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Szenenbilder aus der Serie "Fosse/Verdon"

Disney+

All that Jazz (Hands)!

And 5,6,7,8: Die fantastische Serie „Fosse/Verdon“ erzählt von der privaten und beruflichen Beziehung von Choreograph und Tänzer Bob Fosse und Broadway-Star Gwen Verdon. Ohne Showbusiness-Binsenweisheiten ist dies eine Studie zweier faszinierender Charaktere. Eine Serie, zu der man tanzen möchte.

Von Pia Reiser

Wenn in Filmen ein Mann mit schütterem Haar auftaucht, der sich die spärlich vorhandenen Strähnen von der einen Seite des Kopfes über die Glatze auf die andere Seite frisiert, dann ist das selten der Held des Films. Vielleicht eine Nebenfigur in Bibliothekar-Form, ein Professor mit Weste und Ärmelschonern und einer dicken Brille. Eines sind diese Figuren nie: Charismatisch oder gar anziehend. Doch dann taucht tänzelnd rauchend Sam Rockwell als Bob Fosse in „Fosse/Verdon“ auf und man liegt ihm zu Füßen. Die Charisma-Wolke, die ihn einhüllt, ja ihm eigentlich sogar vorauseilt, ist noch dichter als die Rauchwolke, die ihn stets umgibt. Die Zigarette im Mundwinkel, sie gehört zum Choreografen, Tänzer und Regisseur Fosse ebenso wie die Selbstzweifel und die Angst vor dem Versagen.

Als er die vernichtenden Kritiken zu seinem Debütfilm „Sweet Charity“ liest, stellt er sich vor, wie er vom Balkon seiner Wohnung in New York springt. Wenn er im Schneideraum zu seinem Film „Cabaret“ verzweifelt, würde er am liebsten alles nochmal drehen. In diesen Phasen der künstlerischen Verzweiflung gibt es nur eine, die helfen kann – und es trotz anfänglicher Proteste auch meistens tut: Broadway-Star, Tänzerin, Schauspielerin und Fosses frühere Ehefrau Gwen Verdon (Michelle Williams). Sie ist bereits ein Star, als sie den aufstrebenden Broadway-Regisseur Fosse - und seine eigene Art des Tanzens - kennenlernt.

Szenenbilder aus der Serie "Fosse/Verdon"

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Bob Fosse hat das Musical erneuert, indem er die Bewegungen der Tänzer*innen neu gedacht hat. Schluss mit reiner Eleganz, Akrobatik oder Eindruckschinden durch Synchronität. Fosse setzt auf sogenannte micromovements. Die Augen und Augenbrauen folgen ebenso einer Choreografie wie die Beine, Handgelenke und Finger stehen bei Fosses Choreografien mehr im Mittelpunkt. Wer sich nur die berühmten jazz hands merkt, hat kein Auge fürs Detail. Geschmeidige Abläufe im Bewegungsapparat sind für Fosse weniger interessant als das, was man mit Gliedmaßen so anstellen kann, isolierend auszustellen. Ein Ellbogen, der nach oben gerecht wird, Knie, die nach innen fallen, gespreizte Finger.

Es sieht moderner aus, als das, was Hollywood als Musicalstandard etabliert hat – und verruchter. Bereits im Alter von 13 tritt Fosse als Teil eines Steptanz-Duos in Nachtclubs und heruntergekommenen Etablissements auf. Die Bewegungen aus dem Varieté, aus den Burlesque-Shows, nimmt er mit an den Broadway und später an’s Filmset. Der Einfluss von Bob Fosse zieht weiter Kreise: Michael Jackson macht den Moonwalk berühmt, doch Bob Fosse macht diese Tanzschritte schon 1974 im Film „Der kleine Prinz“. Die Choreografie im Video zu Beyoncés „Single Ladies“ bezieht sich auf eine Choreografie von Fosse aus dem Jahr 1978. Das ist alles soweit bekannt, die Serie „Fosse/Verdon“ zeigt aber auch, wie groß die Synergie zwischen Fosse und Gwen Verdon war und welchen Einfluss Verdon auf seine Arbeit hatte. Die Serie ist in keinem Moment interessiert an der Inszenierung oller Showbusiness-Binsenweisheiten oder gar an der Mär vom gequälten Genie. Stattdessen erzählt „Fosse/Verdon“ die Geschichte einer Beziehung, beruflich wie privat.

Szenenbilder aus der Serie "Fosse/Verdon"

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Knapp 10 Jahre sind Verdon und Fosse ein Paar, scheiden lassen sie sich auch nach ihrer Trennung im Jahr 1971 nicht und bleiben einander verbunden. In beruflichen Krisen ist Gwen Verdon stets zur Stelle, eben auch im Schnittraum von „Cabaret“, der Film, an dessen Set die private Beziehung zwischen den beiden ihr Ende fand, während Verdon von München nach New York fliegt, um dort das perfekte Gorillakostüm für eine Szene in „Cabaret“ zu finden – und ihn zuvor bittet, sein Verhältnis mit der Dolmetscherin zu beenden, betrügt Fosse sie weiter. Im Schnittraum verzweifelt Fosse dann ausgerechnet an der Szene, in der das Lied „Two Ladies“ zu hören ist. Two Ladies – And I’m the only man – Ja.

„Fosse/Verdon“ ist in Österreich via Disney+ zu sehen

„Cabaret“ – angesiedelt im Berliner KitKatClub kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten – ist alles Andere als ein wonniges Hollywood-Musical. Um den Nachtclub auch wie einen Nachtclub aussehen zu lassen – und da weiß Fosse, wovon er spricht – lässt er die Szenen sehr dunkel und castet in München Prostituierte als Statistinnen. Mit acht Oscars wird „Cabaret“ 1972 ausgezeichnet, davon ahnt Fosse nichts, als er unzufrieden mit seiner eigenen Choreografie – und den deutschen Gorillakostümen – die Dreharbeiten in die Länge zieht und der Filmproduzent bereits tobt. Ist Verdon am Set, läuft alles wie geschmiert. I speak Fosse, erklärt die Tänzerin schulterzuckend.

Das Einnehmende an der Serie ist auch, dass sie nicht versucht, zwei Leben von Geburt bis Tod abzubilden, sondern sich im Grunde auf 20 Jahre vor Fosses Tod im Jahr 1987 beschränkt – und statt chronologisch zu erzählen, zu einer ausgeklügelten Zeitsprung-Choreografie tanzt.

Apropos tanzen: Dafür, dass Tanz das bestimmende Element im Leben von Gwen Verdon und Bob Fosse war, wird in der Serie eigentlich erstaunlich wenig getanzt – vor allem nicht auf Bühnen. Das Rampenlicht ist hier weniger von Interesse als der kreative Entstehungsprozess, und so sehen wir Proberäume und Tanzstudios öfter als Bühnen und Filmpremieren.

Jetzt schon freuen kann man sich auf die Bob Fosse Würdigung im Wiener Gartenbaukino im Frühjahr/Sommer 2022!

„Fosse/Verdon“ ist keine verblendete Heldenverehrung, erzählt auch von Fosse, dem häufig abwesenden Vater von Tochter Nicole, Fosse, dem Trinker, der nachts versucht ins Bett seiner ehemaligen Ehefrau zu klettern, Fosse, der eine Tänzerin bedrängt. Nicole Fosse, das einzige Kind von Verdon und Fosse, ist eine Produzentin der Serie und hat darin vor allem auch die Chance gesehen, die Geschichte ihrer Mutter zu erzählen, denn während Fosses Karriere zahlreich dokumentiert und diskutiert worden ist, gibt es von Gwen Verdon noch nicht einmal eine Biografie. „Fosse/Verdon“ schließt also auch eine Lücke und ist seit langem wieder ein Beispiel für eine Erzählung, die das Serienformat, also die ausgedehnte Erzählung, zu nutzen weiß. Danach will man entweder noch mehr Tanzfilme sehen oder selbst tanzen - oder es langsam angehen und sich mal einfach nur das Hemd bis zum Nabel aufknöpfen.

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