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Zurück zur Normalität?

Was sagen österreichische Konzert-Veranstalter über den 19. Mai, die 3G-Strategie und die Öffnungsschritte?

Von Susi Ondrušová

Wieder in ein Lokal gehen und Konzerte besuchen! Wer ein Ticket für Sharktank im WUK hat oder Ernst Molden und Nino aus Wien beim FrischLuft Open Air im Posthof besuchen wird, kann nach einer langen Durststrecke wieder Livemusik genießen. Endlich! Ist das der Schritt in die Normalität? Drei österreichische Veranstalter erzählen, was sich für sie ändert und was nicht.

FrischLuft Open Air in Linz

In einem „normalen“ Jahr hat der Linzer Posthof an die 250 Veranstaltungen mit über 100.000 Besucher*innen. Es werden drei Indoor-Bühnen bespielt und die Donaulände mit dem Ahoi Pop Sommer Festival. Heuer gibt es erstmals auch eine Open-Air-Bühne im Innenhof. Gernot Kremser leitet das Musikprogramm im Posthof Linz: „Wir sind alle kleine Experten geworden im letzten Jahr für allerlei Dinge, die wir vorher nicht kannten. Wir haben gelernt, draußen ist besser als drinnen. Wir haben verschiedene Orte abgewogen und sind schließlich auf ein großes Areal im Innenhof gekommen. Das ist wie ein Saal, rechteckig, an dem einen Ende eine Bühne, jetzt noch eine Bestuhlung, weil wir ja contact-tracen. Wir haben eine Bühne bestellt, 900 Sessel bestellt und die verteilen wir jetzt mit nach den Abstandsregeln, die einzuhalten sind. Wir haben der Verzweiflung keinen Raum gegeben, haben uns an manchen Tagen wirklich elend, hundeelend gefühlt, weil einfach nichts mehr gegangen ist, und haben am nächsten Tag wieder gesagt: Hey, the only way is up! Mach ma was! Plötzlich sind wir dann vor ein paar Wochen mit fast 39 Veranstaltungen dagestanden und haben gesagt: Boah, das kann sich aber sehen lassen, das macht totalen Spaß! Dieses magische Dreieck zwischen Künstler*innen, Besucher*innen und Mitarbeiter*innen bzw. Haus, das muss wieder funktionieren. Wir müssen in die Gänge kommen und alle Beteiligten wieder Mut schöpfen und Veranstaltungen genießen können.“

Lageplan für die Konzerte im Innenhof

Posthof Linz

Open Air im Posthof

Neben Shows mit folkshilfe, Oehl, Voodoo Jürgens und Cari Cari wird auch Thees Uhlmann im Juli beim FrischLuft Open Air auftreten und im September gibt es Besuch aus der Schweiz: Die Lockdown-Supergroup Brandao, Faber und Sophie Hunger werden ihr Programm aus Liebesliedern vorstellen.

Sitzplatz? Sitzplatz!

Ab dem 19. Mai gilt: Venues mit zugewiesenen Sitzplätzen dürfen nur bis zu 50 Prozent ausgelastet werden. Veranstaltungen im Freien sind mit maximal 3.000 Personen, in geschlossenen Räumen mit höchstens 1.500 Personen erlaubt. Veranstalter müssen ein Präventionskonzept vorlegen, Abstandsregeln müssen eingehalten werden. Die Besucher*innen müssen (auch im Freien) eine FFP2-Maske tragen und beim Eintritt gilt die 3G-Regel (geimpft, getestet oder genesen). Zusätzlich gibt es Covid-19-Beauftragte, die sich vor Ort um die Umsetzung der Regeln kümmern und so für die Sicherheit der Künstler*innen, Besucher*innen und Mitarbeiter*innen verantwortlich sind.

Schon letztes Jahr hat man im Posthof Linz bei Veranstaltungen bis 100 Personen gute Erfahrungen mit den Präventionskonzepten gesammelt. Für die neue FrischLuft-Konzertreihe hat man sich noch genauer mit Menschenströmen auseinandergesetzt. Stichworte: Sanitäranlagen, Gastro, Ticketkontrollen. Wo begegnen sich die Besucher*innen und wie kann ich garantieren, dass ein Konzertabend für alle Beteiligten sicher abläuft? Hinter den Kulissen waren die letzten Monate von den Vorbereitungen für diese neue Konzertsituation bestimmt.

Die wichtige Frage für die Branche ist: Ab wann lohnt sich aus wirtschaftlicher ein Konzertabend bei halber Auslastung und gleichzeitig deutlich höherem Personalaufwand? Gernot Kremser vom Posthof Linz sagt, dass diese Frage von Venue zu Venue und von Veranstalter zu Veranstalter unterschiedlich zu beantworten ist: „Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir uns im Eigentum der Unternehmensgruppe der Stadt Linz befinden und diese Stadt ganz klar den Wert von Kultur als ‚emotionalem Grundnahrungsmittel‘ erkennt, wie Walter Gröbchen das einmal so richtig benannt hat. Wir wissen jetzt plötzlich, was er damit gemeint hat, weil wir es auch spüren, wie wir plötzlich Mangelerscheinungen haben.“ Gernot Kremser erinnert auch daran, dass Veranstaltungen ein Wirtschaftsfaktor sind, man kann das mit Zahlen untermauern und auch anhand von Einzelschicksalen sichtbar machen.

Was ist also mit all den Menschen, die (neben den Künstler*innen) Veranstaltungen überhaupt möglich machen: Licht- oder Ton-Techniker*innen, Security-Personal, Mitarbeiter*innen, die für Bühnenaufbau und Einlasskontrollen zuständig sind, aber auch Grafiker*innen oder Social-Media-Beauftragte. Ein Jahr lang auf Öffnungsschritte zu warten, bedeutet auch, dass sich viele in der Branche nach neuen Jobs umgeschaut haben.

Kirche im Dorf lassen

Der 19. Mai bedeute kein „Comeback der Kultur“, meint Hannes Tschürtz, der am 21. Mai Sharktank im WUK in Wien veranstaltet. „Also lassen wir die Kirche im Dorf. Die existenzielle Bedrohung der Musikschaffenden in diesem Land und die außergewöhnliche Belastung der Veranstaltungshäuser werden durch die ‚Öffnungen‘ keineswegs verschwinden. Sie werden noch nicht einmal gemildert. Sie werden im schlimmsten Fall sogar verschärft, weil man uns/ihnen jetzt vormacht, man könne ja jetzt ‚eh wieder veranstalten‘." Hier beschreibt Hannes Tschürtz, was sich hinter den Kulissen, zwischen Gig-Announcement und den aktuellen Covid-19-Bestimmungen bei seiner Agentur Ink Music abgespielt hat.

Band auf der Bühne, Publikum sitzt mit Abständen auf Sesseln

Florian Lichtenberger

Little Element letzten Herbst im Wiener WUK

Leichter Optimismus

Die Stimmung bei den größeren Veranstaltungsagenturen ist zwar optimistischer als noch im März dieses Jahres, als die ersten Öffnungsschritte im Westen Österreichs verlautbart wurden, aber konkret bedeutet der 19. Mai und die neuen Bestimmungen für Konzerte nicht viel.

Filip Potocki ist Geschäftsführer von Arcadia Live, die zur deutschen FKP Gruppe gehören. Neben dem Wiener Büro ist er seit 2019 auch für FKP Scorpio Polen verantwortlich. Er darf sich 2022 über ausverkaufte Shows von Danger Dan freuen. Die Shows im Wiener Volkstheater gehören zu den wenigen Sitzkonzerten. Normalerweise bespielt Arcadia Live im Sommer die Metastadt und veranstaltet rund 400 größere und kleinere Konzerte in ganz Österreich, von Rammstein bis Basia Bulat. Der 19. Mai ist aufgrund der Sitzplatz-Bestimmungen für Arcadia noch nicht relevant. „Gut, dass die Zahlen runtergehen und die Leute sich impfen lassen. Für uns aber ist das in dem Segment, wo wir uns bewegen, noch nicht, was wir brauchen.“

Gefühlt „Jahre und Jahrzehnte“ war sein Team damit beschäftigt, alle seit 2020 geplanten Shows zu verschieben, durchführen kann man diese Konzerte erst wieder bei einem Normalbetrieb, wie es ihn vor der Pandemie gab. Auf die Frage, ab wann sich ein Konzert auszahlt, stellt Potocki die Gegenfrage nach dem Blickwinkel. Für die Besucher*innen kann sich ein Konzert auszahlen, wenn sie dort das erleben, was sie sich erhofft haben, für eine Agentur, die das erste Mal eine Band nach Österreich holen kann und plant, diese Band langfristig bei ihrer Entwicklung zu begleiten, kann sich ein Konzert auch mit wenig verkauften Tickets auszahlen. Aber rein rechnerisch betrachtet: „Vielleicht muss man einfach beim Simpelsten aller dieser Sachen bleiben, und zwar bei der Miete für eine Location oder eine Konzertvenue, die eine gewisse Kapazität hat. Diese Kapazität verändert sich nun mal aufgrund der notwendigen Auflagen. Dann kommt jetzt halt dazu, verändert sich die Miete in Relation auch oder verändert sie sich nicht? Und in der Regel verändert sie sich nicht, sondern bleibt gleich. Und wenn man das dann umlegt auf die mögliche oder maximal mögliche Ticketzahl, die man verkaufen kann, dann hat man halt Einnahmen und ein gewisser Teil fällt für die Miete flach. Der Punkt ist ja, das meiste bei den Mietkosten sind einfach die Personalkosten, und die sind jetzt nicht weniger, ganz im Gegenteil. Es wird teurer, man braucht mehr Personal, um Covid-19-Auflagen zu kontrollieren.“ Wirtschaftlich gesehen ist man hier also weit weg von einem Nullsummenspiel. Ganz zu schweigen vom Umstand, dass Shows, die vor Corona schon im Vorverkauf waren, mit der ursprünglichen Kapazität durchgeführt werden müssen und nicht einfach so runterskaliert werden können.

Die nächsten Wochen werden entscheidend sein

Für Filip Potocki fühlt es sich aktuell trotz Kurzarbeit und Homeoffice nach Aufbruchsstimmung an, aber entscheidend werde sein, wie der Sommer verläuft. Wird es eine Konzertsaison wie früher im vierten Quartal, also im Winter 2021, geben? Für Harry Jenner von Barracuda Music vorstellbar, aber Prognosen und Blicke in die Glaskugel seien mit Vorsicht zu genießen. Barracuda Music veranstalten an die 400 Konzerte im Jahr in ganz Österreich, von der FM4 Indiekiste zur Konzertreihe Beat The Fish wie auch das Nova Rock und das FM4 Frequency Festival. „Mit dem kann man sichs ziemlich am Bauch picken“, sagt Jenner zu den aktuellen Bestimmungen für Konzerte mit zugewiesenen Sitzplätzen.

Man kann sich das ausrechnen. Das Ticket kostet dann einfach das Doppelte und das ist niemand bereit zu zahlen. Sprich, das bedeutet bei uns weiterhin Stillstand. Nichtsdestotrotz: Ein Anfang ist gemacht. Irgendwo muss man anfangen.

Für die Konzertsaison im Spätherbst beziehungsweise im Dezember ist Harry Jenner vorsichtig optimistisch, dass Gigs mit 1.000er-Kapazität (Arena) oder 3.500 (Gasometer) zum Beispiel stattfinden werden können und dass „man im ersten Quartal 2022 wieder endgültig aus dem Vollen schöpfen wird können“. Impfungen sieht er für die globale Veranstalterbranche als die einzige Lösung, um zur Normalität zurückkehren zu können.

Wird das FM4 Frequency Festival stattfinden?

Ob und wie das FM4 Frequency Festival im August stattfinden wird, hänge vom Impfverhalten ab, so Harry Jenner: „Wichtig ist natürlich, dass sie alle sehr weit mit dem Impfen sind, sonst wäre das alles nicht möglich. Und ja, umso mehr geimpft zu uns kommen und spielen dürfen, desto besser ist es für alle Beteiligten, desto normaler wird das Leben wieder werden. Ich bin gespannt, wie sich das in Österreich entwickeln wird und wie die Entscheidung sein wird.“

Konkret arbeitet sein Team gerade an einer möglichen Umsetzung für das fast schon ausverkaufte FM4 Frequency Festival. Es gibt Hoffnung, dass Open-Air-Veranstaltungen mit 50.000 Besucher*innen möglich sein werden, vor allem weil in anderen europäischen Ländern Festivals mit weit mehr Besucher*innen erlaubt wurden. Das Pukkelpop in Belgien oder das Tomorrowland in Holland zum Beispiel sollen heuer stattfinden. Harry Jenner über ein mögliches FM4 Frequency Festival: „Wir haben unser Line-up. Wir klappern alle Acts ab, wer kommt, wer will gar nicht und und und. Es schaut bis jetzt nicht so schlecht aus, aber wir sind noch nicht alle durch. Die Artists durchzurufen ist noch das Leichtere. Die Produktion für 50.000 Besucher*innen pro Tag umzusetzen, ist wesentlich aufwendiger und wesentlich schwieriger. Das sieht nur der Gast nicht im Idealfall, außer wenn sie sich gerade beschweren, dass die Klos viel zu wenige sind. Daran arbeiten wir jetzt hauptsächlich. Wo kommen die Crews jetzt her, die ja auch geimpft sein sollten und die auch nicht alle ein Jahr lang gewartet haben auf uns et cetera.“

Harry Jenner will für ein Test-Event dieser Größenordnung vorbereitet sein, auch wenn die Regierung bislang „zero Ansagen“ gemacht hat: „Aus österreichischer Sicht weiß ich nicht mehr als vor einem Jahr. Das ist schon traurig. Ich weiß, was in Belgien ist. Ich weiß, was in Holland ist, aber ich weiß nicht, was in Österreich ist. Für meine Branche weiß ich eigentlich nicht mehr als vor März.“

Zukunftsfragen

Für uns Konzert- und Festivalfans sind die Öffnungsschritte und die angesetzten Livetermine ein willkommener Rettungsanker, um uns von der Lockdown-Realität der letzten Monate, gefühlt Jahre, zu erholen.

2022 - und das zeichnet sich jetzt schon ab - wird ein „heftiges Livekonzertjahr“, sagt Harry Jenner: „Da wird sicherlich um ein Drittel mehr los sein als normal!“ Filip Potocki ist ebenfalls gespannt, wie das Publikum auf die Livetermine reagieren wird, denn neben den verschobenen Gigs sind eben auch neue dazugekommen.

Weitere Aspekte, die die Livebranche 2022 beschäftigen werden: Welche Auswirkungen wird der Brexit auf das Tourgeschäft von UK-Bands haben? Wer in der EU touren möchte, wird nun mit logistischem Mehraufwand und auch mehr Ausgaben (Zoll, Visum etc.) rechnen müssen.

Außerdem: Wenn österreichische Venues aufgrund des hohen Nachholbedarfs schon ausgebucht sind und keine freien Gig-Termine mehr anbieten können, wie wird sich das auf die Route der Livebands auswirken? Ein Konzerttermin an einem Sonntag macht einen erheblichen Unterschied beim Ticketverkauf, als wenn ein Konzert unter der Woche oder am Wochenende (Jackpot) stattfindet. Werden Livebands also vielleicht einen Bogen um Österreich machen (müssen) und vermehrt in der Slowakei oder in Polen Konzerttermine buchen?

Am Ende des Tages stellt sich natürlich aber auch die Frage: Welche Konzerte und wie viele Konzerte leiste ich mir überhaupt pro Woche, Monat oder im Jahr? Sprich: Wie zahlungskräftig ist das österreichische Publikum nach knapp zwei Jahren Konzertdürre und Ausnahmezustand?

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