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Julia Phillips

Nina Subin

Julia Phillips schreibt über die Frauen von Kamtschatka

Julia Phillips wollte schon als Kind Schriftstellerin werden. Ebenso früh begeisterte sie sich auch für Russland. Während ihre Freund*innen begannen, auf Musik zu stehen und zu Konzerten zu gehen, vertiefte sie sich in die russische Sprache. Später verbrachte sie einige Zeit auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, wo der Gedanke heranreifte, in einem Roman über die Halbinsel und vor allem ihre Frauen zu schreiben.

Von Eva Umbauer

„Sofija stand barfuß, ohne Sandalen, am Ufer. Das Meer kroch näher, als wollte es ihre Zehen verschlucken. Graues Salzwasser auf heller Haut. ‚Geh nicht weiter rein‘, sagte Aljona. Das Wasser zog sich zurück. Aljona sah, wie die angeschwemmten Kieselsteine unter den Füßen ihrer Schwester die Wölbung der Fußsohle ausfüllten. Sofija bückte sich, um die Hosenbeine hochzukrempeln. Auf den Waden schorfige Spuren von aufgekratzten Mückenstichen.“

Es ist August, als Sofija und Aljona verschwinden, die beiden Golosowskaja-Schwestern. Die zwei Mädchen bzw. jungen Frauen vertrieben sich ein wenig die Zeit am Strand bei Petropawlowsk, der Hauptstadt von Kamtschatka, während ihre Mutter, Marina, eine Journalistin, noch in der Arbeit in der Redaktion ist. Sie wollten zum Abendessen daheim sein. Aber sie sind wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht ist einfach das Stück Erde, auf dem sie gerade noch gestanden sind, im Meer verschwunden, wie in einer alten Geschichte, wo eine ganze Ortschaft mitsamt den Menschen im Meer versunken ist. Eher nicht. Irgendwo müssen Sofija und Aljona sein, nur wo bloß?

Ganz im Osten von Russland befindet sich die Halbinsel Kamtschatka, ein Gebiet in etwa so groß wie Kalifornien. Bis Anfang der 1990er Jahre war Kamtschatka militärisches Sperrgebiet. Über den Landweg ist Kamtschatka meist gar nicht erreichbar, sondern nur via Meer oder Luft. Landschaft und Natur auf Kamtschatka sind grandios - mit Vulkanen und heißen Quellen. Es gibt wilde Tiere wie den majestätischen Kamtschatka-Grizzly-Bären, welcher von Menschen wie James Hetfield von der Band Metallica mit Eifer gejagt wird. Pfui.

Die Auswirkungen des Tourismus auf Kamtschatka untersuchte die US-Amerikanerin Julia Phillips vor über zehn Jahren auf der Halbinsel; ein Stipendium ermöglichte der jungen US-Amerikanerin die Reise und den Aufenthalt. Julia verliebte sich in Kamtschatka und seine Menschen, besonders in die Frauen dort. So entstand die Idee, dass der Roman, den sie schon seit ihrer Kindheit schreiben wollte, von ihnen handeln sollte. Julia schrieb zehn Jahre lang an diesem Roman.

„Seit sie nach Petropawlowsk gezogen war, erinnerte er sie ständig daran, wie leicht ein Mädchen dort auf die schiefe Bahn geraten konnte. Seine Warnungen wurden noch eindringlicher, als die Geschichte der Golosowskaja-Schwestern ihr Dorf dreihundert Kilometer weiter im Norden erreichte.“

Buchcover: Zwei Frauen gehen auf eine Bergkette zu

dtv

„The Disappearing Earth“ von Julia Phillips ist in der wirklich guten deutschen Übersetzung von Pociao und Roberto De Hollanda als „Das Verschwinden der Erde“ bei dtv erschienen.

Sie ist Ksjuscha und studiert an der Universität der kamtschatkischen Hauptstadt Petropawlowsk. Ksjuscha komt aus Esso, dreihundert Kilometer weiter nördlich, und ist Ewenin. Die ewenische Bevölkerungsgruppe gehört zur Urbevölkerung auf Kamtschatka. Die weißen Einwohner*innen sind Russ*innen und vor allem durch den Militärstützpunkt auf die Halbinsel gekommen. Ksjuscha steht zwischen zwei Männern, einem russischen und einem ewenischen. Letzterer ist Volkstänzer. Ersterer ist eifersüchtig und kontrolliert Ksjuscha, aber er ist für den gesellschaftlichen Status gut.

In dreizehn Geschichten lernen wir Frauen wie Ksjuscha kennen, Zoya, Alisa, Natascha, Marina, Mila und Anfisa. Die meisten von ihnen sind vom Schicksal nicht gerade gut behandelt worden, sind desillusioniert, in der Gesellschaft, die eine patriarchale ist. In jedem neuen Kapitel treffen wir auf eine weitere Frau. Der rote Faden durch alle Kapitel sind die verschwundenen Mädchen, Sofija und Aljona. Schon einmal ist eine junge Frau verschwunden, die Studentin Lilja, die der ewenischen Minderheit angehörte.

"Ksjuscha klimperte auf ihrer Gitarre, statt ihre Hausaufgaben zu machen, als Alisa nach Hause kam. Im stumm geschalteten Fernseher sah man die Porträts der Golosowskaja-Mädchen, bevor ihre Gesichter von einer Kurve fallender Ölpreise ersetzt wurden. ‚Was glaubst du, wo sie sind‘, fragte Alisa. Ksjuscha zupfte ein paar Saiten. ‚Wer?‘ - ‚Diese Schwestern. Glaubst du, dass sie noch am Leben sind? Irgendwo?‘

Die Frauen in „Das Verschwinden der Erde“ kennen einander nicht immer, haben aber doch auf eine Weise miteinander zu tun. Manchmal ist das etwas verwirrend, aber ergibt doch immer wieder Sinn. Letztlich sind diese Frauen eine Gemeinschaft mit riesengroßer Stärke.

Julia Phillips hatte das erste Mal von Kamtschatka gehört, als der Russischlehrer in ihrer Highschool-Klasse sagte: „Hey, was macht ihr da hinten in Kamtschatka!?“, was ein Synonym für einen sehr, sehr weit entfernten Ort ist. Julia Phillips stellt sich nie über die Personen in ihrem Roman, urteilt nicht über sie und ihre Probleme. „Das Verschwinden der Erde“ von Julia Phillips ist ein wunderschöner, melancholischer, feministischer Roman über eine quasi geschlossene postsowjetische Gesellschaft, mit Themen wie Generationskonflikte, Korruption, Benachteiligung - ja, Rassismus - gegenüber der indigenen Bevölkerung, die grandiose Natur, Traditionen und das moderne Leben.

„Einmal wachte sie mitten in der Nacht auf, ohne zu wissen, warum. Durch das Rauchloch der Jurte schien der Mond auf sie herunter. Ein Meter von ihr entfernt atmete ihr Bruder, damals noch ein pummeliger Schuljunge. Die Kohle in der Herdstelle knackte. Die Kohle war schwarz, knisterte aber noch. Das Geräusch wurde lauter. Erst nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass es nicht von der Feuerstelle stammte, sondern dass draußen vor der Jurte die Rentiere vorbeizogen.“

Aber wo sind Sofija und Aljona? Wo sind sie bloß geblieben?

"An diesem Ort, ganz weit draußen, ist das Wasser warm. Wale, Delfine und ein freundlicher Krake. Die Leute warten und warten, dass jemand sie rettet. Dann sagt einer: ‚Es wird allmählich Zeit zu schwimmen.‘

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