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Menschen auf der "Querdenker"-Demo in Berlin im August 2020

APA/dpa/Christoph Soeder

Wie umgehen mit Desinformation und Verschwörungserzählungen?

Wie können wir besser zwischen fake und real unterscheiden und in Diskussionen zu mehr Sachlichkeit kommen? Die Netz-Expertin Ingrid Brodnig gibt in ihrem neuen Buch „Einspruch“ Tipps.

Von Lukas Tagwerker

Jeden Tag neue Informationen. Eine Regierung, die nicht nur beim Kommunizieren viele Fehler macht. Und ein neuartiges Virus, über das es auch unter Wissenschafter*innen heftige Debatten und offene Fragen gibt – die Situation sei ein „perfekter Sturm“ für Verschwörungserzählungen sagen Kommunikationspsychologen.

Ingrid Brodnig

APA/GEORG HOCHMUTH

Ingrid Brodnig

Wie können wir besser zwischen fake und real unterscheiden und in Diskussionen zu mehr Sachlichkeit kommen? Die Netz-Expertin Ingrid Brodnig gibt in ihrem neuen Buch „Einspruch. Verschwörungsmythen und Fake News kontern - in der Familie, im Freundeskreis und online“ Tipps.

Für das Debattieren in Internetforen wird Ingrid Brodnig dabei konkret: Menschen geben leichter zu, etwas Fehlerhaftes geteilt zu haben, wenn sie dabei nicht vor allen ihr Gesicht verlieren. Deshalb empfiehlt es sich, nicht gleich öffentlich für alle sichtbar zu antworten, sondern der betreffenden Person eine private Nachricht zu senden, damit man ihr dabei hilft, eine bereits widerlegte Information selbst richtig zu stellen.

Kognitionspsychologisch neigen wir Menschen grundsätzlich dazu, nicht in unser Konzept passende Fakten tendenziell eher zu ignorieren.

Schutzmechanismen gegen widersprüchliche Information

„Wenn wir Menschen etwas glauben wollen, dann hat unser Denkapparat eine Fülle von Schutzmechanismen parat, die uns vor widersprüchlicher Information – vor kognitiver Dissonanz – bewahren.
Diskutieren wird weniger aufwühlend, wenn man ein sehr klares Bild davon hat, wie faktenresistent Menschen (und zwar wir alle) sind.“

In drei Hauptkapiteln behandelt Brodnig diese drei Bereiche:

  • kognitive Abwehrmechanismen verstehen
  • unfaire rhetorische Methoden erkennen
  • Richtigstellungen effektiv kommunizieren

Differenziertes analytisches Denken, ein Ausstieg aus Schwarz-Weiß-Kategorien und die Rückkehr zu sachlichem Diskurs sind nicht nur durch die politische Krisenlage erschwert. Die gesellschaftliche Spaltung in jeweils „polarisierte homogene Gruppen“ hat mit Psychologie zu tun.

So beschreibt Brodnig, wie stark Werte und Haltungen unsere Fähigkeit zu rationalem Argumentieren beeinflussen: Motivation und Kognition beeinflussen sich wechselseitig.

Wir neigen dazu, einmal gefasste Ansichten mit neuen Informationen immer wieder bestätigt sehen zu wollen und nicht passende Informationen auszublenden: der verbreitete „confirmation bias“.

Menschen auf der "Querdenker"-Demo in Berlin im August 2020

APA/dpa/Christoph Soeder

Menschen auf einer „Querdenker“-Demo in Berlin im August 2020.

Verführerische Verschwörungserzählungen

Verschwörungserzählungen betrachtet Brodnig als Steigerungsform von einzelnen Falschmeldungen, die ein Gesamtmuster ergeben. Das trügerische Gefühl, „alles zu durchschauen“, Kontrolle und Deutungshoheit über die oft komplexe Wirklichkeit voller Grautöne zu erlangen, machen sie verführerisch. Im Gespräch sei es wichtig, nachvollziehbare Motive für Verschwörungserzählungen (wie Unsicherheit, Angst,…) von den Theorien selbst zu unterscheiden und diese dann Schritt für Schritt analytisch zu zerlegen.

„Mir erscheint es ein bemerkenswerter Gedanke, dass es Mühe macht, viele Sachfragen in ihrer Komplexität zu behandeln – und, dass eine Schwarzweiß-Sicht auch die Folge davon sein kann, dass einem in diesem Moment die Kraft für das Betrachten der Graustufen fehlt.
Wenn Sie die Logik eines Arguments prüfen wollen, sollten Sie zuerst analysieren, auf welchen Annahmen ein Argument beruht – was schwingt darin alles mit?“

Um falsche Erzählungen zu korrigieren, hat man grundsätzlich drei Möglichkeiten:

  • Faktenbasierte Korrekturen: Hier wird mit richtiger Information auf eine nachweisbar falsche Behauptung geantwortet.
  • Quellenbasierte Korrekturen: Dabei legt man die Fragwürdigkeit einer Quelle (also einer Person oder einer Organisation) offen.
  • Logikbasierte Korrekturen: Diese machen verständlich, wo ein Argument nicht schlüssig ist.

Im Weiteren widmet die Autorin den häufigsten Logik-Fehlern nähere Ausführungen. Dazu gehören: Voreilige Schlüsse (Trumps Vorschlag, Desinfektions-Mittel einzunehmen wird als Beispiel gebracht), anekdotische Beweise, falsche Vergleiche und unmögliche Ertwartungen

Wer sich für das Gespräch mit Anhänger*innen irriger oder spekulativer Theorien wappnen möchte, der*die braucht allerdings große Geduld und sollte sich vor Untergriffen, Spott und Beschimpfungen hüten, da man sonst Gefahr läuft, nur auf eine verhärtete Front und taube Ohren zu stoßen.

„Das Wichtigste ist, so zu reagieren, dass man nicht noch mehr Widerstände erzeugt.“

Statt emotionsgeladen zu diskutieren, empfiehlt Brodnig „wertebasiertes Diskutieren“, bei dem man sich stark auf die andere Perspektive einlässt und einen gemeinsamen Werteboden findet. Menschen, die sich vor Bill Gates fürchten, könnte man begegnen, indem man ihre Sorge über eine Privatisierung von Gesundheitspolitik durch Multimilliardäre einerseits teilt und andererseits auf Falsch-Informationen in gängigen Verschwörungserzählungen hinweist.

Cover von Ingrid Brodnigs Buch "Einspruch"

Brandstätter Verlag

„Einspruch“ von Ingrid Brodnig ist im Brandstätter Verlag erschienen.

Ambivalent und wenig Rezept-tauglich fällt Brodnigs Unterscheidung zwischen legitimen Fragen und der Troll-Strategie des just asking questions aus:

„Wir alle haben gelernt, dass Fragen ein wichtiges Instrument des Erkenntnisgewinns sind – kritische Fragen sind außerdem ein zentrales Instrument bei der Kontrolle von Obrigkeiten. Es ist aber auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht jede Frage auf Erkenntnisgewinn abzielt.“

Die brisantesten Punkte der Corona-Kontroverse werden ausgespart

Neben einigen praktischen Empfehlungen umschifft Brodnig in ihrem Buch allerdings die brisantesten Punkte der aktuellen Corona-Streitgespräche.

So geht sie auf PCR-Tests nur im Zusammenhang damit ein, dass es um Befürchtungen über einen Kontrollverlust von vermeintlich dabei entnommener DNA geht. Wovor sich eine Betroffene dabei genau fürchtet, kann diese gar nicht sagen und mit dieser diffusen, unbegründeten Angst schließt Brodnig das Kapitel PCR-Tests ab. PCR-Tests werden von kritischen Mediziner*innen aus anderen Gründen thematisiert: Über die Validität als Infektionsnachweis gibt es Streit. Selbst der PCR-Test-Hersteller und Kollege von Christian Drosten, Olfert Landt gibt zu, dass etwa nur die Hälfte der Test-Positiven tatsächlich infektiös seien.

Auch die im Moment sehr stark verbreiteten Theorien über den „Great Reset“ des World Economic Forums und Theorien über digitales Zentralbankgeld bleiben außen vor.

Und wenn als Beispiel für fragwürdige „fake experts“ der von der Tabaklobby angeheuerte Physiker Frederik Seitz erwähnt wird, der die Krebsrisiken beim Rauchen lange verharmloste, dann hätte zur Gänze auch die dahinterstehende PR-Firma genannt werden müssen: Hill & Knowlton Strategies. Die Firma hat u.a. für die Asbest-Lobby, für Scientology und zur Legitimation des zweiten Golfkriegs lügenhafte PR-Spins produziert. Seit Mai 2020 hat sie einen Vertrag mit der WHO zu „effektiver Kommunikation“.

Zu lernen die Welt in Graustufen zu sehen und nicht in Schwarz-Weiß bedeutet also auch mit offenen Fragen und Unsicherheit zu leben lernen, ohne zu voreiligen Schlüssen zu springen.

FM4 Auf Laut: Wie umgehen mit Verschwörungsmythen?

Verschwörungserzählungen haben in Krisen Hochkonjunktur, so auch jetzt in der Pandemie. Auf Demonstrationen gegen Pandemie-Maßnahmen hierzulande oder beim Sturm aufs Capitol in Washington - wie weit sind Verschwörungsmythen in den gesellschaftlichen Mainstream vorgedrungen? Und wie begegnen wir ihnen? Claus Pirschner diskutiert darüber mit dem Historiker Claus Oberhuber, mit der Journalistin Ingrid Brodnig und Anrufer*innen, am Dienstag, 26.1.2021 ab 21:00 auf Radio FM4 und im FM4 Player.

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