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Buchcover von "Kim Jiyoung, geboren 1982" von Cho Nam-Joo. Abgebildet ist eine gesichtslose koreanische Frau vor einer Skyline

Kiepenheuer & Witsch

Dieser südkoreanische Weltbestseller hat zu riesigen Diskussionen geführt

Die südkoreanische Autorin Cho Nam-Joo schreibt mit „Kim Jiyoung, geboren 1982“ eine bittere Geschichte der Ungleichheit. Nüchtern erzählt sie aus der Lebensrealität einer gewöhnlichen Frau, die aufgrund ihres Geschlechts in der Familie, im Job und in Bildungsfragen benachteiligt wird.

Von Alica Ouschan

Die Woche vom 8. März, dem internationalen feministischen Kampftag ist zwar vorbei, Gleichberechtigung und Frauen*rechte bleiben aber das ganze Jahr über Thema. Und das nicht nur bei uns in Österreich, sondern beispielsweise auch in Südkorea, einem Land, das in Sachen Gleichberechtigung noch sehr viel Spielraum nach oben hat. Dort ist vor fünf Jahren ein Roman erschienen, der die gerade entflammte #MeToo-Bewegung vor Ort zusätzlich angeheizt, für gesellschaftliches und politisches Aufsehen gesorgt hat und noch heute heftig diskutiert wird.

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ wurde mittlerweile in fast zwanzig Sprachen übersetzt und ist zum Weltbestseller geworden. Vor kurzem ist das Buch über die scheinbar gewöhnliche Lebensgeschichte einer ebenso gewöhnlichen Frau, die repräsentativ für eine Mehrheit der weiblich gelesenen Personen in Südkorea steht, auch in der deutschen Übersetzung erschienen.

Normalisierte Ungleichbehandlung

Autorin Cho Nam-Joo erzählt das Leben der 1982 als zweite Tochter eines Ehepaars der Arbeiter*innenklasse geborenen Kim Jiyoung chronologisch nach. Schon als kleines Mädchen erlebt Kim Jiyoung die ständige Benachteiligung gegenüber ihrem jüngeren Bruder als etwas ganz Natürliches. Auch in der Schule gelten für Mädchen andere Regeln als für Jungs und ganz selbstverständlich spart die ganze Familie ihr Geld für den männlichen Sprössling auf, während die jungen Frauen sich alles selbst erarbeiten müssen.

„Während die wohlgeformten Maultaschen, Fleischbällchen und Tofu-Stücke dem Jungen in den Mund geschoben wurden, erhielten die Schwestern kommentarlos nur die zerfallenen Brocken.“

Cover "Kim Jiyoung, geboren 1982"

Kiepenheuer & Witsch/Barbara Thoben

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat 208 Seiten und wurde von Ki-Hyang Lee aus dem Koreanischen ins Deutsche übersetzt.

Auch der Einstieg ins Berufsleben gestaltet sich für Kim Jiyoung um einiges schwerer als für ihre männlichen Kollegen. Alltäglicher Sexismus, die verschiedenen Gesichter sexueller Belästigung und Misogynie prägen das Aufwachsen und Erwachsenwerden der jungen Frau. Kim Jiyoung hinterfragt diese festgefahrenen Strukturen zwar, findet aber keinen Ausweg.

Cho Nam-Joos Roman erzählt von all der Erniedrigung und Benachteiligung, die mit einem durchschnittlichen Leben in der Rolle als Frau in Südkorea einhergehen und wie diese normalisiert und verharmlost wird. In dieser Geschichte findet sich nicht nur eine Mehrheit der Südkoreaner*innen wieder, viele der Erlebnisse beschreiben Erfahrungen die weiblich gelesene Personen auf der ganzen Welt auf die ein oder andere Art erlebt haben.

Unscheinbar und eindrucksvoll

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist das erste südkoreanische Buch seit 2009, das sich allein im eigenen Land über eine Millon mal verkauft hat und aufgrund seiner politischen Message in- und außerhalb Südkoreas derart breit und hitzig diskutiert wurde. Teilweise führte die Geschichte über Kim Jiyoung sogar zur Entladung gesellschaftlicher Spannungen: In der Öffentlichkeit stehende koreanische Künstler*innen mussten Hasstriaden ihrer männlichen Fans über sich ergehen lassen, nachdem sie Cho Nam-Joos Buch öffentlich empfahlen. Zeitungsartikeln zufolge gab es sogar Männer, die Fotos von Künstler*innen verbrannten, nachdem diese sich öffentlich als Kim Jiyoung-Fans geoutet hatten.

Cho Nam-Joos Roman zeigt, welchen Eindruck eine zunächst unscheinbare Geschichte haben kann, wenn sie richtig erzählt wird. Das Buch gilt außerdem als Mitgrund für das Aufleben der Diskussion um Gleichberechtigungsagenden in der südkoreanischen Politik. 2017 hat beispielsweise ein Abgeordneter der südkoreanischen Nationalversammlung alle anderen Abgeordneten mit Exemplaren des Buchs ausgestattet.

Auch der südkoreanische Präsident Moon Jae-in bekam eines ausgehändigt, mit dem Appell, Frauen wie Kim Jiyoung nicht länger zu ignorieren, beziehungsweise aktiv zu diskriminieren und stattdessen auf sie einzugehen. Südkorea ist die zwölftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, in Sachen Geschlechtergleichheit schafft es das Land im Global Gender Gap Report 2020 aber lediglich auf Platz 108 von 153, wobei das immerhin eine Verbesserung von 10 Plätzen seit 2017 bedeutet, wo sich Südkorea noch auf Platz 118 befand.

„Hatte eine Frau Schwächen, kam sie deshalb nicht infrage. War sie brillant, galt sie als Unruhestifterin. Und was sagte man ihr, wenn sie mittelmäßig war? Tut uns Leid, Sie sind zu durchschnittlich?“

Ein Name, viele Gesichter

Die politische Message des Romans wird durchgehend durch Fußnoten und Quellenverweise verdeutlicht, durch die Cho Nam-Joo anhand der Beispiele aus dem Leben von Kim Jiyoung die massive Benachteiligung von Frauen* in Südkorea statistisch belegt. Die Autorin verzichtet dabei auf Umschreibungen und Metaphern und legt alles nüchtern und anschaulich dar, genau so wie es ist. „Kim Jiyoung, geboren 1982“ zeigt, welch enorme Kraft und revolutionäres Potential hinter alltäglichen Geschichten steckt, wenn sie in der breiten, globalen Öffentlichkeit endlich einen Platz bekommen.

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