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Chloe Zhao

Reuters/Chris Pizzello

„Nomadland“ ist der große Gewinner einer geschichtsträchtigen Oscarnacht

Die 93. Verleihung der Oscars ist eine für die Geschichtsbücher. Chloé Zhao gewinnt als zweite Frau den Oscar für die beste Regie, „Nomadland“ wird bester Film und Frances McDormand beste Hauptdarstellerin. Bei den Nominierten wurden bereits im Vorfeld neue Diversitäts-Maßstäbe gesetzt, von der Oscarnacht selbst bleibt eine fragwürdige Inszenierung übrig.

Von Philipp Emberger

Die sino-amerikanische Regisseurin Chloé Zhao galt im Vorfeld mit ihrem Roadmovie „Nomadland“ als große Favoritin. Diesen Erwartungen sind sie und ihr Film gerecht geworden. Zhao schreibt Geschichte und wird nach Kathryn Bigelow die zweite Frau, die den Regie-Oscar mit nach Hause nimmt. „Nomadland“ gewinnt dazu noch als bester Film und Frances McDormand für ihre Rolle als Fern in „Nomadland“ ihren dritten Oscar als beste Hauptdarstellerin. „Nomadland“ erhält damit drei wichtige Preise und ist der erste Film, bei dem eine Women of Colour Regie geführt hat und der als bester Film ausgezeichnet wurde.

Ansonsten haben „Mank“, „Judas And The Black Messiah“, „Sound of Metal“, “Ma Rainey’s Black Bottom”, „Soul“ und „The Father” je zwei Preise gewonnen. Für seine Hauptrolle „The Father“ wurde Anthony Hopkins als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Die größte Frage im Vorfeld der Oscars war dieses Jahr aber gar nicht so sehr, wer die Preise entgegennehmen wird, sondern viel mehr, wie die Preisträger*innen die Preise entgegennehmen werden. Die pandemische Situation hat sich auch der Academy aufgedrückt und für Änderungen gesorgt.

Oscars like never before

Nach dem eher mittelmäßig gelungenen Zoom-Einsatz bei vorangegangen Verleihungen gab es bei den Oscars bis auf wenige Ausnahmen ein komplettes Zoom-Verbot. Stars, die nicht in die USA einreisen konnten/durften, waren an verschiedenen Standorten wie Paris, London oder Sydney zugeschaltet. In Los Angeles selbst gab es aber sogar einen roten Teppich, der aber entschleunigter und weniger bevölkert war als üblich. Zu den Kleidern passende Mund-Nasen-Schutzmasken waren ein Novum (honorable Mention für Zendaya). Der lässigste Star auf dem roten Teppich war gleichzeitig der kleinste – der 9-jährige Schauspieler Alan S. Kim („Minari“) hat seinen Auftritt genossen, Spaß gehabt und kurze Hosen samt Sakko gerockt. Fashionista von morgen.

Regisseur Steven Soderbergh hatte für die 93. Verleihungen der Oscars große Ambitionen. Soderbergh wollte den Filmpreis visuell selbst in einen Film verwandeln. Verwunderlich, dass es für dieses Vorhaben nur 92 vorangegangene Ausgaben gebraucht hat. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Soderbergh auch heftig an der Verleihung gerüttelt. Die Auftritte der Nominierten in der Kategorie bester Filmsong wurden in die Pre-Show ausgelagert, die Reihenfolge der prämierten Kategorien wurde geändert. Das hat auch gleich für einiges an Verwirrung gesorgt, denn die wohl wichtigste Kategorie bester Film war so nicht wie bisher der krönende Abschluss des Abends. Die beiden Preise für die beste Hauptdarstellerin und den besten Hauptdarsteller markierten den Schlusspunkt, der aber wenig glamourös war.

Zur bereits bekannten Kulisse des Dolby Theaters ist in diesem Jahr noch das Bahnhofsgebäude Union Station als Austragungsort dazugekommen. Eine Location, die bereits einiges an Filmerfahrung vorweisen kann, „Blade Runner“ oder „The Dark Knight Rises“ wurden beispielsweise hier gedreht. So gab es die meiste Action auch in den prunkvollen Bahnhofsräumen, im Dolby Theater selbst ist dieses Jahr nicht viel passiert. Bryan Cranston durfte sich in der rund dreieinhalbstündigen Show lediglich einmal von dort für die Vergabe eines Sonderpreises melden.

Daniel Kaluuya Oscars 2021

ABC/AMPAS

Daniel Kaluuya wurde für seine Rolle in „Judas And The Black Messiah“ als bester Nebendarsteller ausgezeichnet.

See you down the road

Obwohl an einigen Stellen gekürzt wurde, ist die Veranstaltung nicht wirklich kürzer ausgefallen. Die Reden waren überlang, auf der Pro-Seite steht nur, dass sie sich immerhin kürzer angefühlt haben als der nominierte Film „Mank“. Einspieler für die Nominierten gab es keine und auch sonst war die Verleihung erstaunlich ereignislos. Immerhin, Glenn Close hat getwerkt, das wird in die Meme-Geschichtsbücher eingehen. Daniel Kaluuya hat seine Mutter mit einem Kommentar zu ihrer sexuellen Aktivität erröten lassen und die koreanische Schauspielerin Yuh-jung Youn kann unterhaltsame Dankesreden schwingen.

Oscars 2021

ABC/AMPAS

Frances McDormand wurde zur besten Hauptdarstellerin gewählt.

Mit Chloé Zhao gibt es eine sehr würdige Regie-Preisträgerin und „Nomadland“ ist wenig überraschend, dafür umso verdienter der Gewinnerfilm des Abends. Hinsichtlich Repräsentation haben die Oscars einen Schritt nach vorne gemacht, inszenierungstechnisch leider einen, wenn nicht sogar zwei Schritte zurück. Ob sich mit einer ambitionslosen Verleihung die sinkenden Einschaltquoten stoppen lassen, darf bezweifelt werden. Steven Soderbergh hat sich eher keinen Gefallen damit getan, seinen Namen vor der Verleihung mit der Show in Verbindung zu bringen.

Bleibt zu hoffen, dass nächstes Jahr mit weniger Einschränkungen wieder mehr Show möglich sein wird. Ein herausforderndes Filmjahr geht mit einer sehr interessanten und besonderen Oscarnacht zu Ende. Das mit einer flotteren Inszenierung probieren wir dann nächstes Jahr wieder. Bis dahin – see you down the road!

Die Oscarnacht im Detail

Regina King eröffnete die Verleihung und verkündete gleich die erste Änderung. Jeder Film beginnt nun mal mit einem Drehbuch, deshalb beginnen nun auch die Oscars mit der Verleihung der beiden Drehbuch-Kategorien. Die Nominierten sitzen an sehr schicken Tischen, sehen in dem Bahnhofsgebäude aber ein bisschen aus, als hätten sie gerade den Zug verpasst.

Emerald Fennell oscars 2021

ABC/AMPAS

Emerald Fennell gewinnt den Oscar für das beste Drehbuch für „Promising Young Women“.

Immerhin, Emerald Fennell („Promising Young Women“) darf vom Tisch aufstehen und sich, mehr als verdient, den ersten Oscar für das beste Drehbuchbuch abholen, während Florian Zeller und Christopher Hampton für „The Father“ den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch bekommen. Räusche gibt es seit einem Jahr ja nur mehr bedingt, mit der dritten Auszeichnung gibt es zumindest auf der Oscar-Bühne einen. Der Preis für den besten internationalen Film geht nach Dänemark an den Dogma95-Gründer Thomas Vinterberg, der, wie er sagt, einen Film über alte weiße Männer gedreht hat, die auch noch jüngeren das Trinken beibringen. True that, wahrscheinlich war auch bei den abstimmenden Academy-Mitgliedern viel Sehnsucht bei dieser Wahl dabei.

Der nächste Oscar eröffnet dann die Reihe der Schauspiel-Kategorien, die in diesem Jahr so divers ausgefallen sind wie nie zuvor. Das beweist auch gleich der Gewinner in der Kategorie Bester Nebendarsteller, Daniel Kaluuya („Judas And The Black Messiah“) für seine Rolle als Black-Panther-Aktivist Fred Hampton. Kaluuya ist auch ziemlich das Gegenteil von einem alten weißen Mann und repräsentiert ein neues Hollywood. Kaluuya bedankt sich dann bei seinen Eltern, dass sie Sex hatten: „It’s incredible! My mom met my dad, they had sex, it’s amazing!” Sehr höflich!

Viola Davis Oscars 2021

ABC / AP

Viola Davis war nominiert als beste Hauptdarstellerin in „Ma Rainey’s Black Bottom“, ging aber leer aus.

Den Kostüm-Oscar darf dann Don Cheadle verkünden. Würdig und recht, immerhin hat er als War Machine im Marvel Cinematic Universe wohl eines der schwersten Kostüme der letzten Filmjahre tragen müssen. Der Preis geht an Ann Roth für „Ma Rainey’s Black Bottom“, der Film über die legendäre Mutter des Blues Ma Rainey. Der Musikfilm hat zuvor auch schon für das beste Make-Up und Frisuren gewonnen.

Das erste Mal spannend wird es, als Vorjahresgewinner Bong Joon-ho („Parasite“) den Oscar für die beste Regie präsentiert und dabei über die Kunst des Regieführens philosophiert. And the oscar goes to Chloé Zhao! Das ist zwar alles andere als eine Überraschung, aber trotzdem eine große Freude. Zhao ist die zweite Frau, die in der über 90-jährigen Geschichte diesen Preis gewinnt, und Kenner*innen vermuten an diesem Punkt: Es wird nicht der letzte Oscar für „Nomadland“ bleiben.

Riz Ahmed Oscars 2021

Matt Petit / A.M.P.A.S.

Riz Ahmed bei den Oscars 2021

Das Überraschendste bis dahin ist übrigens, dass es möglich ist, die Oscar-Verleihung zeitlich kürzer und gleichzeitig gefühlt länger zu gestalten. Um zumindest dieser Zusammenfassung etwas Tempo zu verleihen, nun einige Gewinner*innen zusammengefasst: Schauspieler Riz Ahmed präsentiert die Kategorie Bester Sound, die in diesem Jahr aus den zwei fusionierten Kategorien Best Sound Mixing und Best Sound Editing besteht. Gewinner ist „Sound of Metal“, ein Drama über einen Schlagzeuger, der sein Gehör verliert. Logischer Preis. Bester Kurzfilm wird der sehenswerte Film „Two Distant Strangers“, der aktueller nicht sein könnte, wie auch die Regisseure Travon Free und Martin Desmond Roe betonen. „Two Distant Strangers“ thematisiert die alltägliche Polizeigewalt, der People of Colour ausgesetzt sind. Bester animierter Kurzfilm wird „If Anything Happens I Love You“, bester Animationsfilm wird “Soul”. Pixar-Mastermind Pete Docter holt sich damit seinen dritten Oscar ab und dankt allen Musiklehrer*innen. Die wunderbare Oscar-Gewinnerin Marlee Matlin präsentiert dann „Colette“ als besten Doku-Kurzfilm, es ist der erste Oscar für Facebook.

Bester Dokumentarfilm ist „Mein Lehrer, der Krake“, paradoxerweise wohl der meistgesehene Film im Nominiertenfeld. Die Doku über eine Freundschaft von Mann und Octopus war ein viraler Erfolg und hat mehr Buzz erzeugt als so mancher (oder jeder?) nominierte Film in der Königskategorie. Passend dazu ein Zitat des Machers James Reed: „If a man can form a friendship with an octopus what else is possible?” Bei diesen Oscars scheint wirklich alles möglich zu sein. Weiter geht es mit dem Preis für die besten visuellen Effekte, der an Christopher Nolans „Tenet“ geht.

Oscars 2021

ABC/AMPAS

Yuh-jung Youn gewinnt als beste Nebendarstellerin.

Es wird wieder ein bisschen spannend, der Preis für die beste Nebendarstellerin steht auf dem Programm. Es ist wohl eine der offeneren Kategorien mit keiner ganz klaren Favoritin. Anything can happen, mal abgesehen von einem Glenn-Close-Sieg. Die wird wohl zum achten Mal keinen Oscar mitnehmen. So geschieht es dann auch, gewonnen hat den Preis die koreanische Schauspielerin Yuh-jung Youn für ihre Rolle in dem wunderbaren Familiendrama „Minari“. Sie liefert die bis hierhin lustigste Dankesrede, vergibt darin allen Amerikaner*innen und Europäer*innen für die falsche Aussprache ihres Namens und hält mit ihrer Zuneigung für Brad Pitt nicht hinter dem Berg. Ihre Rede ist wohl eines der wenigen Highlights der diesjährigen Verleihung.

Der mit den meisten Nominierungen in den Abend gestartete Film „Mank“ über den Drehbuch-Twist zum Film „Citizen Kane“ gewinnt sogar zwei Preise, nämlich jene für die beste Kamera und das beste Szenenbild. Bester Schnitt gewinnt „Sound of Metal“ und ist der zweite Preis an diesem Abend für Dänemark, der Gewinner ist mit Mikkel E.G. Nielsen ein Däne. Beste Filmmusik gewinnen die beiden „Nine Inch Nails“-Musiker Trent Raznor, Atticus Ross sowie Jon Batiste für „Soul“. Bester Filmsong geht an H.E.R. für den Film „Judas And The Black Messiah“. Apropros Musik: Auf das sonst übliche Orchester musste die Academy dieses Jahr verzichten, die Gewinner*innen werden deshalb bei überlangen Reden nicht liebevoll von Streichern von der Bühne gedrängt, und an diesem Punkt fällt es nun auch auf, dass die Reden deutlich länger sind als sonst.

Oscars 2021

ABC/AMPAS

Glenn Close geht bereits zum achten Mal leer aus.

Jetzt sind wir dann fast durch. Drei Kategorien fehlen noch. Davor beweist aber Glenn Close noch, dass sie bitte gerne nächstes Jahr ihren Oscar hätte. „Hillbilly Elegy“ war ja nicht der erhoffte Preisbringer, aber ihre twerkende Performance bei den Oscars ist es! Von der twerkenden Glenn Close zum nächsten Programmpunkt ist es dann ein ziemlicher Sprung. Angela Bassett betritt nämlich die Bühne und liefert das Intro für üblicherweise einen emotionalen Höhepunkt, der Würdigung der verstorbenen Academy-Mitglieder.

Oscars 2021 Glenn Close

ABC / AP

Wenn schon kein Oscar, dann zumindest eine Twerkeinlage: Glenn Close

Die Überraschungen in der Preisvergabe sind bisher ausgeblieben, eine, die nichts mit den Gewinner*innen zu tun hat, kommt aber wieder vom Produktionsteam der Show. Die als Königskategorie geltende Auszeichnung für den besten Film wird nicht wie sonst üblich als letzte Kategorie vergeben, sondern als vorvorletzte. „Nomadland“ gewinnt den zweiten Oscar des Abends und Regisseurin Chloé Zhao holt neben Frances McDormand auch die Nomad*innen, die sich im Film selbst spielen, mit auf die Bühne.

Chloe Zhao und Swankie

Matt Petit / A.M.P.A.S.

Chloé Zhao und Nomadin Swankie bei den Oscars 2021

McDormand darf es sich in dem Bahnhofsgebäude gar nicht zu gemütlich machen, denn sie muss nach „Fargo“ und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ihren dritten Oscar als beste Hauptdarstellerin abholen. Beim letzten Oscar hat sie ja noch auf den Inclusion Rider hingewiesen, nun zitiert sie Macbeth.

Wir sind damit beim letzten Preis des Abends, jenem für den besten Hauptdarsteller, angekommen und eine Hypothese für die verdrehte Preisvergabe ist, dass die Macher*innen mit einem posthumen Sieg Chadwick Bosemans rechnen. Ein guter Schlusspunkt für die Show, das wäre ein emotionaler Höhepunkt am Ende. Die Produzenten haben aber nicht mit der Academy gesprochen, denn Chadwick Boseman bekommt den Oscar nicht. Anthony Hopkins gewinnt nach „Schweigen der Lämmer“ seinen zweiten Oscar. Blöd nur, dass Hopkins nicht da ist und so die 93. Ausgabe der Oscars ziemlich abrupt und ereignislos endet. Oscar interruptus.

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