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Nava Ebrahimi Portrait

Peter Rigaud

Wortlaut

Nava Ebrahimi ist Jurorin bei FM4 Wortlaut und Teilnehmerin beim Bachmann-Preis

Vom Migrantenkind zur Autorin. Nava Ebrahimi erzählt von vielen Zwischenstopps in ihrem Leben und von verschiedensten Aussichten - bis hin zum Wettlesen in Klagenfurt.

Von Zita Bereuter

Nava Ebrahimi ist Autorin und lebt in Graz. Der Weg dahin hatte mehrere Stationen: Geboren in Teheran flüchten ihre Eltern nach Deutschland, als sie drei Jahre alt ist. Die Familie zieht von Köln in den Westerwald. „Alles so Kleinstädte, die den FM4 Hörer*innen nix sagen.“

An die Aussicht aus ihrem Kinderzimmer kann sie sich nicht mehr erinnern - zu oft sind sie umgezogen. Zwischen Köln und Mainz hat sie gefühlt überall mal gelebt, erzählt Nava Ebrahimi. In dem häufigen Herumziehen sieht sie ein typisches Migranten-Dasein: „Meine Eltern waren immer selbstständig, haben dann hier ein Lokal eröffnet, da eine Boutique. Ich glaube, meine Eltern hatten einfach Schwierigkeiten, sich irgendwo niederzulassen bzw. es hat sie eigentlich nie wirklich was an irgendeinen Ort gebunden. Deswegen so viele Umzüge.“

Nava Ebrahimi vor gelbem Hnitergrund

Peter Rigaud

Zuhause wird Persisch und Deutsch gesprochen. Ein Mischmasch, lacht Nava Ebrahimi. Jedenfalls sieht sie Persisch nicht wirklich als Muttersprache – schließlich habe sie in Deutschland erst so richtig sprechen gelernt. „Und jetzt ist definitiv Deutsch die Sprache, in der ich mich wohler fühle.“

Position beziehen

Nava studiert Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitet dann für verschiedene Zeitungen. Aus pragmatischen Gründen. „Das mit dem Journalismus war eher so ein bisschen Verlegenheit. Ich wollte eigentlich schon immer Autorin werden, aber hab’ mich diesen Sprung in dieses Wasser nicht getraut.“

Nicht zuletzt sieht sie das in ihrem Migrationshintergrund begründet. „Ich hatte jetzt nicht so dieses finanzielle Polster von zuhause aus, dass ich sagen konnte: Ich mach jetzt was ich will. Sondern mir war schon klar, dass ich unbedingt etwas machen möchte oder lernen möchte, mit dem ich dann noch Geld verdienen kann. Deswegen erst einmal Journalismus.“

Parallel dazu schreibt sie dann auch Prosa, ist Finalistin beim Open Mike und besucht die Bayerische Akademie des Schreibens, von Graz aus, denn dahin zieht sie 2012, der Liebe wegen. Ihren Mann hat sie übrigens beim Meltfestival kennengelernt. Musik spielt immer eine große Rolle in Nava Ebrahimis Leben. (Einige Songs spielt sie im FM4 Gästezimmer) Welche Aussicht sie sich sparen hätte können? Die auf ein festes Einkommen.

Position behaupten

Aber zurück zum Schreiben. Ihr erster Roman „16 Wörter“ wird 2017 u.a. als bestes österreichisches Debüt ausgezeichnet. Der Roman spielt im Iran, wo auch Teile ihres zweiten Romans „Das Paradies meines Nachbarn“ handeln, der 2020 erschienen ist. Coronabedingt sind sehr viele Lesungen ausgefallen.

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Radio FM4

Nava Ebrahimi ist Jurorin bei Wortlaut, dem FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb
Das Thema: „Aussicht“

Derzeit freut sie sich über ein Projekt mit einer befreundeten Illustratorin, sie schreibt jedoch an nichts Größerem. „Ich glaube, das hat auch mit der Pandemie zu tun, dass ich noch nicht so die Ruhe und die die Muße habe, mich auf ein größeres Thema einzulassen. Und ich glaube, was auch noch in mir arbeitet, ist diese Erfahrung, die wir da jetzt alle kollektiv und individuell gemacht haben. Also wie, in welcher Form, wird sich, soll sich diese Pandemie niederschlagen in kommenden Büchern?“ Das muss sich erst in ihr neu zusammensetzen. Noch ist vieles unklar, „am Horizont sehe ich zwar schon wieder Figuren und Geschichten, aber es ist noch nichts Konkretes.“

In jeder Positionen schreiben

Gerade in der Pandemie hat die Mutter zweier Kinder wenig Zeit zum Schreiben. Aus dieser Not heraus kann sie dafür überall schreiben. „Sobald ich schreiben kann, schreib’ ich. Wo, wie, wann und so ist da total zweitrangig. Ich bin wirklich so ein bisschen getrimmt und kann jede freie Zeit zum Schreiben nutzen." Das erinnert an extrem müde Leute, die in jeder Position schlafen können. Nava Ebrahimi lacht. Das ist ein schönes Bild. Ja, genau. Ich brauche das Schreiben extrem als Ausgleich. Und deswegen kann ich auch in jeder Position schreiben.“

In Wettbewerben positionieren

Seit zwei, drei Jahren liebäugelt Nava Ebrahimi mit dem Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt. Heuer wagt sie den Schritt und nimmt daran teil (Portrait Nava Ebrahimi D/A/IRN). Der Gedanke daran macht sie durchaus nervös. „Ja, ich dachte, ich wär cooler.“ Je näher das rückt, desto mehr fragt sie sich manchmal „was mich da eigentlich getrieben hat, mich einer solchen Öffentlichkeit auszusetzen?“ Wahrscheinlich braucht sie wieder mal eine Sensation. Anders kann sie es sich nicht erklären. „Natürlich will ich auch mit meinen Texten Menschen erreichen. Aber gut, dafür müsste man nicht nach Klagenfurt gehen. Also es ist schon ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Aufmerksamkeit.“

Für Nava Ebrahimi wird es der Sommer der Literaturwettbewerbe. Als Teilnehmerin bei Bachmann, als Jurorin bei Wortlaut: „Dadurch, dass ich auf beiden Seiten stehe, weiß ich halt, wie verletzlich und wie verwundbar und wie empfindlich man ist, wenn man sich mit einem Text bewirbt.“ Es macht keinen Unterschied, ob der autobiografisch sei oder nicht. „Es steckt auf jeden Fall ganz viel von einem selbst drin.“ Im Fall von Nava Ebrahimi kann das sehr spannend werden.
Wir wünschen ihr jedenfalls das Allerbeste. Mit Franzobel ist schon ein Bachmannpreisträger in der Wortlautjury. Vielleicht werden es ja noch mehr...

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