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Szenenbild "Big Time Adolescence"

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Die Beschwerden des Erwachsenwerdens

Zwei Coming-of-age-Glanzstücke sind nahezu unbemerkt bei verschiedenen Streaming-Diensten abgelegt worden. In der aktuellen Episode des FM4 Filmpodcast beleuchten wir mit Scheinwerfern der Begeisterung „Big Time Adolesence“ und „How to build a girl“.

Von Pia Reiser

Filmpodcast

Radio FM4

Der FM4 Film Podcast läuft am Montag um Mitternacht auf Radio FM4 und ist auch in der Radiothek verfügbar.

In Wolverhampton ist es hauptsächlich fad. Teenager Johanna (Beanie Feldstein) hat schon alle Bücher der Schul-Bibliothek gelesen und in einem von Elasticas elektrisierenden „Connection“ begleiteten Tagtraum ziehen junge Männer außen am Fenster vorbei und gehen all jenen debil-sexy Posen nach, in denen sonst junge Frauen gern inszeniert werden. Laufen halbnackt durch Sprinkleranlagen, lecken am Eis, zwinkern Johanna lasziv zu. Die Literatur hat Johanna gelehrt, dass Abenteuer für eine junge Frau meistens mit dem Auftauchen eines Mannes beginnen, davon geht sie jetzt - speziell hier eben im faden Wolverhampton - mal nicht aus. Ihre literarische Begabung wird Johanna als Journalistin zu einem Musikmagazin verschlagen, das in „How to build a girl“ den Namen „D&ME“ trägt und ja, das ist Absicht, dass das so klingt wie „NME“.

Szenenbild "how to build a girl"

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Neben dem Erwachsenwerden seiner Teenager-Heldin Johanna erzählt „How to build a girl“ auch von dem Stellenwert und der Überheblichkeit des Magazin-Muskjournalismus der 1990er Jahre. Johanna landet mit Idealismus und Euphorie in der Redaktion inmitten lauter End-Zwanzigjähriger Männer, die den Zynismus mit dem Schöpflöffel geschlürft haben. Sie seien die gatekeeper des pop und da müsse man eben auch viele draußen halten. Und so erfindet sich Johanna neu als Dolly Wilde, die sich nicht nur die Haare färbt, Zylinder und Hot Pants trägt, sondern auch zu einer, deren Texte so vernichtend sind, dass ihr bei einer Veranstaltung von der Musikpresse für die Musikpresse der Award „Asshole of the year“ verliehen wird. Sie hat u.a. Eddie Vedder geraten, sich doch wieder was von Kurt Cobain abzuschauen und sich umzubringen.

Szenenbild "how to build a girl"

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Basierend auf dem autobiografischen Roman und Drehbuch von Caitlin Moran ist „How to build a girl“ eine äußerst verspielte Tragikomödie über Ambitionen, Erkenntnisse und das Herausfinden, wer man eigentlich ist - und die Bedeutung der Hoch- und Popkultur bei Selbstfindungsprozessen. An Johannas Wand hängen Bilder von Liz Taylor, den Bronte-Schwestern, Sylvia Plath und Jo March aus „Little Women“, mit denen Johanna im Dialog steht.

An der Wand von Zeke (Pete Davidson) in „Big Time Adolesence“ hängt DMX, der spricht aber nicht, würde auch kaum zu Wort kommen, da Zeke und seine Freunde meistens damit beschäftigt sind, angestaute Weisheiten an Teenager Mo (Griffin Gluck) weiterzugeben. Auch hier in der Mittelklasse-Vorstadt-Welt von Mo wäre alles fast so fad wie in Wolverhampton, wenn da nicht Zeke wäre. Mit Mos Schwester ist Zeke schon seit Jahren nicht mehr zusammen, doch der bewundernde Blick, den Mo mit 10 Jahren auf den College-Abbrecher mit den grellgelb gefärbten Haaren geworfen hat, ist der gleiche geblieben.

Inzwischen ist Mo auf der High School und hängt am liebsten mit Zeke und dessen Freunden ab, die immer noch ihrer Zeit an der High School nachhängen und jetzt freudig in einem Moment der ewigen Verzögerung festhängen. Bloß nicht das werden, was die Anderen erwachsen nennen. Gelegenheitsjobs, Computerspiele, Bier und Joints sind die Grundpfeiler von Zekes Leben, nicht unähnlich der Figur, die Davidson in Judd Apatows „The King of Staten Island“ gespielt hat. Wer Davidson aber vorwirft, dass er immer nur quasi sich selbst spielt, der übersieht dabei das Wichtigste, nämlich, dass er das wahnsinnig gut macht. (Abseits von der üblichen Rolle als tätowierter und tätowierender Slacker wird man Davidson im Vietnam-Kriegs-Drama „The Things They Carried“ sehen).

Szenenbild "Big Time Adolescence"

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Erstaunlich am Regiedebüt von Jason Orley ist die Unaufgeregtheit des Drehbuchs, das nicht komplizierte Eskalationskonstrukte baut, um die Geschichte von Mos Erkenntnis über fatale Probleme in Zekes Weltsicht zu erzählen. Ein Hauch von Judd Apatow und ein Hauch von John Hughes durchweht gemeinsam mit dem Geruch von Gras „Big Time Adolesence“.

Im FM4 Filmpodcast am 01. März 2021 von 0-1 freuen sich Christian Fuchs und ich über die Schönheit der Tragikomik und des Erfindungsreichtums von „How to build a girl“ und „Big Time Adolescence“.

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