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Artwork zum Computerspiel "Silicon Dreams"

Clockwork Bird

In „Silicon Dreams“ verhören wir emotionsgeladene Androiden

Als Verhörandroide enttarnen wir abweichlerische Kollegen. Oder schlagen wir uns auf ihre Seite und riskieren Strafen? Das Cyberpunk-Game „Silicon Dreams“ stellt uns vor schwierige Entscheidungen!

Von Robert Glashüttner

Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Werden künstliche Intelligenzen eines Tages Emotionen empfinden können? Sagen hochentwickelte Maschinen uns Menschen irgendwann den Kampf an? - Science-Fiction-Fragen dieser Art begleiten das Genre schon seit vielen Jahrzehnten. Und vor allem die gesellschaftlichen und ethischen Problemstellungen, die sich daraus ergeben, bringen uns immer wieder zum Nachdenken.

Science-Fiction-Geschichten werden leider (realistischerweise?) selten als Utopien gezeichnet. Positive Zukunftsaussichten der Marke Star Trek, in denen zumindest die Menschheit Krieg, Gier und moralische Ambivalenz weitgehend überwunden hat, sind in der Minderheit. Üblicherweise zeichnen Autor*innen dystopische Überwachungswelten à la „1984“ oder „Blade Runner“, in der die Menschheit ebenso durchtrieben wie heruntergekommen ist, riesige Tech-Konzerne skrupellos agieren, alles kontrollieren und demokratische Prozesse weitgehend zersetzt haben. Und wo Androiden als billige Arbeitskräfte geknechtet werden.

Das überstrapazierte Wort Cyberpunk

Diese düsteren, aber auch faszinierenden Zukunftsszenarien werden meist unter dem Genre Cyberpunk zusammengefasst. Der Begriff ist allerdings recht vage und kann entsprechend frei interpretiert werden: Von tiefgreifend philosophischen Abhandlungen bis hin zu schrillen, Aufmerksamkeit heischenden Inszenierungen sind die Ausdrucksformen weitläufig und vielfältig. Zu letzter Kategorie gehört etwa das Ende letzten Jahres erschienene und mit einem massiven PR- und Fan-Getrommle durchzogene Game „Cyberpunk 2077“, wo es mehr um plakative Aspekte der Marke Sex and Crime ging und für Kontemplation wenig Zeit blieb.

Ein neues Indiegame aus Österreich versucht sich nun an der anderen, quasi intellektuellen Seite von Cyberpunk: Der erzählerische Verhörsimulator „Silicon Dreams“ vom Zwei-Personen-Studio Clockwork Bird stattet uns nicht mit Waffen und Augmentierungen aus, sondern versetzt uns in einen Androiden, der andere Androiden und manchmal auch Menschen verhören muss. Der Auftrag- und somit unser Arbeitsgeber ist ein Konzern namens Kronos, der Androiden für unterschiedliche Zwecke herstellt. Die Verhöre beziehen sich nicht auf staatliche Gesetze, sondern dienen alleine unternehmerischen Vorgaben. Alles, was dem Konzern schaden könnte, gilt es zu verhindern - und dazu zählen vor allem unberechenbare, von ihrer originalen Programmierung abweichende Androiden und Menschen, die sie in ihrem subversivem Verhalten bestärken. Denn für Kronos sind die Subjekte reine Güter, die richtig zu funktionieren haben.

Freilassen, Überholen oder Ausmustern?

„Silicon Dreams“ ist im Grunde ein Textspiel, das (auf Englisch) auf stolze 96.000 Wörter kommt. Insofern könnte man das Game als interaktiven Roman bezeichnen, der mit einfacher, aber funktioneller Grafik und einem langsam-düsteren Synthiesoundtrack audiovisuell ergänzt wird. Wir spielen Verhörandroide D-0527, der auf verhaltensauffällige Haushaltsarbeits- und überarbeitete Fabriks-Bots ebenso trifft wie auf Androiden, die glauben, Menschen zu sein oder einen narzisstischen Schönheitschirurgen, der in dunkle Machenschaften verwickelt scheint.

„Silicon Dreams“, entwickelt von Clockwork Bird, ist für Windows, MacOS und Linux erschienen.

Das Ungewöhnliche an der Cyberpunk-Welt von „Silicon Dreams“ ist, dass alle Androiden imstande sind, sechs verschiedene Emotionen (oder eine Mischung daraus) zu empfinden: Angst, Wut, Trauer, Freude, Abscheu und Überraschung. Damit sind sie an der Schwelle zwischen Objekt und Subjekt. Implementiert wurden diese Emotionen, um den Androiden (indirekt) Motivation zu verleihen. Der gar nicht so kleine Nebeneffekt ist jedoch, dass sie mitunter psychisch instabil oder eben unsicher und in weiterer Folge womöglich abweichlerisch werden.

Durch unsere Befragung erfahren wir die Geschichte und die Probleme des jeweiligen Subjektes. Vor allem beim Nachfragen können wir entscheiden, ob wir uns eher empathisch oder bedrohlich verhalten, ob wir uns auf die Seite der Opfer schlagen oder unserem Auftraggeber hörig sind. Allerdings wird immer unsere Performance bewertet, und selbstverständlich werden wir auch ständig kontrolliert. Lehnt man sich also zu weit aus dem Fenster, gefährdet man sich selbst.

Screenshot aus dem Computerspiel "Silicon Dreams"

Clockwork Bird

Am Ende jedes Verhöres müssen spezifische Fragen beantwortet werden und es wird von Spielerin und Spieler die Entscheidung getroffen, was mit dem jeweiligen Subjekt passieren soll: Freilassen, technisch Überholen oder Ausmustern (wenn es sich um einen Androiden handelt), Freilassen oder Festnehmen (wenn es ein Mensch ist). Diese Entscheidungen sind einschneidend, für das jeweilige Subjekt ebenso wie für uns. Sympathisieren wir und flunkern ein bisschen in unserem Report, wie wir es vielleicht gerne würden, oder gehen wir lieber den sicheren Weg, der jedoch für die Verhörten meistens schlecht endet?

Mitreißende Dialoge

Die Präsentation ist spartanisch, und doch packt einen „Silicon Dreams“ von der ersten Minute an. Die meiste Zeit über sehen wir unser geöffnetes Tablet mit den Fragen und anderen Informationen sowie dem Emotionsrad und Kamerabildern vom manchmal auch gefesselten Subjekt. Die Chronologie der Fragen bleibt uns überlassen, und wir werden auch nicht gezwungen, alle Fragen zu stellen. Je länger ein Verhör dauert, desto mehr Zusatzfragen werden freigeschaltet. Manchmal bekommen wir während einer Befragung Mails, die uns zu bestimmten Handlungen drängen wollen, und oft vergeht auch einfach nur die Zeit und der oder die Verhörte macht von sich aus weitere Aussagen, die das Gespräch vorantreiben.

Trotz des guten Storytellings wird man leider hin und wieder ein bisschen aus der Geschichte gerissen, wenn Tippfehler auftreten oder Datenbankprobleme dafür sorgen, dass manche Worte oder Sätze in der falschen Sprache angezeigt werden (das Spiel ist auf Englisch und Deutsch verfügbar) oder gar nicht abgerufen werden. Bei so einem hohen Wortanteil sind derlei Fehler aber auch nicht allzu überraschend - und durchaus verschmerzbar.

Screenshot aus dem Computerspiel "Silicon Dreams"

Clockwork Bird

Ein bisschen Enthusiasmus für Science Fiction sollte man bei „Silicon Dreams“ mitbringen, um Freude damit zu haben. In Wahrheit aber beschäftigen uns die in diesem Spiel aufgeworfenen Fragen früher oder später alle: Sind Androiden Menschen irgendwann gleichgestellt, und wenn nein, warum nicht? Träumen sie vielleicht wirklich? Und sind sie möglicherweise auch in der Lage, zu lügen? Mit D-0527 finden wir es eventuell heraus, und lernen damit auch gleichzeitig einiges über uns selbst.

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