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black midi, drei Bandmitglieder sind als Zahnärzte & Patient dargestellt

Yis Kid

Malstrom, Wimmelbild, Höllenritt: black midi und ihr 2. Album „Cavalcade“

Vom Sektenführer bis zu Marlene Dietrich lässt das Londoner Bandwunder black midi auf seinem zweiten Album „Cavalcade“ eine skurrile Prozession aufmarschieren und übt sich weiterhin im lustvollen Zertrümmern jeglicher Genrebegrenzungen von Rock bis Krach.

Von Katharina Seidler

Der Name des Südlondoner Clubs The Windmill wurde in den letzten Jahren zu einer Art Qualitätssiegel für innovative, junge Künstlerinnen und Künstler. Squid, Sorry, Black Country, New Road, Dry Cleaning, Goat Girl oder auch Sinead O’Brien, sie alle nahmen in der Brixtoner Venue Anlauf für derzeit stark nach oben strebende Popkarrieren, und auch die derzeit zum Trio geschrumpfte, vielgehypte Bandsensation black midi gab in der Windmill ihr Bühnendebüt und ergatterte in Folge dort gleich eine monatliche Konzert-Residency.

black midi "Cavalcade" Album

Rough Trade

„Cavalcade“ von black midi ist am 28.5.2021 via Rough Trade erschienen.

„Der Club selbst ist nicht unbedingt ein umwerfender Raum“, versucht black midi-Hauptsänger Geordie Greep im FM4-Interview die Magie der Windmill einzufangen, „aber sein Programmverantwortlicher, Tim Perry, hat einen ausgezeichneten Musikgeschmack und das Publikum verlässt sich auf seine Bookings, auch wenn es die auftretenden Acts nicht kennt. Im Gegensatz zu den meisten Londoner Clubs musst du dort als Band nicht ankündigen, wie viele Leute du anlocken wirst, man vertraut einfach auf die Musik.“

Im Fall von black midi ist dieses Vertrauen voll aufgegangen. Künstler*innen wie St. Vincent, Shame oder Damo Suzuki von Can überschlagen sich ebenso vor Begeisterung wie die Popmusikpresse von Pitchfork bis Guardian; für ihr Debütalbum „Schlagenheim“ wurden black midi für den renommierten britischen Mercury Prize nominiert. Dies ist nicht etwa wegen ihres damals besonders zarten Alters von 19 bemerkenswert, sondern wegen ihres Sounds, der neben der Beschreibung „einzigartig“ auch Eigenschaften wie sperrig, kantig oder ausufernd in der Liste führt.

„black midi Bring Avant-Prog to the Masses“, titelte gar das Paste Magazine, und tatsächlich werden Fans von Math-Rock und eben Prog bei den vier Musikern ebenso fündig wie Postrockerinnen, Pophörer, No-Waverinnen, Freejazzer oder Noise-Fetischistinnen. black midi-Songs sind bis zu zehnminütige, überladene Rockopern, meist ausgezeichnet durch ihren hektischen Stop-and-Go-Aufbau. Gitarren, Geigen, Saxophone, Geordie Greeps überkandidelt croonende Stimme und Drummer Morgan Simpsons beinahe unfassbare Rhythmuskonstruktionen bauschen sich für gewöhnlich zu dissonanten Klangwolken zusammen, um dann plötzlich abzubrechen und ein einzelnes Instrument in der Luft hängen zu lassen. Die Pause knistert elektrisch vor Spannung, dann bricht es wieder los. „This garbling non-song whips throng into frenzy“, diese Zeile aus „John L“, der ersten Singleauskoppelung aus „Cavalcade“, ist bei black midi Programm; die Energie, die aus ihrer Musik förmlich heraus explodiert, hat die Kraft von Punk.

„Three encores of ‚Oh Sonny Boy‘ backed only by accordion
Three rows of pale brunettes protect him from the crowd
And the curtain is a patchwork of imitation vermillion
And a red bulb hangs over the throne that has been found
This is the scene on Main Street, when John Fifty comes to town"

(black midi - John L)

Ein angebeteter Sektenführer, gehüllt in königliches Zinnoberrot, führt die ungeheuerliche Parade an, die black midi auf ihrem zweiten Album heraufbeschwören. Der Albumtitel "Cavalcade“ bezeichnet einen festlichen Reiterzug, und neben John, dem Fünfzigsten, treffen wir darin etwa einen Leichnam in einer Diamantenmine - erzählt aus der Ich-Perspektive: „On an anthracite field I am laid out and a diamond drill takes my feet off“ - und Hollywood-Ikone Marlene Dietrich. Sie verkörpert für die Band das reine Glück des Performens. „Sie war nicht die beste Sängerin oder Tänzerin und sie startete ihre Karriere vergleichsweise spät, aber sie steht für die unbändige Lust am Spielen“, erklärt Geordie Greep. Der dazugehörige Song ist gleichwohl einer der zartesten, poppigsten im Werk von black midi, er schwingt gar im verliebten Bossa-Nova-Takt: „And she makes us smile with her Mackie Messer“

„Slow“ von black midi als FM4 Song zum Sonntag.

Die Bürde des zweiten Albums nach einem vielgelobten Debüt nahmen black midi ebenso achselzuckend wie die verordnete Zwangspause durch die weltweite Pest. „Wenn überhaupt, dürfen wir für die Zeit nach der Pandemie mit besseren Alben rechnen“, meint Greep dazu lapidar. „Das Pausen-Jahr schenkte uns allen das Einzige, was man nicht mit Geld kaufen kann, und zwar Zeit. Zeit, um herumzuprobieren, zu üben und Ideen zu sammeln.“ Dass jemand wie er und seine Bandkollegen dementsprechend gleichgültig mit Genrekonventionen und Songschemata oder gar Erwartungshaltungen aus dem Popbusiness umgehen, kann man sich also vorstellen.

„Cavalcade“ atmet ebendiese Freiheit, im zweiminütigen, beinahe slapstickhaften Freejazz-Funk von „Hogwash and Balderdash“ ebenso wie im abschließenden Mini-Musical „Ascending Forth“ (sic!), das seinen eigenen tonalen Aufbau in aufsteigenden Quarten („ascending fourths“) zelebriert: „Everyone loves ascending fourths“. Ein Wimmelbild von einem Album, ein fiebriger Malstrom, der die Nerven der Zuhörenden stellenweise arg strapaziert, um sie am Ende dann doch irgendwie frisch zusammengesetzt wieder auszuspucken.

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