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Neues Superwolves Album

Jonah Freeman & Justin Lowe

Neues Superwolves Album

Zwei Randfiguren des Pop, die eigentlich mittendrin stehen, haben nach 16 Jahren wieder ein gemeinsames Album gemacht. Bonnie „Prince“ Billy und Matt Sweeney sind die Superwolves.

Von Christian Lehner

Wir wissen es, die Ungerechtigkeit in der Welt ist groß. Das gilt auch für die Popmusik. Und so fragt man sich, warum dieses großartige Stück Musik auf YouTube gerade einmal ein paar zerquetschte Views zählt.

„Ich wünschte du hättest recht“, sagt Bonnie „Prince“ Billy im Videochat: „Das sind alles berühmte Leute, das würde uns möglicherweise helfen.“ Ich hatte meinem bärtigen Gegenüber und Matt Sweeney, dem dritten Teilnehmer an der Videokonferenz, gerade erklärt, dass mich das Anfangsriff von „Make Worry For Me“ vom Feeling her an jenes von „Enter Sandman“ von Metallica erinnere, bloß rückwärts gespielt, und dass sich dieses Riff nur wenige Takte später in eine Akkordfolge auflöst, die an Supertramp oder die Bee Gees gemahne.

Die rechte und die linke Hand des Teufels

Das klingt übergeschnappt, aber davon handelt die Geschichte der Superwolves auch ein wenig. Als Supergroup bezeichnet man den (meist temporären) Zusammenschluss von Musiker*Innen, die man von diversen Bands her kennt. Die Superwolves sind so etwas wie die Super-League dieser Kategorie, nur mit etwas mehr Durchhaltevermögen. 16 Jahre nach dem Debüt „Superwolf“ erscheint dieser Tage das Nachfolgealbum „Superwolves“.

Neues Superwolves Album

Jonah Freeman & Justin Lowe

Matt Sweeney und Bonnie „Prince“ Billy, der bürgerlich Will Oldham heißt und sich als Musiker zahlreicher Pseudonyme bedient, haben sich Ende der Neunzigerjahre in New York kennen und schätzen gelernt. Seither machen sie zusammen Musik. Der Lebenslauf der beiden kann sich sehen lassen. Hier der enigmatische Bonnie „Prince“ Billy, der vielen als Prototyp des Bart tragenden Hipsters gilt, eine Trauerweide vor dem Herrn, der König der Alt-Country-Todesfugen, der sad Sonderling, für den Cornelia Funke – wir unterstellen es ihr – den Begriff „Tintenherz“ erfand, der beherzte Cross-Dresser und Filmschauspieler, der nicht einmal einen Keller besitzt, in den er zum Lachen gehen könnte (im Interview erwies er sich als schlagfertig und humorbegabt).

Dort der Gitarrist Matt Sweeney, den es - wie in einem Schelmenroman des Pop – immer wieder vom Rand ins turbulente Zentrum des Geschehens zieht. Der Mann hat eine Gabe für einfache Riffs und Finger-Pickings, die in Songs jedoch verborgene Schatzkammern öffnen können. Neil Young lädt Sweeney regelmäßig zum Essen ein. Billy Corgan verpflichtete ihn für das kurzlebige The Smashing Pumpkins-Nachfolgeprojekt Zwan. Zuvor werkte der aus New Jersey stammende, „ewige Schnauzbartträger“ (Sweeney) in den Rockbands Skunk und Chavez. Rick Rubin heuerte ihn für Studiosessions u.a. mit Adele, Neil Diamond und Run The Jewels an.

Johnny Cash und Neil Young als Fans

Und wer kann schon von sich behaupten, von Johnny Cash gecovert worden zu sein? Bonnie „Prince“ Billy kann es („I See A Darkness“, 2000). Seine Kollabo-Liste wartet ebenfalls mit illustren Namen wie Björk, PJ Harvey oder David Byrne auf. Es ist anzunehmen, dass der Vielschreiber mittlerweile selbst den Überblick über seine Liederflut, all die Covers-Alben und Features verloren hat. Nicht alle Veröffentlichungen entsprechen der Qualität von frühen Werken wie „Viva Last Blues“ (noch als Palace Brothers, 1995), doch das Superwolf-Debütalbum steht bei diversen Fan- und Kritiker-Rankings noch immer hoch im Kurs.

Neues Superwolves Album

Domino Rec

„Superwolves“, das zweite Album von Bonnie „Prince“ Billy und Matt Sweeney, ist auf Domino Records erschienen. Hier geht’s zum Interview-Podcast mit den zwei Superwölfen.

Bei dieser Werkdichte verwundert es nicht, dass sich Bonnie „Prince“ Billy und Matt Sweeney für „Superwolves“ 16 Jahre Zeit gelassen haben. Man sieht sich ohnehin immer wieder – privat und beruflich, zum Beispiel wenn Oldham Sweeney mal wieder für eine Tour anheuert. Der Prozess des Schreibens wurde vor gut fünf Jahren in Gang gesetzt. Der letzte Song tropfte kurz vor der Pandemie aus der Feder.

„Musikalisch ist das Album sehr viel weiter gefasst als die letzte Platte“, so Oldham. „Thematisch sind die Songs jedoch viel enger verwoben.“ Bonnie „Prince“ Billy, der es für „geradezu unverantwortlich“ hält, als Songwriter seine eigenen Stücke zu analysieren, spricht von zeitlichen Rahmenbedingungen, die die Texte in bestimmte Richtungen lenkten. „Es waren auch vor Corona turbulente Jahre“, so Oldham. „In meiner Familie hat es viele Zu- und Abgänge gegeben.“

Im Song „God Is Waiting” verarbeitet Bonnie „Prince“ Billy den Tod seiner Mutter, die an der Alzheimer-Krankheit litt. „She wouldn’t celebrate the joys of anyone. She’s moved beyond, she’s come undone”, singt er traurig. Am Ende des Songs schlägt die Trauer in Wut um: „But I’m not waiting, no not waiting anymore. God can fuck Herself, and does hardcore.”

In „Popsticles“ reicht Will Oldham der kleinen Tochter den Eislutscher. In „Resist The Urge“ verspricht er ihr, dass seine Liebe auch nach seinem Tod noch spürbar sein wird - *Schluchz*. Und wähnt man sich bei „Good To My Girls“ erneut im Wohnzimmer der Oldhams, erfährt man staunend, dass dieser Song aus der Perspektive einer Bordellbesitzerin geschrieben wurde, die sich alles andere als liebevoll, aber doch fürsorglich um ihre Sexarbeiterinnen kümmert. „I take them to the movies. I put food in their bellies. I sew the holes in their lives shut.”

Heuboden Stompers und Fingerpicking Balladen

Treuherzig begleitet Matt Sweeney die Geschichten seines Pals an der Gitarre. Sein am Spiel des 90er-Alt-Rocks angelehnter Stil produziert kleine Soundwolken, die die Texte umhüllen. Mal wabert es wohlig, mal bedrohlich. Leben kommt von den Finger-Pickings, für die Sweeney mittlerweile bekannt und begehrt ist. Im Refrain gibt er die zweite Stimme. Im Heuboden-Kracher „Hall Of Death“ bekommen die beiden Support vom Tuareg-Gitarrenmeister Mdou Moctar und dessen Band. Andere Gastmusiker sind David Ferguson am Mischpult, der Country-Tastenmann Mike Rojas und Gang Gang Dance Drummer Ryan Sawyer. Doch das fällt kaum ins Gewicht. „Superwolves“ ist eine Unterhaltung zweier Freunde auf Augenhöhe. Man kann das hören.

Diese Platte wird nicht mehr so hohe Wellen schlagen wie der Erstling, dafür ist die weirde und intime Strahlkraft dieses Duos schon viel zu etabliert, aber sie wird sehr viele Menschen, die Ohren dafür haben, auf angenehme und unangenehm angenehme Weise berühren. Die Superwolves heulen wieder den Mond an und wir heulen mit.

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