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Das Buch „Klasse und Kampf“ denkt die Klassenfrage neu

Der Klassenbegriff erlebt aktuell ein Revival in der politischen Diskussion. In „Klasse und Kampf“ beschäftigen sich 14 Autor*innen aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Klassenfrage, und zwar nicht aus wissenschaftlicher Sicht, sondern durch autobiografische Erlebniserzählungen.

Von Alica Ouschan

Die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht und wie sie das Vorankommen in unserer Gesellschaft beeinflusst, wird oft vor allem dann thematisiert, wenn es um Bildung geht. In aktuellen Büchern wie „Generation Haram“ von Melissa Erkurt oder „Adas Raum“ von der Autorin und Aktivistin Sharon Dodua Otoo, geht es darum, wie Faktoren wie Armut, Herkunft oder Geschlecht im Hinblick auf die soziale Klasse und Bildungs-, sowie Aufstiegschancen zusammenhängen.

„Was heißt es in Armut aufzuwachsen? Prekär beschäftig zu sein? Den Pflegenotstand auszuhalten? Ein ungerechtes Bildungssystem ertragen zu müssen?“ (Christian Baron)

Maria Brankow, Lektorin bei den Ullstein Buchverlagen und der Journalist und Autor Christian Baron haben nun ein Buch herausgegeben, wo sich 14 Autor*innen aus Deutschland mit ebendiesen Fragen beschäftigen. „Klasse und Kampf“ ist keine wissenschaftliche Essay-Sammlung, sondern eine literarische Sammlung von Texten zum Leben und Sterben im Kapitalismus.

Der Mythos der Chancengleichheit

Die größte Gemeinsamkeit der Autor*innen ist wohl, dass sie sich durch ihren hart erarbeiteten Erfolg im Literaturbetrieb den vermeintlichen Platz in einem neuen, höheren Milieu erkämpft haben. So richtig angekommen sind sie in diesem, von Mittelschicht und Akademiker*innen geprägten Diskurs aber nicht. Und das hat unterschiedliche Gründe. Die vierzehn autobiografischen Erzählungen beleuchten ihre Erlebnisse und die damit verschränkte Klassenfrage aus den unterschiedlichsten Perspektiven.

Angefangen mit Arno Frank, Sohn eines Betrügers und einer Busfahrerin, der nachts in einer Fabrik arbeiten muss, um sich tagsüber sein Leben als Student finanzieren zu können, über Anke Stelling, deren Schwiegermutter sich als Hausfrau und Krankenschwester wortwörtlich zu Tode geschuftet hat. Von Lucy Fricke, die mit sechzehn obdachlos wurde und mit Mitte vierzig zum ersten Mal einen fünfstelligen Kontostand hatte, bis hin zum Goldenen-Zitronen Sänger Schorsch Kamerun, der messerscharf analysiert, wie sich die Zugehörigkeit zu einer Klasse in einem Land verschoben hat, das einem vorgaukelt, alles erreichen zu können, wenn man nur bereit ist, genug zu leisten.

Dieser Mythos wird erst durch die Erlebniserzählungen greifbar und nimmt durch sie eine reale Gestalt an. Nicht selten geht es um den Moment im Leben, wo die Selbsterkenntnis des eigenen sozialen Mileus einem wie ein Licht aufgeht, weil etwa den Schulfreund*innen und Kommiliton*innen alles in den Schoß zu fallen scheint und sie finanziell abgesichert sind, während man selbst andauernd ums Überleben kämpfen muss. Das Gefühl, sich durch Leistung, Fleiß, harte Arbeit und Bildung, den hart erkämpften Platz im „neuen“, höheren Milieu doch nur erschlichen zu haben, und sich nirgendwo richtig zugehörig zu fühlen, zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch und wird in vielen der Texte immer wieder angesprochen.

„In bürgerlichen Räumen, wo mir bisweilen gesagt wird, meine Sprache sei ‚einfach‘ fühle ich mich unwohl. In den Räumen meiner Herkunftsklasse fühle ich mich ebenso fremd. Aus dem Englischen gibt es dafür den Begriff ‚Straddler‘: Mit einem Fuß in der einen Klasse, mit dem anderen in der anderen.“ (Francis Seeck)

Dieses fehlende Zugehörigkeitsgefühl, in wie viele Richtungen es gehen kann, und dass die Klassenfrage nicht unabhängig von Gender oder Race diskutiert werden kann, wird vor allem in den Texten von Pinar Karabulut, Olivia Wenzel, Sharon Dodua Otoo und Kübra Gümüşay deutlich. Hier wird die Frage nach der sozialen Herkunft um mehrere Komponenten erweitert: „Sex, Gender, Race und all die anderen Kategorien. Es ist sehr facettenreich und sie überkreuzen sich an vielerlei Schnittpunkten. Ich glaube, was dieses Buch versucht, ist diese Schnittpunkte zu verdeutlichen und die Überkreuzungen dieser unterschiedlichen Konfliktlinien und Gräben sichtbar zu machen. Aus unterschiedlichsten Perspektiven und das ist es, was uns alle zusammenbringt. Gleichzeitig macht es auch sehr deutlich, wie schwierig es ist, über dieses Thema zu sprechen, eben weil so viele Perspektiven bestehen", sagt Kübra Gümüşay in der Buchbesprechung von „Klasse und Kampf“.

Klasse und Kampf, herausgegeben von Maria Barankow und Christian Baron ist im claassen Verlag erschienen und enthält Beiträge von: Christian Baron, Martin Becker, Bov Bjerg, Arno Frank, Lucy Fricke, Kübra Gümüşay, Schorsch Kamerun, Pinar Karabulut, Clemens Meyer, Katja Oskamp, Sharon Dodua Otoo, Francis Seeck, Anke Stelling und Olivia Wenzel.

Ein Querschnitt der Vielfalt

Wer auf der Suche nach Zahlen, Daten und Statistiken, sowie theoretische Herleitungen ist, wird in „Klasse und Kampf“ nicht fündig. Die Erzählungen haben das aber gar nicht nötig: Sie bilden viel mehr einen authentischen Querschnitt der Vielfältigkeit der Klassenfrage in der heutigen Gesellschaft eines westeuropäischen Landes ab. Außerdem sind die Geschichten immer so höchstpersönlich, wie politisch und treffen damit genau den richtigen Nerv zwischen emotionaler Erzählweise und knallharter Realität.

„Über Geld nicht reden zu müssen ist ein Privileg, das sich viele von uns einfach nicht leisten können.“ (Sharon Dodua Otoo)

„Klasse und Kampf“ bietet keine Lösungsvorschläge für den Ausweg aus der kapitalistischen Klassengesellschaft. Das Buch schafft vor allem Bewusstsein für die Existenz der Menschen, die im toten Winkel der Gesellschaft aufwachsen und verdeutlicht die Konsequenz dieser Lebensrealitäten, ohne dabei auf komplexe Begrifflichkeiten zurückgreifen zu müssen. “Klasse und Kampf“ ist ein modernes Manifest, das die unsichtbaren Klassenunterschiede im Kapitalismus sichtbar macht.

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