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Bilder aus dem Comic "Tunnel" von Rutu Modan

Carlsen Verlag

Der Comic „Tunnel“ untergräbt die politischen Grenzen in Israel

Die einen wollen rein, die anderen raus aus dem Westjordanland. Der Comic „Tunnel“ von Rutu Modan untergräbt satirisch die verhärteten Fronten im Nahost-Konflikt in Israel. Ein aberwitziges Abenteuer, das hochpolitisch ist.

Von Paul Pant

Von außen betrachtet sind im Nahost-Konflikt die Frontverläufe oft schwer nachvollziehbar. Befragt man Menschen dazu, die in Israel leben, hört man sehr oft abwiegelnd: „Bitte keine Politik!“, aber manchmal auch den Zusatz, „außer man kann vielleicht einen guten Witz erzählen“. Rutu Modans Comic „Tunnel“ gelingt dieser Spagat, mit viel Witz eine hochpolitische Satire über Israel zu erzählen, das Westjordanland, den Nahen Osten, über Religion, Gesellschaft und auch über Archäologie, das alles mit einer Prise Indiana Jones.

Bilder aus dem Comic "Tunnel" von Rutu Modan

Carlsen Verlag

„Tunnel“ von Rutu Modan ist in der Übersetzung von Markus Lemke im Carlsen Verlag erschienen.

Nili Broshi ist die Heldin des Buches. Sie will das Erbe ihres dementen Vaters, einem renommierten Archäologen, retten. Er hat jahrelang nach der sagenumwobenen Bundeslade gesucht, eine Truhe, die die zwei Steintafeln mit den Zehn Gebote beinhalten soll. Als er fast am Ziel gewesen ist, wurden die Ausgrabungen aber durch die Intifada beendet, dem palästinensischen Aufstand gegen den Staat Israel.

Nili vermutet die Bundeslade in den Palästinensergebieten. Mit ihrem handysüchtigen Sohn und einem zusammengewürfelten Team aus israelischen Archäologen, dem reichen Antiquitätensammler Abuloff, religiösen Fanatikern, Siedlern, israelischem Militär, Glücksrittern und einer Kuh graben sie einen Tunnel in die Palästinensergebiete. Auf der anderen Seite graben indessen junge Palästinenser, sozialisiert zwischen Islamischem Staat und MTV, einen Schmugglertunnel in die Freiheit. Unter der großen Mauer treffen sie aufeinander und müssen einen Plan zur Koexistenz ihrer Vorhaben aushandeln.

Die israelische Illustratorin Rutu Modan hat mit „Tunnel“ ihren bisher politischsten Comic gezeichnet. In ihrer dritten großen Graphic Novel nach „Blutspuren“ (2006) und „Das Erbe“ (2013) zeigt sie ein pointiertes Porträt der israelischen Gesellschaft, mit all ihren Widersprüchen und Abgründen und die schwierige israelisch-palästinensische Nachbarschaft.

Bilder aus dem Comic "Tunnel" von Rutu Modan

Carlsen Verlag

„Tunnel“ lebt aber nicht nur von der gelungenen, abwechslungsreichen Geschichte, sondern auch von seinen lebendigen Figuren. Gezeichnet ist „Tunnel“ in klarer Linie, der sogenannten „Ligne claire“ im Stile Hergés, dessen bekanntestes Beispiel „Tim und Struppi“ ist. Besonderes Augenmerk legt Rutu Modan bei ihren Figuren auf Ausdruck und Bewegung. Bei der Figurenentwicklung treibt es die Künstlerin so weit, dass sie echte Schauspielerinnen und Schauspieler engagiert, die die Szenen für sie nachspielen, damit sie dann lebensecht nachgezeichnet werden können.

Bilder aus dem Comic "Tunnel" von Rutu Modan

Carlsen Verlag

„Tunnel“ ist eine ausgesprochen unterhaltsame Satire über den Status Quo im gelobten und geteilten Land Israel. Ein Comic, der ein Indiana-Jones-Abenteuer in die Jetztzeit katapultiert und dabei die unbesiegbare Hoffnung zeigt, dass alle politischen Konflikte zumindest vorübergehend auf der zwischenmenschlichen Ebene gelöst werden können.

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