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Foto von Theo Haas und Tierra Rigby

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Wie zwei Schüler*innen für bessere Asylgesetze kämpfen

Die Abschiebung von Wiener Schüler*innen nach Georgien und Armenien hat für Wirbel und eine neue Asyldebatte gesorgt. Wir haben mit Theo Haas und Tierra Rigby gesprochen, die mit ihrem Protest die Öffentlichkeit auf die Abschiebung ihrer Mitschüler*innen aufmerksam gemacht haben. Jetzt wollen sie ihre Freund*innen wieder zurück nach Österreich bringen.

Von Conny Lee und Ali Cem Deniz

Abschiebungen stehen in Österreich an der Tagesordnung. Regelmäßig starten Flieger vom Flughafen Wien Schwechat Richtung Tunesien, Irak oder Russland und bringen abgewiesene Asylsuchende in die Länder zurück, aus denen sie geflohen sind. Die Abschiebung der 12-jährigen Tina und ihrer Schwester Lea, aber auch von Sona und ihrem Bruder Ashot wären also für die Behörden ein Routineakt gewesen, wäre da nicht der lautstarke Protest der Mitschüler*innen, die plötzlich neues Licht auf Österreichs Asylpolitik geworfen haben. Die abgeschobenen Schüler*innen, die zum Teil in Österreich geboren und aufgewachsen sind, wurden in die Herkunftsländer ihrer Eltern gebracht. Im Fall von Tina, Lea und ihrer Mutter ist das mit einem massiven Polizeiaufgebot passiert.

"Wenn das gesetzeskonform ist, dann stimmt etwas mit den Gesetzen nicht.“ Mit dieser Kritik hat der 17-jährige Theo Haas, Schulsprecher des Gymnasiums Stubenbastei in Wien, wo Tina bis zu ihrer Abschiebung am 30. Jänner seine Schulkollegin war, aufgezeigt, wie sich die massiven Verschärfungen der Asylgesetze auf das Leben von geflüchteten Menschen in Österreich auswirken.

Die Abschiebungen haben Theo Haas und Tierra Rigby nicht verhindern können, trotzdem wollen sie nicht aufgeben. Jetzt wollen sie ihre Freund*innen nach Österreich zurückbringen und sich für bessere Asylgesetze und -verfahren einsetzen. Wie sie ihre Ziele erreichen wollen, haben sie im FM4 Interview verraten.

Radio FM4: Zunächst eine Frage zu euch persönlich. Die Schulen sind jetzt wieder offen. Wie geht es euch damit?

Tierra Rigby: Also ich war schon in der Schule. Es war sehr ungewöhnlich erstmal, da auch nur die Hälfte der Klasse da ist. Sona war halt auch nicht dabei. Die Stimmung war jetzt auch nicht so der Hammer deswegen. Wir vermissen sie schon und wir hoffen, dass wir sie demnächst bei uns haben. Sie selbst kann jetzt aber zum Glück noch per Online-Unterricht teilnehmen.

Theo Haas: Also ich war heute noch nicht in der Schule. Ich bin erst morgen und übermorgen da und ich freue mich mal wieder Gesichter zu sehen und nicht mehr alle nur über Bildschirme.

Foto von Theo Haas und Tierra Rigby

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Radio FM4: Habt ihr weiter Kontakt mit Sona und Tina?

Tierra Rigby: Ich selbst, also Sona und ich haben persönlichen Kontakt, aber wir haben auch sehr viel Kontakt in der Klasse. Vor den Ferien haben wir uns auch noch in Teams gesehen. Deswegen können wir sie auch fragen, wie es gerade geht, wie wir helfen können, wie der aktuelle Stand ist. Es ist aber leider nicht so gut. Es wird zwar besser, aber sie haben noch Hoffnung, dass sie vielleicht zurückkommen können. Das macht sie schon auch ein bisschen happy.

Theo Haas: Ich persönlich hatte keinen Kontakt mit der Tina, aber ihre Mitschüler und Mitschülerinnen. Natürlich ist sie extrem traurig, dass sie ihre Freunde und Freundinnen nicht sehen kann und dass sie einfach aus ihrem Leben in Österreich gerissen wurde und jetzt auch hier nicht dabei sein kann, wenn die Schule wieder losgeht.

Radio FM4: Theo, du hast kurz nach der Abschiebung gesagt, dass euer Kampf jetzt erst begonnen hat. Wie ist denn der aktuelle Stand?

Für uns ist ganz klar, unser oberstes Ziel ist es jetzt, uns weiterhin dafür stark zu machen, dass die Tina, Sona und ihre Familien möglichst bald wieder in ihr Heimatland, nach Österreich zurückkehren können. Dafür wollen wir uns ganz stark einsetzen und auch dafür sorgen, dass das Thema weiterhin medial präsent bleibt.

Radio FM4: Gibt’s auch viel Gegenwind oder hauptsächlich Unterstützung? Wie empfindet ihr das?

Tierra Rigby: Ich finde, wir haben sehr viel Unterstützung. Es gibt halt ein bisschen Gegenwind. Ich möchte jetzt nicht jemanden angreifen, aber vor allem Innenminister Karl Nehammer und Bundeskanzler Sebastian Kurz sind komplett dagegen und vielleicht auch viele andere, die ihre Partei gewählt haben. Aber sonst kriegen wir sehr viel Unterstützung und dafür sind wir sehr dankbar.

Radio FM4: Seit der Abschiebung von Tina und Sona sind auch andere Fälle bekannt geworden von Schülerinnen und Schülern, denen eine Abschiebung droht. Haben da auch schon andere zu euch Kontakt aufgenommen von anderen Schulen?

Tierra Rigby: Zwei Mitschüler von mir haben eine Instagram-Seite erstellt: Stopp gegen Abschiebung. Da kriegen sie immer Nachrichten von anderen Familien, denen eine Abschiebung droht.

Taufiq ist 17 Jahre alt und ist vor vier Jahren aus Afghanistan ohne seine Familie nach Österreich gekommen. Jetzt droht ihm ein negativer Asylbescheid. Sein Mitschüler Christoph Kornitzer war am 2. Februar in FM4 Auf Laut und hat erzählt, wie es Taufiq geht und wie sie seine Abschiebung verhindern wollen.

Momentan gibt es eben den Fall in Niederösterreich und demnächst könnte Taufiq aus Eisenstadt abgeschoben werden. Da probieren wir auch zu helfen und teilen noch immer die Beiträge. So bekommen wir halt alles mit.

Theo Haas: Es haben sich natürlich auch extrem viele Schüler*innen-Vertretungen aus Wien bei uns gemeldet und gefragt, wie sie uns unterstützen können und was sie tun können. Das hat uns natürlich extrem gefreut, dass es hier so viele Leute gab, denen das Thema auch am Herzen liegt.

Radio FM4: Wieviel Platz nimmt denn das alles jetzt in eurem Alltag ein? Was macht ihr, um eure Freunde wieder zurück nach Österreich zu kommen? Plant ihr weiter Protestaktionen oder seid ihr in Kontakt mit den Behörden? Wie schaut das aus?

Tierra Rigby: Wir selbst können jetzt nicht wirklich mehr machen, als einfach Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema zu ziehen. Wir geben unser Bestes, dass das Thema in den Medien nicht verloren geht, da es sehr wichtig ist und auch endlich wieder, nach der Abschiebung von Arigona Zogaj, diskutiert wird.

Theo Haas: Das ist ein Thema, das sich über die letzten Jahre, über die letzten Jahrzehnte eigentlich fast immer verschlechtert hat. Die Asylgesetze wurden immer verschärft. Jetzt hoffen wir auch, dass es endlich Schritte in die positive Richtung gibt. Wir möchten Impulse setzen, damit hier endlich Handlungen stattfinden.

Radio FM4: Eine Gesetzesänderung steht nicht am Horizont. Trotzdem betonen insbesondere die Grünen, dass sie in Zukunft Abschiebungen in dieser Form verhindern wollen. Wie beurteilt ihr beiden denn die Reaktionen der Politik?

Tierra Rigby: Ich war nicht enttäuscht von der Reaktion von Karl Nehammer. Ich finde es einfach krank, dass nach so einem großen Aufstand sie trotzdem noch alles verneinen und sich dafür einsetzen, dass Kinder mitten in der Nacht einfach abgeschoben werden.

Theo Haas: Dass es keine Gesetzesänderung gab, finde ich persönlich extrem schade. Die letzten Monate haben uns ja gezeigt, besonders in der Coronakrise, dass neue Gesetze über Nacht aus dem Boden gestampft werden können. Besonders jetzt finde ich, dass es auch an der Zeit ist, hier ein neues Asylgesetz aus dem Boden zu stampfen und dafür zu sorgen, dass sich das nicht wiederholt.

Radio FM4: Was habt ihr zwei denn persönlich aus diesen Ereignissen der letzten zwei Wochen gelernt? Was werdet ihr eigentlich daraus mitnehmen?

Tierra Rigby: Also erstens einmal, dass man über Nacht per Social Media etwas Wichtiges wirklich sehr groß machen kann. Aber auch, dass man immer denkt, dass Österreich so ein tolles Land ist und dass wir so entwickelt sind, aber im Endeffekt dann trotzdem Kinder mitten in der Nacht abschieben.

Die Abschiebungen finden wahrscheinlich in der Nacht statt, damit sie nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Aber dieses Mal haben sie die ganze Sache falsch eingeschätzt und bereuen es wahrscheinlich auch gerade, dass sie es irgendwie so heimlich machen wollten.

Theo Haas: Ich persönlich bin einfach wirklich begeistert und es freut mich extrem, dass hier so viele Menschen Solidarität zeigen. Da sehe ich auch ein Fazit, dass es einfach wirklich, wirklich viele Menschen gibt, denen dieses Thema am Herzen liegt und die sich endlich Veränderungen wünschen. Das sind ja nicht nur wir zwei, das freut mich extrem. Diese Energie werden wir nutzen und auch weiterkämpfen für Sona und Tina.

FM4 Interview Podcast mit Theo Haas und Tierra Rigby

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