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Wie feiern wir im Freien?

Nächste Woche ist es soweit: Nach endlosen Monaten sperren die Clubs endlich wieder auf. Ganz weg war das Tanzen allerdings nie: In den letzten Wochen haben sich die Partys nämlich einfach ins Freie verlegt.

Von Melissa Erhardt

Samstag Nacht am Maria-Theresien Platz in Wien. Die Pride ist vorbei, die Clubs sind immer noch zu. Vom Tanzen und Weiterfeiern hält das aber die wenigsten ab: Wie so oft in den letzten Monaten hat sich die Tanzfläche einfach nach draußen verlegt, spontan und angetrieben von der überbordenden Motivation der Leute, die seit Monaten nicht wissen, wohin mit sich.

Am Samstag befindet sich so ein Dance-Pop-Up vor den Treppen des Naturhistorischen Museums; mittelmäßige Boxen reichen aus, um eine Menge von ungefähr 150 Menschen zum Tanzen zu bringen. Pride-gemäß ist die Musik natürlich eine Mischung aus Trash-Pop, Italo-Disco und ballernden Beats, zu denen die Leute abgehen. Zur selben Zeit gibt es zumindest zwei Raves auf der Donauinsel und auch auf dem Karlsplatz, dem Donaukanal und dem Stadtpark ist wahrscheinlich die Hölle los. Für manche hat das Ganze gar etwas von einem anarchistischen Straßenfest, wie ein Tanzender erzählt:

„Es hat ein bisschen was von Reclaim the City. Die Räume werden einfach genommen und angeeignet, das finde ich ziemlich nice.“

Menschen, die es gewohnt waren, Woche für Woche feiern zu gehen, zu tanzen und dabei vor allem andere Menschen kennen zu lernen, hatten es besonders in den Wintermonaten der Corona-Pandemie schwer. Dieser Frust gegen fehlende Maßnahmen und die Priorisierung von ganz anderen Lebensbereichen kommt auch auf der Tanzfläche wieder zum Ausdruck, wie eine Studentin erzählt:

„Man merkt einfach, wie krass wichtig das ist für Menschen, sich nahe zu sein und zu tanzen, das ist das, was uns glücklich macht. Im Endeffekt hat die Pandemie gezeigt, welche Werte und welche Bedürfnisse wichtig sind und bei welchen Bedürfnissen eher gesagt wird ‚Ja, da kann man schon zurückstecken‘. Geld machen und arbeiten ist es jedenfalls nicht, aber all die Bedürfnisse wie Liebe und Zärtlichkeit werden außer Acht gelassen. Jetzt gerade sprießt einfach alles über und es fühlt sich ein bisschen an wie eine zweite Pubertät.“

Wie umgehen mit der Angst vor einer Ansteckung?

Die Angst vor einer Ansteckung ist zwar auch draußen präsent, die meisten haben aber Wege gefunden, damit umzugehen. Manche stellen sich weiter weg, um nicht direkt in der Menge zu stehen, andere fragen zumindest bei bekannten Menschen nach, ob diese getestet, geimpft oder genesen sind. „Alle sind sehr vorsichtig und bemüht darum, dass jeder sich wohl fühlt, da sind eigentlich alle auf derselben Seite“, erzählt eine Feiernde. Anderen genügt die Impfung als Sicherheit, wieder andere setzen auf „alternative Immunisierung“:

„Ich hab 3,5 Promille, ich hab keine Angst vor einer Ansteckung.“

Aber wie schaut es aus, wenn die Clubs nächste Woche wieder aufsperren? Ich bin wohl nicht die einzige, der im Sommer im Club das Atmen vor lauter Hitzestau und Sauerstoffmangel manchmal schwerfällt. Auch zwischen den Museen ist die Meinung hier gespaltener: „Es kommt darauf an, wer in die Clubs reindarf. Sind die genesen, geimpft oder nur getestet? Tests haben keinen Wert. Ich bin Arzt von Beruf und ein Test sagt nur aus, was im Moment ist. In einem Club, wo so viele Leute sind, auf so einem kleinen Platz, mit so wenig Luft - da finde ich das sehr gefährlich, vor allem jetzt mit der Delta-Variante.“ Andere sind da zumindest etwas optimistischer: „Heute hab ich mir noch gedacht, ich hab ein bissl Angst davor, dass ich Angst in einer Menge hab, und dann war ich in der Menge und hab mir gedacht: Ma, es ist so wunderschön.“

Spätestens die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Feiernden am Karlsplatz vor zwei Wochen haben Diskussionen darüber gestartet, wie viel Platz junge Menschen in der Stadt eigentlich einnehmen dürfen und ob die Stadt nicht dafür sorgen sollte, dass mehr Flächen zum Feiern bereitgestellt werden. Für die Menschen hier ist das aber nicht notwendig: „Ich glaub ehrlich gesagt, dass die Menschen nicht auf die Stadt angewiesen sind, um sich solche Räume zu schaffen. Die sinnvollste Art, solche Räume zu schaffen, ist, sie einfach auftauchen zu lassen und darauf zu beharren, dass sie existieren. Es ist aber natürlich auch ein Spannungsfeld zwischen ‚Reclaime ich tatsächlich Räume in der Stadt mit dem Gedanken, einen Freiraum aufploppen zu lassen‘ oder sind’s irgendwelche marodierende Männerbanden und es gibt die Geräusche von platzenden Flaschen?“ Ähnlich sehen das zwei junge Frauen: „Ich glaub’ wenn die Stadt viel macht ist es vielleicht zu uncool und dann machen die Leute eh was anderes. Das meiste ergibt sich eh irgendwo. Aber Klos und Trinkbrunnen, das wäre ganz cool“.

FM4 Auf Laut: Wie feierst du?

Viele hatten nicht mehr zu hoffen gewagt, doch die Öffnung der Nachtgastronomie kommt nun doch überraschend plötzlich: Mit 1. Juli fällt die Sperrstunde und die Clubs sperren wieder auf. Tanzen und Feiern wird mit der 3G-Regel ohne Maske und Abstand auch indoor wieder möglich sein. Doch gefeiert wurde und wird bereits vor allem im Freien. Und das quer durch Österreich, daran ändern auch verschärfte Polizeieinsätze wenig. Es mangelt dabei oft nicht nur an Toiletten und Infrastruktur für den Müll. Viele junge Menschen sind noch ungeimpft, wodurch das Risiko steigt, sich mit der neuen Delta-Variante des Corona-Virus zu infizieren.

Wie feierst du derzeit? Was braucht es zum Feiern? Wirst du wieder in die Clubs gehen? Und was ist mit der Pandemie? Claudia Unterweger diskutiert mit Partybesucher*innen und Clubbetreiber*innen über Open Air Rave-Erfahrungen, das Comeback der Clubkultur und damit verbundene Probleme, Wünsche und Hoffnungen aus der Sicht der Jugendlichen. Anrufen unter 0800226996 und mitdiskutieren, in FM4 Auf Laut am Dienstag ab 21 Uhr.

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