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Bauernhoftiere gezeichnet

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„Ich bin gerne ein Traktor“

Viele Kinderbücher versuchen, Stadtkindern das Leben am Land näherzubringen. Aber warum werden dafür die Väter zur Verantwortung gezogen? Todor Ovtcharov über seine Erfahrungen mit Büchern über Bauernhöfe.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Hiermit möchte ich mich beschweren, dass in allen Bilderbüchern, die ich mir mit meiner Tochter anschaue, alle Väter entweder ständig Traktor fahren oder einen Traktor waschen. Ich muss jeden Tag das Starten eines Traktormotors nachmachen, danach gebe ich Gas und fange an, den Teppich zu ackern. Das freut meine Tochter, sie springt auf meinem Rücken und ich muss als Traktor die ganze Wohnung pflügen. Dann kommt der - für sie - noch lustigere Teil: das Waschen des Traktors. Ich muss dabei gleichzeitig einen Traktormotor mit dem Mund nachmachen und das Wasser, das aus einem Schlauch rauskommt. Denn als ich ein Traktor war, bin ich matschig geworden. Besonders viel Matsch habe ich in den Ohren. Meine Tochter liebt es mir in den Ohren zu bohren. Ich habe die saubersten Ohren Wiens.

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Wenn ich mich in einen Traktor verwandle, umkreisen mich Herden von Kühen (dabei muss ich laut Muhen) oder Schafen, deren Geräusch ich auch nachmachen muss. Ich bin es so gewöhnt, ein Traktor zu sein, dass ich manchmal die blöden Kühe überfahren will. Aber ich mache es nicht, denn das ist nicht pädagogisch. Kühe muss man respektieren, denn sie geben uns Milch. Nachdem ich die Kuh gemolken habe, kommt das Pferd an der Reihe. Ich bin noch nie in meinem Leben auf einem Pferd geritten, doch laut den Kinderbüchern von meiner Tochter machen das alle gute Väter. Ich bin zuerst der Reiter und dann das Pferd und dann muss wieder durch die Wohnung geritten werden, die ich vorher als Traktor beackert habe.

Ich habe versucht, das Kind für ein Buch über das Sonnensystem zu begeistern. Meine Hoffnung war, dass ihr die kosmische Stille gefällt. Doch es war ihr nicht interessant genug. Ich musste jeden Planeten wieder mit einem Laut aus dem Bauernhof verbinden: Bei Venus war ich ein Hahn, bei Mars ein Schaf und bei Jupiter eine Kuh. Zum Glück ist Pluto kein Planet mehr, denn die Geräusche aus dem Agrarbereich haben sich erschöpft.

Ich erwarte sehnlichst das Ende des Lockdowns, damit wir irgendwo aufs Land verreisen können und meine Tochter lebende Kühe, Pferde und Hühner sehen kann. Ich werde auch irgendeinen Bauern fragen, sie auf seinem Traktor mitzunehmen. Ob sie mich dann in Ruhe lässt?

Ich verstehe, dass diese Bücher den Stadtkindern das Leben auf dem Land zeigen, das sie nicht kennen. Warum müssen dafür aber die Väter zur Verantwortung gezogen werden? Werden Landkindern Bücher über Väter gezeigt, die zum Beispiel in einem Kopierzentrum arbeiten und den ganzen Tag technische Zeichnungen kopieren müssen? Und müssen dann die Väter am Land eine Kopiermaschine nachmachen? Es ist doch leichter ein Huhn, eine Kuh oder ein Schaf zu sein. Ich bin gerne Traktor und ich werde meinen Teppich weiter beackern.

Muuuh!

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