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This picture taken on October 29, 2016 shows Slavi Trifonov performing during a concert as part of his campaigning for a referendum on political issues in Sofia

NIKOLAY DOYCHINOV / AFP / picturedesk.com

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Wie der Musiker und TV-Star Slawi Trifonow ins bulgarische Parlament einzog

Nach dem Rausch kommt immer der Kater: Die meisten Wähler*innen von Trifonow kennen sein politisches Programm nicht. Sie haben ihn gewählt, weil sie seine Talkshow kennen.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Es regnet stark. Auf dem Rücken einer Harley, eskortiert von den Hell’s Angels, von hinten umarmt von einer leicht bekleideten Schönheit, kommt ein glatzköpfiger, fast zwei Meter großen Mann mit Sonnenbrille auf die Bühne. Feuerwerke erleuchten den nächtlichen Himmel. Ein klassisches Symphonieorchester spielt „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, das langsam in den für diese Band typischen Volks-Rock übergeht.

Das Publikum ist in Ekstase. Gehüllt in bunte Regenjacken werden die zehntausenden Fans im Nationalstadion in Sofia zu einem Ganzen, das für zwei Stunden vergisst, dass sie morgen die Kreditraten und den Kindergarten ihrer Kinder zahlen müssen. Deshalb vergöttern sie diesen Glatzkopf. Er heißt Slawi Trifonow und hat sich nach den Wahlen am letzten Sonntag in die bulgarische Politik katapultiert. Er gründete seine Partei vor circa einem Jahr, heute ist sie die zweitstärkste Kraft im Parlament.

Fast 30 Jahre lang ist der glatzköpfige Moderator und Musiker bereits ein fester Bestandteil der bulgarischen Fernsehlandschaft. Er studiert Bratsche am Konservatorium und beginnt seine Karriere in einer studentischen, politisch-satirischen Sendung Anfang der 1990er Jahre. Seit dem Jahr 2000 moderiert er eine tägliche Late Night-Talkshow zur Primetime auf einem der größten, privaten Fernsehsender. Eine ganze Generation ist mit ihm, mit seinem oft vulgären Humor, seiner machohaften Welteinstellung und seiner quasi patriotischen Musik aufgewachsen. Genau diese Generation der heute unter-30-Jährigen wählte mehrheitlich seine Partei, die fast 18% bei den Wahlen bekam.

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Die meisten Wähler*innen von Trifonow kennen sein politisches Programm nicht. Sie haben ihn gewählt, weil sie seine Talkshow kennen. Viele erwarten jetzt, dass sich die Rhetorik dieser Show auf das Parlament überträgt. Slawi Trifonow forderte das Volk auf, mit den Politikern und mit allen „da oben“ abzurechnen und die politische Elite auszutauschen. Jetzt ist er selbst Politiker. Die nächsten Schritte von ihm und von seiner Partei sind unklar. Seine politische Ansichten sind eine Mischung von Nationalismus, Populismus und wirtschaftlichem Opportunismus. Genau diesen Cocktail aus Träumen wollen seine Wähler*innen verwirklicht sehen. Doch nach jedem Rausch, sogar nach dem Rausch von Hoffnungen und Träumen, kommt auch einen Kater.

In seiner Sendung leugnete Trifonow seit einem Jahr die Corona-Pandemie. Nach den Wahlen am Sonntag hat sich der große Wahlsieger noch kein einziges Mal öffentlich geäußert, da er meinte, er habe Covid-Symptome. Das sorgte für Irritationen beim Wahlvolk. Trifonow wettert ständig gegen die Eliten und die „Großmächte“, doch in seiner Biographie findet man viele Zusammenarbeiten mit den Halbstarken des Tages, darunter auch mit Vertretern des organisierten Verbrechens. Er weinte auf Sendung um einen erschossenen Drogenbaron, einen persönlichen Freund von ihm.

Trifonow, das Gesicht der bulgarischen Konsum-Seilschaften, ist ein Selfmademan, der aus der tiefsten bulgarischen Provinz kam, um die politischen Höhen zu besteigen. Wenn der das kann, kann ich es auch, denkt sich seine Wählerschaft. Trifonow ist nicht der Erste in Europa, der den Sprung vom Showbusiness in die Politik wagt. Bis jetzt fehlt es aber an vielen positiven Beispielen. Interessante Zeiten kommen jetzt auf Bulgarien zu. „Mögest du in interessanten Zeiten leben“, sagt ein altes Sprichwort. ​

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