistern herum. Wir versuchen, sie im Interview mit Impf-Experten Prof. Dr. Herwig Kollaritsch zu beantworten.

Von Ambra Schuster

Die Impfskepsis ist nach wie vor groß. Im Dezember hat eine Erhebung der Uni Wien ergeben, dass sich nur rund 20 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sicher ehestmöglich impfen lassen wollen. Auch zahlreiche Verschwörungstheorien, die rund um die Impfung kursieren, steigern die Impfbereitschaft nicht gerade.

Tropenmediziner Herwig Kollaritsch am Montag, 11. Jänner 2021, im Rahmen der Präsentation der Sprecherinnen und Sprecher der Initiative "Österreich impft" im Bundeskanzleramt in Wien

APA/GEORG HOCHMUTH

Herwig Kollaritsch ist Universitätsprofessor, Autor von mehr als 400 wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema und Mitglied des nationalen Impfgremiums. Er spezialisierte sich auf Tropenmedizin, Impfwesen, Epidemiologie, und Mikrobiologie.

Inmitten der emotionalen Debatte möchte der Impf-Experte Prof. Dr. Herwig Kollaritsch eine nüchterne Entscheidungshilfe geben. Im Dezember ist deshalb sein Buch „Pro & Contra Corona-Impfung – Tipps für die persönliche Impfentscheidung“ herausgekommen.

Noch einmal knapp zusammengefasst: Was wissen wir bisher über die Corona-Impfung?

Herwig Kollaritsch: Was wir zusammenfassen können ist, dass die Impfungen halten, was sie in den Studien versprochen haben. Natürlich gibt es Impfreaktionen wie bei jeder Impfung. Das heißt, es kann der Arm wehtun oder man kann auch mal ein bisschen Fieber bekommen. Man ist außerdem draufgekommen, dass man bei Allergiker*innen ein bisschen vorsichtiger sein muss, aber das muss man immer sein, wenn man Allergiker*innen impft. Aber abgesehen davon gibt es keine größeren Probleme. Wozu es mittlerweile außerdem viele zusätzliche Daten gibt ist, dass die Impfung offenbar doch über einen längeren Zeitraum schützen dürfte. Wir wissen noch nicht genau wie lange, aber sicher mal für mehrere Monate. Was wir auch wissen ist, dass die Pfizer/Biontech Impfung auch gegen die Mutation B.1.1.7. schützt.

Ich bin jung und habe keine Vorerkrankungen. Warum sollte ich mich impfen lassen?

Herwig Kollaritsch: Wir fühlen uns unbesiegbar solange wir jung sind. Aber das stimmt rein medizinisch nicht. Wenn Sie sich den Altersdurchschnitt auf den Intensivstationen anschauen, liegt der unter 60 Jahren. Das heißt, auch sehr viele jüngere Menschen können sehr schwer erkranken. Abgesehen davon ist die Pandemie aber nicht nur medizinisch ein Problem, sondern sie ist sozial, gesellschaftspolitisch und wirtschaftlich ein riesiges Problem. Das sollten jungen Leute in ihre Überlegungen mit einbeziehen. Es hilft ihnen nicht, wenn sie gesund bleiben, aber sie keinen Arbeitsplatz mehr haben, weil der Gesamtstaat nach wie vor mit der Pandemie zu kämpfen hat. Diese Dinge können durch die Impfung abgefedert werden.

Für viele junge Menschen wäre ein Argument für die Impfung, wenn sie andere dadurch nicht mehr anstecken würden. Schützt die Impfung auch vor der Übertragung?

Cover des Buchs von Herwig Kollaritsch & Silvia Jelincic: Pro & Contra: Corona-Impfung

Edition A

Gemeinsam mit der Journalistin Silvia Jelincic hat Herwig Kollaritsch im Dezember das Buch „Pro & Contra Corona-Impfung – Tipps für die persönliche Impfentscheidung“ herausgebracht.

Herwig Kollaritsch: Ich verstehe, dass Sie diese „Solidar-Haftung“ ansprechen, aber da ist unsere Argumentationsgrundlage noch ein bisschen dünn. Es mehren sich zwar die Hinweise darauf, dass geimpfte Personen das Virus schlechter und kürzer übertragen, aber wir können diesen Effekt noch nicht quantifizieren. Im Moment müssen wir davon ausgehen, dass nur der, der geimpft ist, auch wirklich einen verlässlichen Schutz hat. Aber wenn wir 90 Prozent in der vulnerablen Gruppe erreichen, dann haben wir eigentlich gewonnen.

Könnte man Corona mit der Impfung „ausrotten“?

Herwig Kollaritsch: Nein, zumindest nicht in den nächsten Jahren. Wir können die Erkrankung nur zurückdrängen, aber nicht das Virus. Man darf nicht vergessen, alle unter 16-Jährigen können derzeit nicht geimpft werden, weil die Impfung für sie noch nicht zugelassen wurde, weil es noch nicht ausreichend Studien-Daten gibt. Sie bleiben also ein riesiges Erreger-Reservoir.

Im Titel Ihres Buches sprechen Sie trotzdem auch von einem Contra. Welche Gründe kann es geben, sich nicht impfen zu lassen?

Herwig Kollaritsch: Ein triftiger Grund, sich nicht impfen zu lassen ist, wenn man Grundkrankheiten hat, die eine Impfung unmöglich machen. Es gibt Patientengruppen, wie etwa krebskranke Menschen, bei denen die Impfung problematisch ist. Nicht, weil sie dadurch sehr schwere Nebenwirkungen erleiden, sondern weil die Impfung möglicherweise gar nicht wirkt, weil sie Medikamente bekommen, die die Immunantwort beeinflussen. Und darauf muss man natürlich schon Rücksicht nehmen, das muss eine Einzelfallentscheidung sein.

Sonst kann man auf der Contra-Seite eigentlich nur anführen, dass der Einzelne/die Einzelne natürlich immer seine/ihre Entscheidung selbst überdenken muss. Was ich meinen Patient*innen immer empfehle, ist für sich selbst eine Nutzen-Risikoabwägung zu machen. Welche Probleme die Covid-Pandemie mit sich bringt, weiß mittlerweile jede*r. Jede*r weiß auch, wie sein Risiko ist und jede*r weiß, dass er oder sie erkranken oder eventuell sogar daran sterben kann.

Wo kann man sich für die Impfung vormerken lassen und wann ist wer dran? Das Sozialministerium beantwortet hier die FAQs zur Corona-Schutzimpfung

Gleichzeitig wissen wir, dass die Impfung sehr gut vertragen wird und von seltenen Nebenwirkungen ist eigentlich keine Rede. Natürlich schließt das nicht aus, dass vielleicht irgendwann einmal eine einzelne schwere Nebenwirkung auftritt, von der man nichts gewusst hat. Aber wenn man das gegeneinander gewichtet und den Nutzen der Impfung gegen das Risiko versucht aufzuwiegen, dann muss eigentlich jede*r, der das objektiv betrachtet, sich darüber klar sein, dass die Impfung eine vernünftige Möglichkeit ist.

Es gibt in der EU mittlerweile zwei zugelassene Impfstoffe, den von Pfizer/Biontech und den von Moderna. Ein weiterer von Astra Zeneca ist gerade in Zulassung. Inwiefern sollte der Impfstoff selbst meine Impfentscheidung beeinflussen?

Herwig Kollaritsch: Für alle diese Impfstoffe hat die Europäische Union Lieferverträge abgeschlossen. Es ist aber nicht so, dass sich der/die Einzelne seinen/ihren Impfstoff aussuchen kann. Wenn er oder sie an der Reihe ist, wird mit dem Impfstoff geimpft, der vorhanden ist. Es braucht sich aber niemand Sorgen machen, dass er/sie irgendein minderwertiges Produkt kriegt, nur weil er/sie etwas später mit der Impfung dran ist. Alle drei Impfstoffe sind sehr gut und umfangreich untersucht.

Bei den beiden mRNA Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna sind die Unterschiede marginal. Sie sind ziemlich gleich geartet und ziemlich gleich aufgebaut. Ganz anders von der Technologie her ist der Vektor-Impfstoff von der Firma Astra Zeneca. Bei den mRNA-Impfstoffen bietet man dem Körper quasi den Bauplan des Virus an. Beim Vektor-Impfstoff verwendet man hingegen ein Transport-Virus, eine Fähre quasi, um das Antigene in den Organismus zu bekommen. Es ist also technologisch anders, aber der Effekt ist der gleiche.

Weil sie die großen Studien-Samples ansprechen - an wie vielen Menschen sind die Impfungen vorab getestet worden?

Herwig Kollaritsch: Das ist von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich. Aber bei Pfizer/Biontec waren es ungefähr 44.000 Proband*innen in der Phase-III-Studie. Die Firma Moderna hatte ungefähr 30.000 und die Firma Astra Zeneca bis dato etwa 24.000 Probanden drinnen. Das sind schon gewaltige Zahlen und man kann davon ausgehen, dass man bei so großen Zahlen keine bösen Überraschungen mehr erlebt. Weltweit wurden außerdem schon über 15 Millionen Menschen geimpft, es gibt ständig mehr und noch bessere Daten.

Viele Menschen lehnen die Impfung ab und sagen, sie warten lieber auf ein Medikament. Wie steht es um die Medikamenten-Entwicklung?

Herwig Kollaritsch: Es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten, die derzeit in klinischen Studien getestet werden. Aber es gibt noch keine Ergebnisse. Und sie sind für mich eigentlich keine wirkliche Option. Natürlich ist eine Therapie, die wirksam ist, immer etwas Gutes. Aber eine Therapie bedeutet auch, immer zuerst zu erkranken und dann versuchen zu heilen, was nicht in allen Fällen gelingt. Sich darauf zu verlassen, dass es eine gute Therapie gibt und deswegen z.B. die Impfung zu negieren, ist ein Spiel mit dem Schicksal.

FM4 Auf Laut: Corona-Schutzimpfung – Pro & Contra

Jetzt ist sie also da, die Corona-Schutzimpfung und die Botschaft von Regierung und Mediziner*innen ist eindeutig: Nur sie kann die Pandemie beenden und uns in ein Leben ohne Einschränkungen zurückführen.

Doch neben Hoffnung und Erleichterung tun sich bei Vielen auch große Unsicherheiten und Fragen auf: Wie sicher sind die neuen Impfstoffe und wie genau wirken sie? Laut Umfragen ist derzeit etwa die Hälfte der Bevölkerung bereit, sich impfen zu lassen. Mit der nationalen Infokampagne „Österreich impft“ sollen noch viele weitere motiviert werden.

In FM4 Auf Laut beantwortet Virologin Heidemarie Holzmann von der Meduni Wien alle offenen Fragen zur Corona-Schutzimpfung.

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