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Das neue St. Vincent-Album „Daddy’s Home“

Jahrelang hatte Annie Clark alias St. Vincent genussvoll ihren Art-Pop auf die Spitze getrieben. Auf „Daddy’s Home“ taucht die in Los Angeles lebende Musikerin nun tief in die Welt des Funk und Rock der Siebzigerjahre ein und widmet sich nur allzu menschlichen Schwächen.

Von Christian Lehner

Geht das? Queer sein, sich für Diversity einsetzen und trotzdem die sogenannte Cancel Culture kritisch hinterfragen? Klar, geht das. Während die einen noch das letzte Haar in Justin Biebers schön frisierter Dreadlocks-Annäherung nach Appropriationssauereien durchkämmen und die anderen, auf ihrer Erbmacht beharrend, in jeder Gleichstellungsfrage den kommunistischen Superfaschismus wittern, macht sich Annie Clark alias St. Vincent Gedanken darüber, was die Fixierung auf die jeweils extremsten Standpunkte in der öffentlichen Diskussion mit uns macht als menschelnde Menschen und kulturelle Wesen.

„Wir leben in turbulenten und polarisierenden Zeiten. Der Druck auf die Individuen wächst, auch in der Kultur, und als Resultat wünschen sich viele eine moralische Klarheit, die so nicht existiert“, sagt Annie Clark im FM4-Interview. „Die Urteile fallen immer rigider aus und Fehler werden kaum noch verziehen. Ich würde mir mehr Empathie und Nachsicht wünschen und weniger Scheiterhaufen.“

Art-Pop-Queen in menschlichen Niederungen

Anschauungsunterricht in Sachen Public Shaming hatte die mehrfache Grammy-Gewinnerin die letzten Jahre ausreichend erhalten. Die Trennung von ihrer Freundin, dem Supermodel Cara Delevigne, wurde von den Boulevardmedien genüsslich seziert. Als die Tabloids erfuhren, dass Clarks Vater wegen Wirtschaftskriminalität im Knast sitzt, war das auch ein schöner Anlass für unschöne Geschichten. Logisch, dass sich dieser Gossip auch in die mittlerweile stinkenden Kanäle der Social Media ergoss.

Für Clark, die sich als St. Vincent bisher als unnahbare und souveräne Art-Pop-Königin stilisierte, war das eine ernüchternde Erfahrung. Die Kunst war nicht mehr genug, dabei hatte St. Vincent so viel davon gegeben. Clark dachte lange Zeit, sie könne das System Pop austricksen, indem sie den Pop ästhetisch auf die Spitze trieb und sich als Privatperson dünn machte.

12.05.21 "Daddy's Home" - Neues Album von St. Vincent

Zackery Michael

„Daddy’s Home“, das neue Album von St. Vincent, ist auf Caroline/Universal erschienen. Hier geht’s zum Interview-Podcast mit St. Vincent.

Ihr letztes Album „Masseduction“ (2019) war ein kreativer Höhenflug, so klug, stilbildend und perfekt, wie es Gaga und Co. trotz massivem Ankauf von Kreativität und Produktionspower nie schaffen können. St. Vincent ist darüber hinaus eine der souveränsten Künstlerinnen im Umgang mit der viel diskutierten Sexualisierung des weiblichen Popstarkörpers. Wie in ihrer Musik verschiebt St. Vincent die Reizmuster ein wenig und sorgt so für leichte Irritierung im Schritt.

Das Duett mit Dua Lipa bei den Grammys 2019 war eine sinnliche Machtdemonstration, die wohl bis heute für nassfeuchte Träume in heterosexuellen wie queeren Schlafzimmern sorgen dürfte und keine Fragen offen ließ, wer hier in charge ist.

„Daddy’s Home“ ist nun die Anerkennung einer anderen Realität. Nach knapp 10 Jahren Haft wurde Clarks Vater aus dem Gefängnis entlassen. Was diese Zeit mit ihr gemacht hat, erzählt St. Vincent im Titelstück des Albums. „Yeah you did some time, well I did some time too“, singt sie über die verlorenen Jahre, die Leerstellen, die Scham und die Wut. Der Schuldspruch ereilt immer auch die Familie, will sie uns damit sagen. Clark musste tief in ihren Kindheitserinnerungen wühlen, damit dieser Mann im grünen Gefängnisanzug mit den Jahren als Vater nicht verblasste. Sie zeichnete Autogramme für Daddys Knastbrüder und versuchte, die Öffentlichkeit zum Schutz ihrer Mutter und Geschwister rauszuhalten, was am Ende nicht mehr gelang.

Vater im Gefängnis, Gossip in den News

Dass sie, die so gern die Kontrolle behält, bei den Interviews zum letzten Album Journalist*Innen in eine Art Uterus-Holzkasten Platz nehmen ließ und bei Fragen, die man sich selbst mit wenigen Klicks beantworten hätte können, vorgefertige Tonbandantworten abspulte, darf ruhig als kleiner Racheakt an der Presse gewertet werden. Auch bei der Promotion zum neuen Album klopfte bei Clark der Kontrollfreak in ihr an, wie diese Meldung zeigt. Aber darum geht es ja auf „Daddy’s Home“. Menschliche Schwächen wohin das Auge reicht – natürlich auch, wenn es in den Spiegel schaut.

Annie Clark: „Die Geschichte meines Vaters war der Ausgangspunkt für dieses Album, aber eigentlich geht es um mich und wie ich zunehmend lerne, meine Flaws zu akzeptieren. Die Songs sind voller kaputter Typen und ich war jeder einzelne von Ihnen. Ich habe versucht, Geschichten über Menschen zu erzählen, die versuchen, irgendwie durch das Leben zu kommen, ohne sie moralisch zu bewerten.“

Der Sound von „Daddy’s Home“ ist inspiriert von der Plattensammlung des Vaters. Dort tummelten sich Funk- und Rockalben aus den Siebzigerjahren von Sly And The Family Stone, King Crimson und Steely Dan. „Das war eigentlich schon immer meine Lieblingsmusik“, erzählt Clark. „Diese Songs sind der Grund, warum ich mit dem Gitarrenspiel begonnen habe. Ich habe das aber bisher in keinem meiner Alben gewürdigt.“

Sitar statt Kunstpop

Produziert hat erneut Jack Antonoff (u.a. Taylor Swift und Lana Del Rey). Statt wie bisher die E-Gitarre immer weiter zu verfremden und so von ihrem historischen Ballast zu befreien, begegnen uns in den Songs beinahe klassische Rock- und Funk-Riffs und -Licks. In Stücken wie der ersten Single „Pay Your Way In Pain“ oder „Live In The Dream“ hört man: St. Vincent hat die Gitarren-Grammatik von Prince und Jimi Hendrix studiert.

„Es war ein neues Gefühl, die Gitarre so zu spielen, wie eine Gitarre nun mal klingt. Ich musste das tun, weil ich vorher das Abstraktionsniveau ausgereizt hatte. Ich habe auch damit aufgehört, einen Song bis zur Perfektion zu überarbeiten. Bei einigen Stücken haben wir den ersten Take genommen.“

Als organischer Verbindungssound fungiert eine Electric Sitar aus den Sechzigerjahren, die in vielen Stücken prominent erklingt. „Jack hatte sie mitgebracht und ich habe sie im Stück ‚Down‘ ausprobiert“, sagt Annie Clark. „Das hat so gut funktioniert, dass ich nicht mehr davon lassen konnte, bis das Album durch war.“

Obwohl der Gefängnisaufenthalt und die Rückkehr ihres Vaters Stichwortgeber für das Album waren und es in den Songs um das Straucheln, Fallen und Nicht-unbedingt-wieder- auf-die-Beine-kommen geht, ist „Daddy’s Home“ keine traurige Veranstaltung geworden. St. Vincent präsentiert sich am Cover zwar als eine verbrauchte Downtown-Schönheit von Andy Warhols Factory Gnaden, aber ihr Blick strahlt auch Würde und Selbstbewusstsein aus. „Ich wollte weiche, beruhigende und warme Sounds verwenden und ich wollte mit alten Klängen neue Geschichten erzählen“, so Annie Clark.

Das Setting des Albums ist jenes New York der Sechziger- und Siebzigerjahre, das in all seiner sozialen Not und Verrohung ein Auge für gesellschaftlichen Außenseiter und Freaks hatte und sie zur Avantgarde einer neuen Zeit stilisierte. Vieles, das heute in der diversen Gesellschaft aufgeht und für die endgültige Anerkennung streitet, hatte damals seinen Anfang.

Das berühmte „Walk On The Wilde Side“ von Lou Reed kommt einen in den Sinn, wenn St. Vincent im Song „Melting Of The Sun“ eine ähnliche Parade von Außenseiterinnen auffährt. Nur handelt es sich bei den von ihr so amikal genannten Vornamen Joni, Nina und Tori um die Popgrößen Joni Mitchell, Nina Simone und Tori Amos, die im Laufe ihrer Karriere mit unterschiedlichen Formen von Abhängigkeit und Missbrauch zu kämpfen hatten.

Im New York der Siebzigerjahre

„Candy Darling“ ist eine Liebeserklärung an die oft besungene Schauspielerin und Transgender-Ikone desselben Namens, die sich – an Leukämie erkrankt – auf ihrem Totenbett fotografieren ließ und ihr eigenes Begräbnis organisierte. „Eine Freund von mir war ein Freund von ihr und pflegte sie, als sie krank wurde“, erzählt Annie Clark. „Auf diesen berühmten Fotos strahlt Candy Darling einfach so viel Glamour und Entschlossenheit aus.“

Annie Clark hat in letzter Zeit auch einen Ausflug ins Schauspielbusiness gemacht. Die Mockumentary „The Nowhere Inn“, bei dem sich Annie Clark selbst spielt, läuft am 18. Juni 2021 beim Slash 1/2-Festival in Wien.

Für die mittlerweile in Los Angeles lebende Annie Clark ist „Daddy’s Home“ - nach ihrem Song „New York“ vom letzten Album „Masseduction“ - eine weitere Ode an die Stadt und ihren Mythos. In den Songs ist viel die Rede von langen Nächten und späten U-Bahn-Fahrten zwischen Manhattan, Queens und Brooklyn. „Ich habe in New York noch immer eine kleine Wohnung“, sagt Annie Clark. „Und ich weigere mich, meine Identität als New Yorkerin aufzugeben. Für mich gibt es keine vergleichbare Stadt. Man zieht um die Häuser und kommt an diesen einen Block. Man hat sich dort verliebt, wieder getrennt, Nächte verlebt und eine Riesenratte bestaunt. Alles in New York vibriert vor Leben. Es gibt keinen besseren Ort.“

“Daddy’s Home” ist das sechste Album von St. Vincent. Es ist eine Gegenwartsbestimmung, die sich als Rückschau tarnt. „In den Siebzigerjahren gab es viele gesellschaftlichen Umbrüche und soziale Verwerfungen. Ich sehe hier eine Parallele zur Jetztzeit. Es waren harte Zeiten, aber Mann, die Musik war großartig. Ich hoffe, das wird man einmal auch über das Jahr 2021 sagen.“

Die Perfektionistin plädiert für einen menschlichen Umgang mit menschlichen Schwächen, für Empathie und Toleranz, für zweite Chancen, Wiedergutmachung und einen offenen Dialog. St. Vincent tanzt und wankt dafür durch eine fiktive Nacht im New York der Siebzigerjahre und bleibt trotzdem die Konzeptkünstlerin und Kunstfigur, die wir in der Vergangenheit so schätzen gelernt haben. Da hört man nicht nur mit den Ohren zu.

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